AfD Cham

Acht Sitze Getöse

Die AfD im Landkreis Cham

Vor wenigen Stunden habe ich an dieser Stelle über den AfD-Kreisverband Freyung-Grafenau geschrieben – über einen Verband, dessen einzige Geschichte von nichts handelt. Neun Sitze, null Substanz, absolute Stille. Ich schrieb darin im ersten Satz, es gebe Kreisverbände, über die man Skandalgeschichten schreiben könne: über zurückgetretene Kreisrätinnen, über interne Machtkämpfe, über Ermittlungsverfahren. Dieser Satz war kein rhetorischer Platzhalter. Er war eine Adresse. Sie lautet: Landkreis Cham.

Denn eine Autostunde weiter nördlich, jenseits des Kaitersbergs, führt dieselbe Partei vor, wie das Gegenprogramm aussieht. Wo in Freyung-Grafenau sechs Jahre lang einfach nichts geschah, herrscht in Cham Dauerbetrieb – nur eben nicht in der Sacharbeit, sondern in der Selbstzerlegung. Die Spitzenkandidatin mit dem besten Einzelergebnis der Parteigeschichte im Landkreis: nach einem Vierteljahr zurückgetreten, nach NS-Vergleichen, inzwischen nach eigener Auskunft ganz aus der Partei ausgeschieden. Ein Stadtrat desselben Kreisverbands: auf einem Sommerfest von der Polizei gefesselt und in Gewahrsam genommen. Der zuständige Kreisvorsitzende: ein Bundestagsabgeordneter aus dem Nachbarlandkreis, der gerade krachend versucht hat, die bayerische AfD zu übernehmen, und dem daheim die Leute weglaufen. Und ein eigener Kreisverband Cham? Existiert nicht einmal. Zwei Landkreise, zwei Geschichten, ein Befund – aber der Reihe nach.

Eine Vorbemerkung in eigener Sache

Auch diesen Text schreibe ich als jemand, der die handelnden Personen aus direkter Auseinandersetzung kennt – und von etlichen von ihnen blockiert wurde. Anders als in Freyung-Grafenau habe ich mich im Chamer Raum weniger auf den Kanälen des Verbands aufgehalten, sondern die Debatte dort gesucht, wo sie stattfand: bei den Personen selbst. Bei Christl Fischer, die kritische Nachfragen mit Quellenangabe irgendwann mit der Blockade beantwortete. Bei diversen anderen, die es ihr gleichtaten. Eine bemerkenswerte Ausnahme sei der Fairness halber notiert: Reinhard Mixl selbst blockt nicht – meine Kommentare stehen bis heute unter seinen Beiträgen, wofür ich mich bei ihm gelegentlich augenzwinkernd für so viel „Großzügigkeit” bedankt und ihn zum „lupenreinen Demokraten” ernannt habe. Man soll Lichtblicke nicht verschweigen, so klein sie sind. Und dann ist da noch Karl Enzenhofer, Nachrücker auf der Chamer Kreistagsliste mit immerhin 29.760 Stimmen: Er wählt statt der Blockade die Offensive. Meine Facebook-Kommentare beantwortet er – dokumentiert, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, und bis zum heutigen Tag – nicht mit Argumenten, sondern mit persönlichen Herabsetzungen. Ein inhaltlicher Beitrag zur Sache ist mir von ihm in all der Zeit nicht begegnet; zur Person fällt ihm umso mehr ein. Man merke sich den Namen für den Tag, an dem in dieser Fraktion der nächste Platz frei wird – nach den Erfahrungen des ersten Vierteljahrs eine keineswegs theoretische Frage. Das Muster ist überall dasselbe wie im Nachbarlandkreis: Wer nachfragt, fliegt – oder bekommt es mit der Person statt mit dem Argument zu tun. Nur dass es hier deutlich mehr gibt, wonach man fragen müsste. Was folgt, stammt aus amtlichen Wahlergebnissen, Medienberichten und – das ist die eigentliche Pointe – zu erheblichen Teilen aus den eigenen Veröffentlichungen der Partei.

Das Wahlergebnis: dieselbe Signatur, ein neuer Rekord

Zunächst die Zahlen. Bei der Kreistagswahl am 8. März 2026 holte die AfD im Landkreis Cham nach eigenen Angaben 13,9 Prozent und 8 von 60 Sitzen – nach 6,1 Prozent im Jahr 2020 mehr als eine Verdopplung.1 Laut vorläufigem amtlichem Ergebnis entfielen auf die AfD-Liste insgesamt 524.908 Stimmen.2

Zur Einordnung, wie schon beim FRG-Artikel: Bei bayerischen Kreistagswahlen hat jede Wählerin und jeder Wähler bis zu 60 Stimmen. Die gut eine halbe Million AfD-Stimmen entsprechen also rechnerisch etwa 8.700 Personen, die ihr Stimmenpaket dieser Liste gegeben haben – in einem Landkreis mit rund 131.000 Einwohnern.

Die Partei feiert sich seither als „zweitstärkste Kraft”. Das stimmt nur, wenn man großzügig darüber hinwegsieht, wie der Chamer Kreistag tatsächlich funktioniert. Als Einzelliste liegt die AfD mit 8 Sitzen zwar vor allen anderen außer der CSU (15 Sitze). Aber die drei Freie-Wähler-Listen Chamer Land, Rodinger Land und Kötztinger Land stellen zusammen 16 Kreisräte und bilden eine gemeinsame Fraktionsgemeinschaft mit 17 Mitgliedern; die CSU wiederum hat sich mit GLLW, Hohenbogenliste, Grenzfahne und Junger Union zu einer Fraktionsgemeinschaft von 28 Mitgliedern zusammengeschlossen.3 Im Sitzungssaal ist die AfD damit die Nummer drei – und zwar abgeschlagen. Auch den Landrat stellen die Freien Wähler: Christian Schindler gewann die Stichwahl am 22. März 2026 mit 32.125 von 60.236 gültigen Stimmen, also 53,3 Prozent;4 AfD-Kandidatin Christl Fischer war mit nach Parteiangaben 14,4 Prozent bereits im ersten Wahlgang ausgeschieden.1

Und nun der Blick in die Stimmenlisten, der schon in Freyung-Grafenau so aufschlussreich war. Die 17 AfD-Bewerber liegen zwischen 27.693 und 38.714 Stimmen – der Spitzenwert übertrifft den letzten Platz um den Faktor 1,4. Zum Vergleich: Bei der CSU liegt zwischen Platz 1 (Gerhard Hopp, 53.726 Stimmen) und Platz 60 der Faktor 6,7.2 Das flache Profil ist auch hier die Signatur des reinen Listenkreuzes: Man hat AfD gewählt, nicht Menschen. Selbst Christl Fischer, die als Landratskandidatin plakatiert im ganzen Landkreis hing, holte mit 38.714 Stimmen gerade einmal 8,5 Prozent mehr als der Zweitplatzierte Josef Lintl. Der prominenteste Kopf der Chamer AfD war seiner eigenen Wählerschaft kaum mehr Häufelstimmen wert als jeder andere Name auf dem Zettel.

Ein Detail verdient dabei besondere Aufmerksamkeit, weil es die Substanz dieses Verbands präziser vermisst als jede Prozentzahl: Die AfD trat mit 17 Kandidaten an. Siebzehn – für 60 Sitze. Alle anderen relevanten Listen füllten ihre 60 Plätze. Das heißt in der Mechanik des bayerischen Kommunalwahlrechts: Selbst wer der AfD alle Stimmen geben wollte und jeden ihrer Kandidaten dreifach häufelte, konnte maximal 51 seiner 60 Stimmen bei dieser Partei unterbringen. Neun Stimmen pro treuestem Anhänger verfielen oder wanderten zwangsläufig zur Konkurrenz. Ein Verband, der in zwei Landkreisen mit zusammen 277.000 Einwohnern nicht einmal genug Personal auftreibt, um einen einzigen Stimmzettel zu füllen, erzählt damit alles über seine örtliche Verankerung. In Freyung-Grafenau waren es übrigens 20 von 60 – man ahnt eine Konstante. Und dass das kein böswilliger Fremdbefund ist, bestätigte ausgerechnet der zuständige Kreisvorsitzende selbst: Beim Wahlkampfabschluss für den Landkreis Cham in Schönthal Ende Februar 2026 – Gastredner Maximilian Krah, filmisch festgehalten von „KlardenkenTV” – räumte Reinhard Mixl auf offener Bühne ein, dass es der AfD im Landkreis an Kandidaten fehle.5 Man muss der Partei lassen: Ihre ehrlichsten Analysen liefert sie dann, wenn sie glaubt, unter sich zu sein.

Die 40.000-Stimmen-Frau

Womit wir bei der Personalie wären, die den Unterschied zwischen Cham und Freyung-Grafenau ausmacht. In FRG gab es keine Geschichte zu erzählen. In Cham gibt es eine – und sie dauerte genau dreizehn Wochen.

Christl Fischer aus Ränkam war das Gesicht dieser Kreistagsliste: Platz 1, Landratskandidatin, in den sozialen Netzwerken die mit Abstand präsenteste Figur der Chamer AfD. Mit ihren 38.714 Stimmen – „fast 40.000”, wie es die Regionalmedien griffig formulierten – zog sie als stimmenstärkste AfD-Vertreterin in den Kreistag ein.6

Wie es um die Substanz hinter dieser Präsenz stand, ließ sich schon bei ebenjenem Wahlkampfabschluss in Schönthal besichtigen, bei dem Fischer dem Publikum als Landratskandidatin präsentiert wurde: Ihre vorbereitete Rede hatte sie, wie sie auf der Bühne selbst einräumte, zu Hause liegen lassen – und improvisierte stattdessen. Das Ergebnis ist auf Video dokumentiert und lässt sich höflich als inhaltsarm beschreiben: viel Stimmung, keine erkennbare Aussage zum Landkreis, dessen Verwaltung sie übernehmen wollte.5 Wer sehen will, was diese Partei unter kommunalpolitischer Vorbereitung versteht, findet hier das Anschauungsmaterial – aus ihrer eigenen Kamera. Am 22. Mai 2026 konstituierte sich das Gremium. Der öffentliche Druck auf Fischer kam in diesen Wochen längst nicht mehr nur aus dem Netz – er kam aus der Mitte des Kreistags selbst: Der Landtagsabgeordnete und Kreisrat Julian Preidl (Freie Wähler) reagierte am 18. Juni öffentlich auf einen Facebook-Post Fischers, zeigte sich „schockiert” und nannte die Äußerungen „inakzeptabel”; in der Chamer Lokalpresse und auf seinem eigenen Facebook-Profil forderte er ihren Rücktritt.7 Am 19. Juni 2026, einen Tag später, keine vier Wochen nach der Konstituierung und gut drei Monate nach der Wahl, verkündete Fischer per Facebook ihren Rücktritt als Kreisrätin. Als Begründung nannte sie „persönliche Gründe”. Dass ihr ein umstrittener Hitler-Vergleich „das Genick gebrochen” habe, wies sie ausdrücklich zurück – Parteimitglied wolle sie bleiben.6

Man muss diesen Vorgang einmal nüchtern durchdeklinieren. Rund 8.700 Menschen im Landkreis haben im März ihr komplettes Stimmenpaket einer Liste anvertraut, deren erstes und bekanntestes Gesicht Christl Fischer war. Dreizehn Wochen später ist dieses Gesicht weg – nicht wegen Krankheit, nicht wegen Umzugs, sondern im unmittelbaren zeitlichen Umfeld einer öffentlichen Empörung über NS-Vergleiche, deren Ursächlichkeit sie selbst dementieren zu müssen glaubte. Nachgerückt ist Heinz-Josef Eisenhart, der Neunte der Liste, mit 30.171 Stimmen.2 Kein Chamer Wähler hat je über die Frage abstimmen können, ob er von Eisenhart statt Fischer vertreten werden möchte. Das Mandat wurde durchgereicht wie ein Staffelholz – exakt jenes „Schneeballsystem der Repräsentation”, das ich im FRG-Text beschrieben habe, nur diesmal im Zeitraffer.

Und die Geschichte ist seither noch eine Drehung weitergegangen: Nach eigener Auskunft auf ihrem öffentlichen Facebook-Profil hat Fischer inzwischen auch die AfD verlassen – jene Partei, deren Mitglied sie im Juni noch ausdrücklich bleiben wollte.8 Ob dieser Austritt formal vollzogen ist oder nicht, ist dabei fast nebensächlich: Schon dass die stimmenstärkste Mandatsträgerin des Verbands ihn öffentlich erklärt, ist der Befund. Innerhalb eines Sommers vom stimmenstärksten Zugpferd zur Ex-Kreisrätin zur Ex-Parteifreundin: Schneller hat selten jemand vorgeführt, wie belastbar die Personalangebote dieser Partei sind, wenn man sie tatsächlich wählt.

Was genau Fischer gesagt hatte, das die Empörung auslöste, haben die Regionalmedien bemerkenswert diskret behandelt – von einem „umstrittenen Hitler-Vergleich” ist die Rede, von massiver Kritik an einem „Nazivergleich”.6 Schon diese zurückhaltenden Formulierungen genügen als Befund: Eine Kommunalpolitikerin, deren Abgang im Kontext von NS-Vergleichen verhandelt wird, ist in einer Partei, die sich beständig gegen den „Nazi-Vorwurf” verwahrt, kein Betriebsunfall, sondern ein Muster.

Erste Arbeitsproben

Nun könnte man einwenden: Eine Personalie macht noch keinen Verband. Sehen wir uns also an, was die verbleibende Fraktion in ihren ersten Wochen geleistet hat – und zwar anhand ihrer eigenen Berichterstattung, denn die Chamer Lokalpresse hat erkennbar Wichtigeres zu tun.

Der ausführliche Bericht des Kreisverbands über die konstituierende Sitzung vom 22. Mai 2026 verzeichnet als einzige inhaltliche Initiative einen Änderungsvorschlag von Kreisrat Stefan Eiber: Die Zahl der weiteren Landrats-Stellvertreter möge von drei auf zwei reduziert werden, wegen möglicher Kostenersparnis. Der Antrag wurde mit 52 zu 7 Stimmen abgelehnt.9 Zwei Zahlen an diesem Ergebnis verdienen einen zweiten Blick. Die 52: Kein einziger Kreisrat außerhalb der AfD sah in dem Vorschlag auch nur diskussionswürdige Substanz. Und die 7: Die AfD-Fraktion hat acht Mitglieder. Beim allerersten eigenen Antrag der Wahlperiode brachte diese Fraktion nicht einmal ihre eigenen Stimmen vollständig zusammen.

Der Rest des Berichts ist eine einzige gekränkte Buchführung darüber, was man alles nicht bekommen hat: nur je einen Sitz in den Ausschüssen, „lediglich einen einzigen Sitz” bei den Vertretern in Zweckverbänden, keinen der Beauftragtenposten für Sport, Familie, Jugend, Tourismus, Senioren. Alles sei „im Vorfeld zwischen CSU und Freien Wählern abgestimmt” gewesen.9 Das ist derselbe Sound wie überall: Die Partei, die antritt, „denen da oben” die Posten wegzunehmen, beschwert sich als Allererstes darüber, dass sie selbst zu wenige bekommt. Ein kommunalpolitisches Thema des Landkreises Cham – Kliniken, ÖPNV, Kreisstraßen, Schulen – sucht man in der gesamten Selbstdarstellung vergebens.

Eine Italienische Nacht

Ehrlichkeit gebietet an dieser Stelle eine Klarstellung, bevor sie jemand anderes einfordert: Der folgende Vorfall spielt nicht im Landkreis Cham, sondern im Nachbarlandkreis Schwandorf. Er gehört trotzdem zwingend in dieses Bild – denn er spielt im selben Kreisverband, unter derselben Führung, und beide Landkreise teilen sich, wie gleich zu zeigen sein wird, ohnehin dieselbe AfD-Struktur.

Bei der Italienischen Nacht in Burglengenfeld am 28. Juni 2026 beleidigte laut Pressemeldung des Polizeipräsidiums Oberpfalz ein 33-Jähriger zunächst eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes, leistete anschließend Widerstand gegen Polizeibeamte, missachtete einen Platzverweis und wurde schließlich gefesselt in Gewahrsam genommen. Die Kriminalpolizeiinspektion Amberg ermittelt wegen des Verdachts des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und der Beleidigung. Durch die bundesweite Berichterstattung wurde bekannt, um wen es sich handelt: Markus Leopold, frisch gewählter AfD-Stadtrat von Burglengenfeld.10 Die SPD-Stadtratsfraktion forderte ihn Anfang Juli zum sofortigen Mandatsverzicht auf – im Raum stünden Angriffe auf Polizei und Sicherheitsdienst sowie rassistische Beleidigungen, unabhängig vom Ausgang des Strafverfahrens habe Leopold die Glaubwürdigkeit für das Amt verloren.11 Diese Woche, fast vier Wochen nach dem Vorfall, entschuldigte sich Leopold für sein Verhalten – von einem Rücktritt sprach er nicht.12

Es gilt die Unschuldsvermutung, selbstverständlich. Aber gefesselter Polizeigewahrsam auf einem Sommerfest ist keine Erfindung politischer Gegner, sondern Inhalt einer amtlichen Polizeimeldung. Und man stelle sich für eine Sekunde vor, ein SPD- oder CSU-Mandatsträger wäre so abgeführt worden – die Empörungskacheln aus der AfD-Zentrale wären binnen Stunden in jedem Ortsverband zwischen Furth im Wald und Rötz ausgeliefert worden. Im eigenen Fall: kein Wort auf den Kanälen des Kreisverbands.

Wer hier wirklich steuert: der Statthalter aus Schwandorf

Und damit zur Struktur – denn die erklärt, warum dieser Verband so ist, wie er ist. Die überraschendste Erkenntnis dieser Recherche lautet: Einen AfD-Kreisverband Cham gibt es überhaupt nicht. Der Landkreis mit seinen 131.000 Einwohnern wird seit 2013 vom Kreisverband Schwandorf aus mitverwaltet, der sich später „Kreisverband Schwandorf/Cham” nannte.13 Dreizehn Jahre nach Parteigründung hat es die AfD nicht geschafft, im drittgrößten Landkreis der Oberpfalz eine eigene Gliederung aufzubauen.

Vorsitzender dieses Doppelverbands ist seit Juni 2024 Reinhard Mixl aus Schwandorf – und an seiner Person lässt sich das Chamer Elend wie unter dem Brennglas betrachten.14 Mixl, Jahrgang 1961, selbständiger Wirtschaftsberater, sitzt seit 2020 im Schwandorfer Stadtrat und Kreistag, seit März 2025 im Bundestag, ist stellvertretender Bezirksvorsitzender der AfD Oberpfalz und Bundesparteitagsdelegierter.15 Gegen ihn lief 2023 ein vom eigenen Landesvorstand angestrengtes Parteiausschlussverfahren; seine Kandidatenwahl wurde aufgehoben, der Kreisverband bestätigte ihn trotzig mit 96 Prozent erneut.16 Im Juni 2026 griff derselbe Mixl beim Landesparteitag in Passau nach dem Landesvorsitz – und scheiterte an Stephan Protschka. Ich habe diesen Machtkampf seinerzeit ausführlich dokumentiert; das Ergebnis ist bekannt: Die Achse Protschka–Ebner-Steiner kontrolliert den Landesverband, Mixl fuhr geschlagen zurück in die Oberpfalz.17

Was bedeutet das für Cham? Der Mann, der den Landkreis parteiintern verantwortet, ist erstens dort nicht verortet, zweitens mit Bundestagsmandat, Stadtrats- und Kreistagsmandat, Kreisvorsitz, Bezirksvize und Bundesdelegation sechsfach beschäftigt und drittens nach der Passauer Niederlage ein Vorsitzender ohne Rückendeckung von oben. Der Blick auf die Führungsgremien vervollständigt das Bild: Im 2024 gewählten Kreisvorstand – Mixl, Schuhmacher, Gasparin, Müller, Lankes, Kraus – findet sich kein einziger der acht Chamer Kreisräte.14 Als der Verband im März 2026 seine drei Bundesdelegierten wählte, hießen sie Mixl, Deutscher, Gasparin – wieder kein Chamer.18 Der Landkreis Cham stellt die Wähler und die Skandale; die Posten und die Steuerung bleiben in Schwandorf. Endstation Rechts bezifferte die Mitgliederzahl des Doppelverbands zuletzt auf etwa 350 – für 277.000 Einwohner.16 Zum Vergleich: Einzelne Chamer Schützenvereine haben mehr Mitglieder.

Und die Bilanz dieses Vorsitzenden im Sommer 2026 liest sich so: Die stimmenstärkste Mandatsträgerin des Verbands tritt nach NS-Vergleichen zurück und verlässt die Partei – der Verband schweigt. Ein Stadtrat des Verbands wird auf einem Sommerfest gefesselt in Gewahrsam genommen – der Verband schweigt. Veröffentlicht werden stattdessen Erfolgsmeldungen über Delegiertenwahlen und Sitzgewinne. Ein Vorsitzender, dem binnen weniger Wochen die prominentesten Köpfe wegbrechen oder entgleisen und der dazu nichts zu sagen hat, „hat nichts im Griff” – das ist keine Polemik, das ist die zurückhaltendste verfügbare Beschreibung.

Zwei Landkreise, ein Befund

Am Ende steht man vor einem bemerkenswerten Diptychon. In Freyung-Grafenau: neun Sitze Leere. Ein Verband, der nichts tut, nichts sagt, nichts will, und dessen einzige nachweisbare Aktivität das Blockieren kritischer Bürger ist. In Cham und dem angeschlossenen Doppelverband: acht Sitze Getöse. NS-Vergleiche, Rücktritt, Parteiaustritt, ein Stadtrat in Polizeigewahrsam beim Sommerfest, ein abwesender Statthalter-Vorsitzender im Dauerclinch mit der eigenen Landespartei, eine Liste, die nicht einmal voll besetzt werden konnte.

Das Verstörende ist: Für das Wahlergebnis hat beides keine Rolle gespielt. 13,9 Prozent in Cham, zweitstärkste Einzelliste in Freyung-Grafenau – die Empörungsmaschinerie aus Berlin liefert die Stimmen frei Haus, völlig unabhängig davon, ob vor Ort gähnende Leere herrscht oder offener Zirkus. Das Label funktioniert, wenn dahinter nichts steht. Es funktioniert offenkundig auch, wenn dahinter etwas steht, das man besser nicht anschauen sollte.

Aber gerade deshalb lohnt das Anschauen. Die gut 8.700 Chamer Wählerinnen und Wähler, die im März der AfD ihr komplettes Stimmenpaket gaben, haben inzwischen erlebt: Die Frau, deretwegen viele von ihnen ihr Kreuz gemacht haben dürften, ist weg – aus dem Kreistag und aus der Partei. Der erste Antrag ihrer Fraktion scheiterte 52 zu 7, ohne dass die Fraktion selbst vollzählig dafür stimmte. Und gesteuert wird das Ganze von einem überbeschäftigten Bundestagsabgeordneten aus dem Nachbarlandkreis, der gerade den größten Machtkampf seiner Karriere verloren hat. Sechs Jahre Wahlperiode liegen vor dem Landkreis Cham. Ich werde auch diese dokumentieren – die Amtsblätter, die Sitzungsprotokolle, die Wahlergebnisse. Blocken können sie mich, wie man sieht, ohnehin nur persönlich. Den Zahlen ist das egal. Die erzählen ganz von allein.


  1. AfD Schwandorf/Cham: „AfD wird zweitstärkste Kraft im Landkreis Cham: 13,9 % und 8 Sitze im Kreistag”, Mitteilung vom März 2026, https://www.afd-schwandorf-cham.de/afd-wird-zweitstaerkste-kraft-im-landkreis-cham-139-und-8-sitze-im-kreistag/ 

  2. Landkreis Cham: Ergebnispräsentation der Kreistagswahl 2026 vom 8. März 2026, Einzelergebnisse aller Bewerberinnen und Bewerber, https://ktw.landkreis-cham.de/ (Summe der 17 AfD-Bewerberstimmen: 524.908); abschließende Feststellung des Wahlausschusses: Landkreis Cham, „Abschließende Ergebnisse der Wahlen des Landrats und des Kreistags”, https://www.landkreis-cham.de/aktuelles-nachrichten/alle-meldungen/abschliessende-ergebnisse-der-wahlen-des-landrats-und-des-kreistags 

  3. Landratsamt Cham: Kreistag – Aufgaben, Mitglieder & Wahlen, Wahlperiode 2026–2032, https://www.landkreis-cham.de/landkreis-landratsamt/kreistag/ 

  4. Landkreis Cham: „Abschließende Ergebnisse der Wahlen des Landrats und des Kreistags”, https://www.landkreis-cham.de/aktuelles-nachrichten/alle-meldungen/abschliessende-ergebnisse-der-wahlen-des-landrats-und-des-kreistags 

  5. AfD Schwandorf/Cham: Bericht zum Wahlkampfabschluss für den Landkreis Cham in Schönthal mit Gastredner Dr. Maximilian Krah, Februar/März 2026, https://www.afd-schwandorf-cham.de/; Videoaufzeichnung: KlardenkenTV, „Live aus Schönthal: Kommunalwahlveranstaltung u.a. mit Maximilian Krah”, YouTube 

  6. charivari Regensburg: „AfD-Kreisrätin Christl Fischer aus Ränkam schmeißt hin”, 19.06.2026, https://www.charivari.com/afd-kreisraetin-christl-aus-raenkam-schmeisst-hin-1196542/; gleichlautend gong fm, 19.06.2026; TVA: „Landkreis Cham: AfD-Kreisrätin Christl Fischer tritt zurück”, 19.06.2026 

  7. TVA: „Landkreis Cham: ‚Schockiert’ und ‚inakzeptabel’ – Landtagsabgeordneter Preidl äußert sich nach Facebook-Post von AfD-Kreisrätin Christl Fischer”, 18.06.2026, https://www.tvaktuell.com/mediathek/video/landkreis-cham-schockiert-und-inakzeptabel-landtagsabgeordneter-preidl-aeussert-sich-nach-facebook-post-von-afd-kreisraetin-christl-fischer/; Rücktrittsforderung zudem dokumentiert in der Chamer Lokalpresse sowie auf Preidls Facebook-Profil 

  8. Christl Fischer auf ihrem öffentlichen Facebook-Profil, Juli 2026; Screenshots in mehreren regionalen Facebook-Gruppen dokumentiert. 

  9. AfD Schwandorf/Cham: „Kreistag Cham startet in die Wahlperiode: Vereidigungen, Postenvergabe und erste Debatten”, Juni 2026, https://www.afd-schwandorf-cham.de/kreistag-cham-startet-in-die-wahlperiode-vereidigungen-postenvergabe-und-erste-debatten/ 

  10. Oberpfalz Bote: „SPD-Stadtratsfraktion fordert AfD-Stadtrat Markus Leopold zum Rücktritt auf”, Juli 2026, https://www.oberpfalz-bote.de/nachrichten/details/spd-stadtratsfraktion-fordert-afd-stadtrat-markus-leopold-zum-ruecktritt-auf/ – mit Wiedergabe der Pressemeldung des Polizeipräsidiums Oberpfalz zu den Vorfällen bei der Italienischen Nacht am 28.06.2026 

  11. SPD Burglengenfeld: Pressemitteilung der Stadtratsfraktion, Juli 2026, https://spd-burglengenfeld.de/news/spd-stadtratsfraktion-fordert-markus-leopold-zum-ruecktritt-auf/; ebenso charivari: „SPD-Stadtratsfraktion Burglengenfeld fordert AFD-Stadtrat zum Rücktritt auf”, 08.07.2026 

  12. Oberpfalz TV: „AfD-Stadtrat Markus Leopold entschuldigt sich, spricht aber nicht von Rücktritt”, 23.07.2026, https://www.otv.de/afd-stadtrat-markus-leopold-entschuldigt-sich-spricht-aber-nicht-von-ruecktritt-794492/ 

  13. AfD Bayern: Seite des Kreisverbands Schwandorf-Cham („Der Kreisverband Schwandorf wurde am 13.09.2013 gegründet. Er umfasst die Landkreise Schwandorf und Cham.”), https://afdbayern.de/kreis-ortsverbaende/oberpfalz/schwandorf-cham-2/ 

  14. beiunsdaheim.de: „AfD Kreisverband Schwandorf/Cham wählt neuen Vorstand”, 16.06.2024 

  15. AfD-Bundestagsfraktion: Abgeordnetenprofil Reinhard Mixl, https://afdbundestag.de/abgeordnete/reinhard-mixl/ 

  16. Endstation Rechts: „Machtkampf in der bayerischen AfD”, Juni 2026, https://www.endstation-rechts.de/news/machtkampf-der-bayerischen-afd; Onetz: „Trotz Parteiausschlussverfahren: Reinhard Mixl bleibt AfD-Direktkandidat für Schwandorf”, März 2023 

  17. Eigene Berichterstattung: „Showdown in Passau: Worum es beim AfD-Landesparteitag wirklich geht” sowie „Passau, oder: Wie sich eine Partei selbst entlastet”, graffiti.bayerwald.social, Juni 2026 

  18. AfD Schwandorf/Cham: „AfD-Kreisverband Schwandorf/Cham wählt neue Bundesdelegierte”, 30.03.2026, https://www.afd-schwandorf-cham.de/afd-kreisverband-schwandorf-cham-waehlt-neue-bundesdelegierte/ 

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