David Hume
Skeptiker, Empirist und Zerstörer metaphysischer Gewissheiten
David Hume (1711–1776) zählt zu den radikalsten Denkern der westlichen Philosophiegeschichte. Als konsequenter Empirist stellte er Kausalität, persönliche Identität und religiöse Gewissheiten in Frage – und hinterließ der Nachwelt Probleme, die bis heute ungelöst sind. Dieser Artikel gibt einen Überblick über seine Erkenntnistheorie, Moralphilosophie und Religionskritik.
Einleitung
David Hume (1711–1776) gilt als einer der einflussreichsten und radikalsten Philosophen der westlichen Ideengeschichte. Der Schotte aus Edinburgh legte mit seinen Werken die Grundlagen für den modernen Empirismus, trieb den philosophischen Skeptizismus auf eine bis dahin unbekannte Spitze und erschütterte die Fundamente von Metaphysik, Theologie und Erkenntnistheorie gleichermaßen. Immanuel Kant bekannte, es sei Hume gewesen, der ihn aus seinem „dogmatischen Schlummer” geweckt habe1 — ein Eingeständnis, das die Sprengkraft des Humeschen Denkens kaum besser illustrieren könnte.
Leben und intellektueller Kontext
Hume wurde am 7. Mai 1711 in Edinburgh geboren, als Sohn einer calvinistisch geprägten schottischen Adelsfamilie. Schon früh zeigte sich sein außerordentlicher Intellekt: Mit zwölf Jahren bezog er die Universität Edinburgh, ohne jedoch einen Abschluss zu erlangen2. Die akademische Philosophie seiner Zeit — dominiert von scholastischen Traditionen und dem Rationalismus Descartes’ und Leibniz’ — befriedigte ihn nicht. Stattdessen verschlang er die Werke von John Locke und George Berkeley, die ihm den Weg in den Empirismus wiesen.
Im Alter von 26 Jahren veröffentlichte Hume sein Hauptwerk, das Treatise of Human Nature (1739–1740), in dem er seinen gesamten philosophischen Ansatz erstmals systematisch entfaltete3. Das Werk fiel — wie er selbst lakonisch bemerkte — „tot aus der Presse” und fand zunächst kein Echo beim Publikum4. Erst die späteren, sprachlich geschliffeneren Essays und die Enquiries machten ihn berühmt, in Paris sogar zu einer Berühmtheit des Salons.
Hume lebte und schrieb im Kontext der Schottischen Aufklärung, jener erstaunlichen geistigen Blüte, die Edinburgh und Glasgow im 18. Jahrhundert zu intellektuellen Zentren Europas machte. Zeitgenossen wie Adam Smith, Francis Hutcheson und Adam Ferguson bildeten ein Netzwerk, in dem Ideen über Moral, Gesellschaft, Geschichte und Natur des Menschen mit großer Energie diskutiert wurden5.
Die Erkenntnistheorie: Impressionen und Ideen
Das Herzstück von Humes Philosophie ist eine konsequente Theorie des menschlichen Geistes, die alle Erkenntnis auf Erfahrung zurückführt. Hume unterscheidet zwischen zwei Arten mentaler Inhalte: Impressionen und Ideen6. Impressionen sind die lebhaften, unmittelbaren Eindrücke der Sinne und der inneren Empfindungen — das Brennen einer Flamme, den Schmerz, den Hunger. Ideen hingegen sind die blassen Kopien dieser Impressionen im Denken und Erinnern.
Aus dieser Unterscheidung zieht Hume eine folgenreiche methodologische Schlussregel: Wenn ein philosophischer Begriff keine entsprechende Impression aufweisen kann, aus der er abgeleitet worden sein könnte, dann ist er entweder bedeutungslos oder leer. Dieser sogenannte Bedeutungstest (auch copy principle genannt) ist das Skalpell, mit dem Hume metaphysische Begriffe seziert7.
Die gesamte menschliche Erkenntnis teilt Hume dann in zwei Bereiche ein, die er in seiner späteren Enquiry als die berühmte „Humes Gabel” (Hume’s fork) zusammenfasst:
- Relations of Ideas — analytisch wahre Sätze, die allein durch den Inhalt der Begriffe wahr sind (Mathematik, Logik).
- Matters of Fact — empirische Sätze, deren Wahrheit nur durch Erfahrung festgestellt werden kann8.
Sätze, die weder das eine noch das andere sind — metaphysische Aussagen über Substanzen, über Gott, über die Seele —, sollten nach Humes berühmter Schlussformel dem „Flammen übergeben” werden, denn sie enthielten „nichts als Sophisterei und Illusion”9.
Das Kausalproblem: Der Angriff auf die Notwendigkeit
Humes philosophisch folgenreichste Analyse ist zweifellos seine Untersuchung des Kausalbegriffs. Kausalität — die Idee, dass ein Ereignis ein anderes notwendig hervorbringt — gilt als eines der grundlegendsten Prinzipien unseres Weltverständnisses. Hume stellt die schlichte Frage: Woher stammt diese Idee?
Wenn wir zwei Ereignisse beobachten — etwa eine Billardkugel, die eine andere trifft, und die darauf folgende Bewegung —, so sehen wir lediglich räumliche Nähe, zeitliche Abfolge und regelmäßiges Zusammenauftreten. Die behauptete Notwendigkeit, dass das erste Ereignis das zweite hervorbringen muss, ist in der Sinneserfahrung schlicht nicht zu finden10.
Was wir „Kausalität” nennen, ist nach Hume nichts anderes als eine mentale Gewohnheit (custom oder habit): Weil wir A und B immer zusammen erlebt haben, erwarten wir beim Auftreten von A automatisch das Auftreten von B. Diese Erwartung ist psychologisch, nicht logisch begründet — sie ist eine Disposition des menschlichen Geistes, keine Eigenschaft der Welt11.
Diese Konsequenz ist verheerend für den wissenschaftlichen Realismus: Wenn Kausalität nur eine psychologische Gewohnheit ist, dann können wir streng genommen keine notwendige Naturgesetzlichkeit erkennen. Induktive Schlüsse — „die Sonne ist bisher jeden Tag aufgegangen, also wird sie es morgen wieder tun” — sind rational nicht zu rechtfertigen. Dieses Induktionsproblem beschäftigt die Wissenschaftsphilosophie bis heute12.
Das Selbst und die Identität
Nicht weniger destabilisierend ist Humes Analyse des menschlichen Selbst. Die rationalistische Tradition, von Descartes über Leibniz, hatte das Selbst als eine beständige, einheitliche Substanz begriffen — das denkende Ich als unveränderlichen Kern der Persönlichkeit. Hume wendet seinen Bedeutungstest an und fragt: Welche Impression entspricht der Idee eines dauerhaften Ich?
Wenn er in sich hineinschaut, findet er nichts dergleichen:
„Ich meinesteils trete, wenn ich am innigsten in das, was ich mein Ich nenne, eindringe, immer auf irgendeine besondere Wahrnehmung oder andere — von Hitze oder Kälte, Licht oder Schatten, Liebe oder Hass, Schmerz oder Lust. Ich kann das Ich niemals ohne eine Wahrnehmung erhaschen.”13
Das Selbst ist für Hume kein Ding, sondern ein Bündel von Wahrnehmungen (bundle theory of the self) — ein Strom wechselnder Impressionen und Ideen, ohne zugrundeliegende Einheit. Die Vorstellung persönlicher Identität entsteht durch die Ähnlichkeit und den kausalen Zusammenhang dieser Eindrücke und durch die imaginative Tendenz des Geistes, aus flüchtigen Verbindungen eine kohärente Erzählung zu konstruieren14.
Moralphilosophie: Vernunft und Gefühl
Auch in der Ethik beschreitet Hume ungewohnte Wege. Gegen die rationalistische Überzeugung, moralische Urteile seien Erkenntnisurteile und könnten durch Vernunft allein begründet werden, setzt Hume die These: „Reason is, and ought only to be the slave of the passions.”15
Moralische Urteile sind für Hume keine Beschreibungen objektiver Tatsachen, sondern Ausdruck von Gefühlen — von Billigung oder Missbilligung. Wenn wir sagen, eine Handlung sei falsch, dann beschreiben wir nicht eine Eigenschaft der Handlung selbst, sondern teilen mit, dass sie in uns ein Gefühl der Missbilligung hervorruft. Diese Position — der sogenannte moralische Sentimentalismus — hat in der analytischen Metaethik des 20. Jahrhunderts in Form des Nonkognitivismus und Expressivismus eine bedeutende Nachfolge gefunden16.
Aus dem berühmten Sein-Sollen-Problem (is-ought problem) folgt für Hume außerdem, dass man aus rein deskriptiven Aussagen über die Welt keine normativen Schlüsse ziehen kann, ohne eine zusätzliche normative Prämisse einzuführen17. Dieser Gedankengang — heute als Humes Guillotine bekannt — ist in der analytischen Ethik zu einem der meistdiskutierten methodologischen Prinzipien geworden.
Religionskritik
Humes Religionskritik ist vielleicht der Teil seines Denkens, der zu seinen Lebzeiten am meisten Anstoß erregte. In den Dialogues Concerning Natural Religion, die er erst postum veröffentlichen ließ, analysiert er die wichtigsten Argumente für die Existenz Gottes18.
Das teleologische Argument — Gott lasse sich aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit der Natur erschließen — wird von Hume mit der Frage gekontert: Warum sollte Ordnung ein Zeichen für intelligentes Design sein? Wir kennen nur eine Art, wie Ordnung entsteht — durch menschliche Tätigkeit — und können diese Analogie nicht bedenkenlos auf das Universum als Ganzes ausdehnen19. Zudem, so Hume, könnte die Welt durch blinde Materialbewegung über unvorstellbar lange Zeiträume ihre heutige Gestalt angenommen haben — eine Überlegung, die dem Darwinismus merkwürdig vorauszugreifen scheint20.
Das Wunderproblem behandelt Hume in der Enquiry: Ein vernünftiger Mensch solle einem Zeugnis für ein Wunder nur dann Glauben schenken, wenn es unwahrscheinlicher wäre, dass das Zeugnis falsch sei, als dass das Wunder wirklich stattgefunden habe — eine Bedingung, die nach Hume praktisch nie erfüllt ist21.
Wirkung und Nachwirkung
Die Wirkung Humes auf die nachfolgende Philosophie kann kaum überschätzt werden. Kant entwickelte in direkter Auseinandersetzung mit Humes Kausalproblem seine Kritik der reinen Vernunft und stellte die Frage, wie synthetische Urteile a priori möglich seien22. Der Wiener Kreis des 20. Jahrhunderts griff Humes Bedeutungstest in verschärfter Form als Verifikationsprinzip auf und machte ihn zur Grundlage des logischen Positivismus23. Karl Popper wiederum entwickelte sein Falsifikationsprinzip als Antwort auf Humes Induktionsproblem24.
In der analytischen Philosophie der Gegenwart ist Hume allgegenwärtig: In der Handlungstheorie, der Metaethik, der Erkenntnistheorie und der Religionsphilosophie ist es kaum möglich, ohne Bezug auf Hume zu arbeiten. Der „New Hume” der 1990er und 2000er Jahre hat zudem eine lebhafte Debatte darüber ausgelöst, ob Hume ein bloßer Skeptiker oder doch ein vorsichtiger Realist war25.
Fazit
David Hume ist ein Denker, dessen Radikalität auch nach fast drei Jahrhunderten nichts von ihrer Schärfe verloren hat. Er stellte Fragen, die die Philosophie bis heute nicht abschließend beantwortet hat: Was rechtfertigt induktive Schlüsse? Was ist ein Selbst? Können moralische Urteile wahr oder falsch sein? Gibt es rationale Grundlagen für religiösen Glauben? Humes Methode — der unerbittliche Rückgang auf die Erfahrung, das Misstrauen gegenüber sprachlicher Magie, der Mut zur skeptischen Konsequenz — bleibt ein Modell philosophischer Redlichkeit.
Vielleicht hat kein Philosoph je mehr epistemische Bescheidenheit verkörpert als Hume, der am Ende seines Treatise resigniert-heiter feststellt, dass all seine Skepsis ihn nicht daran hindern werde, beim Abendessen zu spielen und zu lachen — und dass die Natur ihn immer wieder in die Überzeugungen zurückzwinge, die er am Schreibtisch bezweifelt hatte26.
Fußnoten
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Immanuel Kant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik (1783), Vorwort. Kant schreibt, die Erinnerung an David Hume habe ihm „zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrochen und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gegeben.” ↩
-
Ernest Campbell Mossner, The Life of David Hume, 2. Aufl. (Oxford: Oxford University Press, 1980), S. 40–55. Mossner bietet die umfassendste Biographie Humes. ↩
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David Hume, A Treatise of Human Nature (1739–1740), hg. von L. A. Selby-Bigge, rev. von P. H. Nidditch (Oxford: Clarendon Press, 1978). ↩
-
David Hume, My Own Life (1776), postum veröffentlicht. Humes autobiographische Skizze, in der er das Schicksal des Treatise lakonisch schildert. ↩
-
Alexander Broadie (Hg.), The Cambridge Companion to the Scottish Enlightenment (Cambridge: Cambridge University Press, 2003). Zur Einordnung Humes in den geistigen Kontext seiner Zeit. ↩
-
David Hume, A Treatise of Human Nature, Buch I, Teil I, Abschnitt I: „Of the Origin of our Ideas.” ↩
-
Don Garrett, Cognition and Commitment in Hume’s Philosophy (New York: Oxford University Press, 1997), Kap. 2. Garrett analysiert das copy principle als methodologisches Grundprinzip. ↩
-
David Hume, An Enquiry Concerning Human Understanding (1748), hg. von Tom L. Beauchamp (Oxford: Oxford University Press, 1999), Abschnitt IV: „Sceptical Doubts Concerning the Operations of the Understanding.” ↩
-
Hume, Enquiry Concerning Human Understanding, Abschnitt XII, letzter Absatz. Das berühmte Zitat lautet im Original: „Commit it then to the flames: for it can contain nothing but sophistry and illusion.” ↩
-
Hume, Treatise, Buch I, Teil III, Abschnitt II: „Of Probability; And of the Idea of Cause and Effect.” ↩
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Hume, Treatise, Buch I, Teil III, Abschnitt XIV: „Of the Idea of Necessary Connexion.” Grundlegend für Humes Analyse der Kausalität als psychologische Gewohnheit. ↩
-
Peter Lipton, Inference to the Best Explanation, 2. Aufl. (London: Routledge, 2004). Zum Fortleben des Induktionsproblems in der modernen Wissenschaftstheorie. ↩
-
Hume, Treatise, Buch I, Teil IV, Abschnitt VI: „Of Personal Identity.” Übersetzung nach: David Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur, übers. von Theodor Lipps, hg. von Reinhard Brandt (Hamburg: Meiner, 1989). ↩
-
Derek Parfit, Reasons and Persons (Oxford: Clarendon Press, 1984), Teil III. Parfits einflussreiche Weiterführung der Humeschen Bundle-Theorie des Selbst. ↩
-
Hume, Treatise, Buch II, Teil III, Abschnitt III: „Of the Influencing Motives of the Will.” ↩
-
Simon Blackburn, Ruling Passions: A Theory of Practical Reasoning (Oxford: Clarendon Press, 1998). Blackburns Quasi-Realismus als zeitgenössische Fortführung des Humeschen Sentimentalismus. ↩
-
Hume, Treatise, Buch III, Teil I, Abschnitt I. Das Sein-Sollen-Problem wird in einem kurzen, aber folgenreichen Absatz am Ende dieses Abschnitts formuliert. ↩
-
David Hume, Dialogues Concerning Natural Religion (postum 1779), hg. von Norman Kemp Smith (Indianapolis: Bobbs-Merrill, 1947). ↩
-
J. C. A. Gaskin, Hume’s Philosophy of Religion, 2. Aufl. (Basingstoke: Macmillan, 1988), Kap. 2–3. Zu Humes Kritik am teleologischen Argument. ↩
-
Daniel Dennett, Darwin’s Dangerous Idea (New York: Simon & Schuster, 1995), S. 29–32. Dennett hebt hervor, wie nahe Humes Überlegungen in den Dialogues dem Prinzip der natürlichen Selektion kommen. ↩
-
Hume, Enquiry Concerning Human Understanding, Abschnitt X: „Of Miracles.” ↩
-
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781/1787), B XIX. Zur zentralen Bedeutung des Humeschen Impulses für Kants Projekt. ↩
-
A. J. Ayer, Language, Truth and Logic (London: Gollancz, 1936). Das klassische Dokument des logischen Positivismus, das explizit an Humes Bedeutungstest anknüpft. ↩
-
Karl Popper, Logik der Forschung (Wien: Springer, 1935), Kap. I. Popper formuliert das Falsifikationsprinzip als Lösung des Humeschen Induktionsproblems. ↩
-
John P. Wright und Peter Jones (Hg.), Hume and Hume’s Connexions (Edinburgh: Edinburgh University Press, 1994). Zum „New Hume” und der Debatte über Humes Realismus. ↩
-
Hume, Treatise, Buch I, Teil IV, Abschnitt VII: „Conclusion of This Book.” ↩