Geschichte
„Hitler war ein Linker"
Geschichtsrevisionismus im AfD-Gewand
Die Behauptung, Adolf Hitler sei ein Sozialist oder „Linker” gewesen, ist keine neue Erfindung. Doch seit Alice Weidel sie im Januar 2025 in einem vieldiskutierten Interview mit Elon Musk auf X (ehemals Twitter) mit großer Überzeugung vortrug, erlebt diese These eine Renaissance in rechten und rechtspopulistischen Kreisen weltweit. Weidel erklärte dort, Hitler sei „ein Kommunist” gewesen.
Weidel erklärte dort, Hitler sei „ein Kommunist” gewesen. Eine Behauptung, die selbst prominente AfD-Mitglieder umgehend zurückwiesen – darunter der frühere Parteivorsitzende und Ehrenvorsitzende Alexander Gauland, der erklärte, Hitler sei „kein Linker” gewesen.1
Der Name als Argument: Ein Trugschluss
Das beliebteste „Argument” der Vertreter dieser These ist simpel: Die NSDAP hieß „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei” – darin stehe „Sozialistisch” und „Arbeiter”, also müsse sie sozialistisch und damit links gewesen sein. Diese wortklauberische Lesart ignoriert die politische Realität vollständig.
Die Nationalsozialisten übernahmen bewusst einen Parteinamen mit sozialistischem Klang, um Arbeiter anzusprechen und von der marxistischen Linken abzuwerben.2 Es war eine Marketingstrategie, keine Programmatik. In der DDR hieß der Staat „Deutsche Demokratische Republik” – niemand würde daraus schließen, er sei demokratisch gewesen. Nordkorea heißt offiziell „Demokratische Volksrepublik Korea”. Namen sind keine Belege.
Was die NSDAP tatsächlich verfolgte
Schon das Programm der NSDAP von 1920 zeigt bei genauerem Hinsehen, dass es sich um einen reaktionären Nationalismus handelte, der lediglich populistische Sozialrhetorik importierte. Das entscheidende ideologische Zentrum war nicht Klassensolidarität, sondern die Volksgemeinschaft – ein ethnisch-rassistisch definierter Kollektivismus, der explizit gegen den marxistischen Klassenkampf gerichtet war.3
Hitler selbst schrieb in Mein Kampf ausführlich über seine Feindschaft gegenüber dem Marxismus und dem Kommunismus: Er bezeichnete den Marxismus als „jüdische Erfindung” und das Ziel des Nationalsozialismus als dessen „Vernichtung”.4
Die Verbündeten des Regimes: Kapital und Konservatismus
Wenn der Nationalsozialismus links gewesen wäre, hätte er kaum die enthusiastische Unterstützung des deutschen Großkapitals erhalten. Die Realität war umgekehrt: Großindustrielle wie Fritz Thyssen, Hjalmar Schacht und der Krupp-Konzern finanzierten die NSDAP massiv oder arbeiteten eng mit ihr zusammen.5
Unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 ließ Hitler alle freien Gewerkschaften zerschlagen – am 2. Mai 1933 wurden deren Büros von SA und SS gestürmt, Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt und Gewerkschaftsfunktionäre verhaftet.6 Eine linke Regierung schlägt nicht als erste Amtshandlung die organisierte Arbeiterschaft nieder.
Der Röhm-Putsch: Vernichtung des „sozialen” Flügels
Es gab tatsächlich einen Flügel innerhalb der NSDAP, der einen stärkeren antikapitalistischen Kurs forderte: die SA unter Ernst Röhm und Gregor Strasser. Dieser „linke” Flügel der Nazis wurde von Hitler in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 physisch liquidiert – die sogenannte „Nacht der langen Messer”.7 Hitler entschied sich gegen jede antikapitalistische Wendung – und für das Bündnis mit der Wehrmacht und der Industrie.
Dieser Vorgang belegt: Hitler war nicht nur kein Linker, er mordete jeden in seiner Partei, der sozialistische Ansätze vertrat.
Die Verfolgung der Linken
Von Beginn der NS-Herrschaft an waren Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter die ersten Opfer des Terrors. Das erste KZ Dachau wurde im März 1933, wenige Wochen nach der Machtübernahme, vor allem für politische Gegner von links errichtet.8
Die SPD wurde im Juni 1933 verboten, die KPD schon im März 1933. Zehntausende Sozialisten und Kommunisten wurden in den ersten Monaten des Regimes verhaftet, gefoltert, ermordet. Der NS-Staat war nicht der Vollstrecker linker Ideen – er war deren brutalster Feind.
Die Herkunft des Revisionismus: Von Hayek bis zur US-Rechten
Woher kommt diese These dann? Sie hat eine intellektuelle Genealogie, die sich zurückverfolgen lässt. Friedrich August von Hayek argumentierte in The Road to Serfdom (1944), dass Sozialismus und Nationalsozialismus strukturell ähnliche totalitäre Tendenzen hätten.9 Das war eine philosophisch-ökonomische Kritik des staatlichen Interventionismus – kein historisches Argument über Hitlers Programm.
Dieser nuancierte Gedanke wurde in den USA, besonders in libertären und neokonservativen Kreisen, zu einer polemischen Gleichsetzung vergröbert: Nazis = Sozialisten, Sozialisten = links, also waren Nazis links. Jonah Goldbergs Buch Liberal Fascism (2008) popularisierte diese These im angelsächsischen Raum systematisch.10
In Deutschland griff die AfD diese These auf, um eine doppelte politische Funktion zu erfüllen: Erstens soll das NS-Erbe der Linken zugeschoben werden. Zweitens soll der Nationalsozialismus aus der Geschichte der deutschen Rechten ausgeblendet werden – trotz der unübersehbaren historischen Kontinuitäten in Personal, Milieu und Ideologie.
Was Historiker sagen
Der Konsens der internationalen Geschichtswissenschaft ist eindeutig. Richard J. Evans, Ian Kershaw, Robert Gellately, Götz Aly oder Hans-Ulrich Wehler – sie alle vertreten übereinstimmend: Der Nationalsozialismus war eine faschistische, ultranationalistische, rassistische und antimarxistische Bewegung. Er gehört politisch ins rechte Spektrum, nicht ins linke.11
Das Institut für Zeitgeschichte in München kommt in seiner wissenschaftlichen Analyse zu demselben Schluss: Die NSDAP war keine Variante des Sozialismus.12
Gauland gegen Weidel: Interner Widerspruch
Besonders aufschlussreich ist, dass Weidels These selbst innerhalb der AfD auf Widerspruch stieß. Ehrenvorsitzender Alexander Gauland distanzierte sich ausdrücklich: Hitler sei kein Linker gewesen, diese Aussage sei historisch falsch. Das ist bemerkenswert – nicht weil Gauland ein verlässlicher Interpret der Geschichte wäre, sondern weil es zeigt, dass Weidels Position nicht einmal im eigenen Lager als seriös gilt.13
Fazit: Geschichtsrevisionismus im Dienst der Gegenwart
Die These, Hitler sei ein Linker gewesen, ist historisch nicht haltbar – sie ist das Gegenteil der Wahrheit. Sie dient einem politischen Zweck: der Entlastung der Rechten von ihrer historischen Verantwortung und der Delegitimierung der demokratischen Linken durch eine falsche Gleichsetzung.
Wer diese These verbreitet, betreibt Geschichtsrevisionismus. Nicht aus Unwissenheit – die Fakten sind bekannt und belegt –, sondern aus politischem Kalkül. Dass diese Strategie ausgerechnet auf einer Plattform wie X, vor einem globalen Publikum und mit dem Segen des reichsten Mannes der Welt in die Welt gesetzt wurde, macht sie nicht wahrer. Sie macht sie gefährlicher.
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Alexander Gauland im RBB-Interview, Januar 2025: „Hitler war kein Linker. Das ist historisch falsch.” Zit. nach: Süddeutsche Zeitung, 10.01.2025. ↩
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Ian Kershaw: Hitler 1889–1936: Hubris. W. W. Norton & Company, New York 1999, S. 240 ff. ↩
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Richard J. Evans: Das Dritte Reich, Bd. 1: Aufstieg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, S. 174–198. ↩
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Adolf Hitler: Mein Kampf, München 1925, S. 354 (Bd. 1). Zit. nach der kritischen Edition: Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf – Eine kritische Edition, München 2016. ↩
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Henry A. Turner: German Big Business and the Rise of Hitler. Oxford University Press, New York 1985, S. 205–230. ↩
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Richard J. Evans: Das Dritte Reich, Bd. 2/I: Diktatur. DVA, München 2006, S. 472–481. ↩
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Robert Gellately: Backing Hitler: Consent and Coercion in Nazi Germany. Oxford University Press, 2001, S. 12–15. ↩
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Nikolaus Wachsmann: KL: A History of the Nazi Concentration Camps. Farrar, Straus and Giroux, New York 2015, S. 30–38. ↩
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F. A. Hayek: The Road to Serfdom. University of Chicago Press, 1944 (dt.: Der Weg zur Knechtschaft, 1945). ↩
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Jonah Goldberg: Liberal Fascism: The Secret History of the American Left, from Mussolini to the Politics of Change. Doubleday, New York 2008. Das Buch wurde von Historikern breit kritisiert; vgl. u. a. David Neiwert: The Eliminationists. PoliPoint Press, 2009. ↩
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Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4. C. H. Beck, München 2003, S. 593–640. ↩
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Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf – Eine kritische Edition, 2 Bde. München/Berlin 2016, Einleitung, S. 40–58. ↩
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Vgl. dpa-Meldung vom 10.01.2025; berichtet u. a. in: Der Spiegel, 10.01.2025, und Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2025. ↩