Filmkritik
Wo ein Mensch in Not ist, schickt Gott ihm einen Hund
Luc Bessons „DogMan“ im ZDF-Montagskino – eine Filmbesprechung mit offen zugegebener Hundehalter-Befangenheit
Ein Mann im Abendkleid, blutverschmiert, am Steuer eines Lasters voller Hunde. So beginnt Luc Bessons „DogMan“, den das ZDF am Montagabend gezeigt hat. Ich habe den Film als Hundehalter gesehen – und er hat mich tiefer getroffen, als ich erwartet hatte.
Ein Montagabend ohne Vorwissen
Ich bin ohne jede Erwartung in diesen Film gegangen. Kein Trailer, keine Kritik, kein Hintergrund – nur der Programmhinweis auf das ZDF-Montagskino, das DogMan am 28. September als deutsche Free-TV-Premiere zeigte.1 Vielleicht war das gut so. Denn was dann kam, hätte ich mir nach einer Inhaltsangabe wohl kaum angesehen.
Worum es geht
Eine Verkehrskontrolle in einer Regennacht in Newark. Am Steuer eines Lastwagens sitzt ein Mann im rosa Abendkleid, geschminkt, verletzt, im Laderaum Dutzende Hunde. Douglas heißt er, und er sitzt im Rollstuhl. Weil niemand weiß, was man mit ihm anfangen soll, wird die Psychiaterin Evelyn gerufen. Sie ist alleinerziehend, selbst von einer schwierigen Beziehung gezeichnet – und vielleicht deshalb die Erste, die Douglas wirklich zuhört. Aus ihren Gesprächen in der Zelle entfaltet sich in Rückblenden sein Leben.
Douglas wächst bei einem Vater auf, der mit Hundekämpfen Geld verdient, und einem Bruder, der sich hinter frommen Sprüchen versteckt. Die Mutter hält es irgendwann nicht mehr aus und geht. Als der Junge sich auf die Seite der Hunde stellt, sperrt der Vater ihn zu ihnen in den Zwinger. Doch die Tiere greifen ihn nicht an, sie nehmen ihn auf. Am Ende dieser Kindheit steht eine Gewalttat des Vaters, nach der Douglas nicht mehr laufen kann.
Es folgen Jahre im Heim. Eine junge Theaterschülerin bringt ihm Shakespeare nahe, er verliebt sich, sie verschwindet aus seinem Leben. Als Erwachsener kümmert sich Douglas um herrenlose Hunde, lebt mit ihnen in einem leer stehenden Gebäude und findet an den Wochenenden in einem Drag-Club eine Bühne, auf der er als Édith Piaf oder Marlene Dietrich singt – die einzigen Momente, in denen er sich frei zu fühlen scheint.
Um seine Hunde durchzubringen, schickt er sie auf Diebestour. Die Tiere schleichen sich in die Villen reicher Leute und holen Schmuck heraus, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Douglas sieht darin eine Art Umverteilung. Zugleich wird er zum stillen Beschützer seines Viertels: Als eine Bande dort Schutzgeld erpresst, stellen sich ihm seine Hunde in den Weg. Die Gang schlägt zurück und dringt in das Haus ein, in dem Douglas mit seinem Rudel lebt. Was dann geschieht und wie Douglas in jener Nacht im Abendkleid auf der Straße landet, erzählt der Film selbst – ich will es hier nicht vorwegnehmen.
Was ich nicht wusste
Während des Films war ich mir sicher, einen amerikanischen Film zu sehen. Newark, New Jersey, Polizeiverhör, Gangs, Kirchen, ein Pathos, das dick aufgetragen ist – alles schien mir typisch Hollywood.
Erst beim Nachlesen habe ich erfahren: DogMan ist ein französischer Film. Gedreht auf Englisch, spielend in den USA, aber produziert von Luc Besson und seinen französischen Firmen.2 Gedreht wurde überwiegend in einem Studio in Frankreich.3 Besson ist der Regisseur von „Léon – Der Profi“, „Nikita“ und „Das fünfte Element“.
Das hat meinen Blick auf das Pathos verändert. Was ich für amerikanisch hielt, ist der Blick eines Europäers auf Amerika – ein Amerika, wie man es aus dem Kino kennt, nicht wie es ist. Man kann das als Klischee abtun. Man kann es aber auch als eine Art Traumlandschaft lesen, in der Besson seine Figur überhaupt erst aussetzen kann.
Ein Zeitungsartikel als Ausgangspunkt
Wie kommt man auf so eine Geschichte? Besson hat erzählt, dass ihn unter anderem ein Zeitungsartikel über eine französische Familie angeregt habe, die ihr fünfjähriges Kind in einen Käfig sperrte. Ihn habe die Frage beschäftigt, was so etwas mit einem Menschen macht – und wie man damit weiterlebt.4
Ich will hier vorsichtig sein: Das ist keine „wahre Geschichte“, auch wenn manche Ankündigung es so klingen lässt. Besson spricht von einer Anregung, und seine Angaben dazu sind nicht immer dieselben.5 Wichtiger scheint ihm ohnehin etwas anderes. Der Kern sei nicht der Junge bei den Hunden, sagte er in einem Interview, sondern dass die Gesellschaft nicht akzeptiere, wer anders ist.5
Der Film beginnt mit einem Satz, der dem französischen Dichter Alphonse de Lamartine zugeschrieben wird. Sinngemäß: Wo ein Mensch in Not ist, schickt Gott ihm einen Hund.6 Man kann das kitschig finden. Ich fand es, ehrlich gesagt, ziemlich zutreffend.
Caleb Landry Jones
Was diesen Film trägt, ist sein Hauptdarsteller. Caleb Landry Jones spielt Douglas mit einer Mischung aus Zerbrechlichkeit, Würde und stiller Wut, die mich den ganzen Abend nicht losgelassen hat. Für mich war das eine der eindrucksvollsten schauspielerischen Leistungen, die ich seit Langem gesehen habe.
Die Vorbereitung war offenbar aufwendig. Jones nahm Ballett- und Gesangsunterricht, besuchte die Wölfe eines Tiertrainers, ging mit einem Zirkuselefanten spazieren und ließ sich von einem Arzt erklären, was Schussverletzungen mit einem Körper machen.7 2021 war er in Cannes bereits für Nitram als bester Darsteller ausgezeichnet worden.8
Bemerkenswert fand ich beim Nachlesen: Selbst Kritiker, die mit dem Film wenig anfangen konnten, nehmen Jones fast durchweg aus. Die gemischten Urteile galten nicht ihm, sondern dem, was um ihn herum passiert.7
Die Kritik ist sich uneins
DogMan lief 2023 im Wettbewerb von Venedig, ging aber leer aus.2 Danach teilten sich die Lager. Auf dem Bewertungsportal Rotten Tomatoes urteilte nur gut die Hälfte der Kritiker positiv, beim Publikum waren es deutlich mehr.2 Diese Lücke zwischen Fachpresse und Zuschauern ist für mich einer der interessantesten Befunde.
Peter Bradshaw vom britischen Guardian fand den Film durchaus sehenswert und Jones fesselnd, das Ganze aber oberflächlich – allerdings mit viel Schwung gemacht.9 Euronews hielt ihn für abgekupfert, vor allem bei „Joker“ und „Das Schweigen der Lämmer“.10 Das US-Portal IndieWire störte sich daran, wie der Film frühen Missbrauch mit Douglas’ späterem Auftreten in Frauenkleidern verknüpft.11 Das ist ein Einwand, den ich ernst nehme, auch wenn ich die Bühnenszenen selbst eher als Befreiung erlebt habe.
In Deutschland fiel das Echo ähnlich gespalten aus. Das epd Film nannte den Film eher eine Wunscherfüllungsmaschine als ein echtes Drama.12 Der filmdienst sah darin am ehesten einen Superheldenfilm mit Hunden, dem gerade seine Uneinheitlichkeit gut tue.13 Der Falter bemängelte „küchenpsychologische Puzzleteile“.14 Und der Perlentaucher schwärmte von einem „ganz wunderbaren Genrefilm“.15
Wer einen richtigen Verriss sucht, findet ihn übrigens ausgerechnet in Frankreich. Die Zeitschrift Les Inrockuptibles sprach sinngemäß von Abgründen an Dummheit und schlechtem Geschmack, die den Film fast schon wieder faszinierend machten.16 Auch an der Kinokasse lief es dort schlecht: Es war der schwächste Start eines Besson-Films seit seinem Debüt.17 Den Vorwurf, das sei typischer Ami-Kitsch, kann man dem Film also schwer machen. Den härtesten Gegenwind bekam er aus der eigenen Heimat.
Die Gewalt
Einige Szenen sind schwer auszuhalten. Der Film ist ab 16 freigegeben,18 und das zu Recht. Interessant fand ich, dass der Hollywood Reporter ihn gemessen an Schüssen und Leichen zu Bessons zurückhaltenderen Filmen zählt.19
Ich glaube, das erklärt, warum mich die Gewalt trotzdem so getroffen hat. Es ist nicht die Menge. Es ist die Gewalt gegen ein Kind. Und es sind Hunde, die als Waffe eingesetzt werden – erst vom Vater, später auch von Douglas selbst. Als Hundehalter sieht man diese Szenen anders. Man weiß, wozu ein Hund fähig ist, wenn ein Mensch ihn dazu bringt. Und man weiß, dass die Verantwortung dafür nie beim Hund liegt.
Warum mich der Film trotzdem erwischt hat
Ich lebe mit einem Malinois. Wer diese Rasse kennt, weiß, wie genau diese Hunde ihren Menschen lesen, wie viel sie wahrnehmen, wie wenig man ihnen vormachen kann. Im Film fällt sinngemäß der Satz, Hunde seien immer ehrlich.20 Das habe ich wiedererkannt.
Mir ist klar, dass meine eigene Bindung an Hunde mein Urteil färbt. Ich will das gar nicht verstecken. Vielleicht hat mich DogMan gerade deshalb so tief erreicht: weil er von etwas erzählt, das ich jeden Tag erlebe – dass ein Tier einem Menschen Halt geben kann, wenn andere Menschen es nicht tun.
Ja, der Film ist pathetisch. Er springt zwischen Psychodrama, Krimi, Bühnenshow und Actionfilm hin und her, und nicht jeder Sprung gelingt. Aber er meint es ernst mit seinem Außenseiter. Und er hat einen Hauptdarsteller, der diese Ernsthaftigkeit glaubwürdig macht.
Fazit
DogMan ist kein makelloser Film. Aber er ist einer, der nachwirkt. Wer mit starken Szenen umgehen kann und sich auf einen ungewöhnlichen, manchmal überdrehten Film einlässt, sollte ihn sich ansehen – als Hundehalter vielleicht mit einer Hand im Fell des eigenen Hundes. Das ZDF bietet ihn für einige Zeit in der Mediathek an.21
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klamm.de/Quotenmeter, «DogMan» feiert Free-TV-Premiere im ZDF, 05.09.2026. ↩
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Wikipedia, Dogman (2023 film), abgerufen 29.09.2026. ↩ ↩ ↩
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The Hollywood Reporter, Caleb Landry Jones, Luc Besson Talk ‘DogMan’ at Venice, 31.08.2023. ↩
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La Biennale di Venezia, Dogman – Director’s Statement, 22.08.2023. ↩
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Korea JoongAng Daily, Director Luc Besson aims to impress with ‘Dogman’, 25.01.2024. ↩ ↩
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Der Watchdog, DogMan – Kritik, 22.02.2024. ↩
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IndieWire, DogMan – Caleb Landry Jones Interview, 27.03.2024. ↩ ↩
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Deadline, Caleb Landry Jones Interview, 31.08.2023. ↩
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Peter Bradshaw, The Guardian, Dogman review, 06.03.2024 (PressReader). ↩
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David Mouriquand, Euronews, Venice 2023 review – Dogman, 01.09.2023. ↩
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IndieWire, ‘Dogman’ Review, 12.03.2024. ↩
-
epd Film, Kritik zu DogMan, 22.09.2023. ↩
-
filmdienst, DogMan (2023), 22.09.2023. ↩
-
Jochen Werner, Perlentaucher, Filmkritik zu „Dogman“, 11.10.2023. ↩
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AlloCiné, Critiques presse – Dogman, abgerufen 29.09.2026. ↩
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Écran Large, Box-office France – DogMan, 05.10.2023. ↩
-
Filmstarts, DogMan – Kritik, 2023. ↩
-
The Hollywood Reporter, ‘Dogman’ Review, Venedig 2023. ↩
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Deadline, Caleb Landry Jones Interview, 31.08.2023 – Jones zitiert dort die Filmzeile. ↩
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prisma, DogMan – Kritik zum ZDF-Thriller, abgerufen 29.09.2026. ↩