AfD

Dreiundzwanzig Sitze Apparat

Der AfD-Kreisverband Weiden–Neustadt–Tirschenreuth hat Mitglieder, Mandate und Ruhe – und dieselben Lücken wie die anderen Verbände der Serie

Dreiundzwanzig kommunale Sitze, ein Bundestags- und zwei Landtagsabgeordnete: Der AfD-Kreisverband Weiden–Neustadt–Tirschenreuth ist der erfolgreichste dieser Serie. Die amtlichen Wahlbekanntmachungen zeigen trotzdem kurze Listen, keinen Landratskandidaten und kaum kommunale Erfahrung.

Eine Vorbemerkung in eigener Sache – diesmal andersherum

Bei den bisherigen Verbänden dieser Serie musste ich jedes Mal denselben Satz schreiben: Ich schreibe von außen, weil man mich gesperrt hat. Stefan Protschka, Katrin Ebner-Steiner, Ralf Stadler, der Kreisverband Freyung-Grafenau, Johann Müller im Landkreis Regen – überall dasselbe. Die einzige Ausnahme war ausgerechnet Reinhard Mixl in Schwandorf/Cham.

Hier ist es doppelt bemerkenswert. Manfred Schiller, Bundestagsabgeordneter, lässt mich seit geraumer Zeit unter seinen Beiträgen kommentieren und hat mich nicht gesperrt. Der Kreisverband, dessen stellvertretender Vorsitzender er ist, hat mich nach einem einzigen Kommentar blockiert.

Das ist kein Detail am Rand. Es ist der Verband im Kleinen: Der Abgeordnete hält die Fassade offen, der Apparat macht dicht. Und noch etwas gilt für diesen Text: Ich schreibe ihn ohne eigene Anschauung vor Ort. Weiden und Tirschenreuth sind von hier aus zwei Stunden. Was hier steht, steht in amtlichen Bekanntmachungen, in Wahlergebnissen und in der Berichterstattung von Oberpfalz-Medien (Onetz), OberpfalzECHO, Weiden24 und Amberg24. Das ist bei diesem Verband kein Mangel. Denn was ihn kenntlich macht, steht ohnehin in Tabellen.

Die Frage dieses Textes ist deshalb eine andere als bei den übrigen Teilen: Wie sieht es aus, wenn ein AfD-Kreisverband wirklich funktioniert?

Ein Verband, drei Gebietskörperschaften, dreiundzwanzig Sitze

Zunächst der Zuschnitt, denn er ist ungewöhnlich. Der Kreisverband Weiden umfasst die kreisfreie Stadt Weiden und die Landkreise Neustadt an der Waldnaab und Tirschenreuth.1 Ein Verband für drei Gebietskörperschaften, gegründet am 16. April 2014. Nach eigener Darstellung hat er inzwischen mehr als 245 Mitglieder.1 Schon 2023 bezeichnete er sich mit damals 160 Mitgliedern als mitgliederstärksten AfD-Kreisverband Bayerns.2 Ob das heute noch gilt, ist offen; den Doppelverband Schwandorf/Cham bezifferte Endstation Rechts zuletzt auf rund 350 Mitglieder.3

Er hat hervorgebracht, was in dieser Dichte kein anderer Verband der Serie vorweisen kann: einen Bundestagsabgeordneten (Manfred Schiller) und zwei Landtagsabgeordnete (Roland Magerl und Stefan Löw). Dazu nennt der Verband einen Bezirkstagsabgeordneten1 – das ist, soweit ersichtlich, Schiller selbst, der 2023 in den Bezirkstag der Oberpfalz gewählt wurde.4 Vorsitzender ist Magerl, seit 2018 im Landtag, nach eigenen Angaben zuvor langjähriges SPD-Mitglied und Betriebsratsvorsitzender.5

Am 8. März 2026 kam dabei heraus:

  • Stadtrat Weiden: 15,3 Prozent (98.763 Stimmen), 6 von 40 Sitzen – zuvor waren es zwei.6
  • Kreistag Neustadt/WN: 16,5 Prozent, 10 von 60 Sitzen – zweitstärkste Kraft, vor der SPD.7
  • Kreistag Tirschenreuth: 13,6 Prozent, 7 von 50 Sitzen – drittstärkste Kraft, bei der ersten Kandidatur der AfD für diesen Kreistag.89

Dreiundzwanzig Mandate. Kein Verband dieser Serie kommt auch nur in die Nähe. Wer jetzt aufhört zu lesen, hat eine Erfolgsgeschichte vor sich.

Die kürzeste Liste im ganzen Landkreis

Man muss die amtlichen Bekanntmachungen aufschlagen, um zu sehen, was daran nicht stimmt. Die Wahlleiter drucken nicht nur die Gewählten ab, sondern die vollständigen Listen.

Im Landkreis Neustadt an der Waldnaab waren 60 Kreistagssitze zu vergeben. Die Listen der Parteien waren so lang:7

  • Freie Wähler, SPD, Junge Union: je 60 Bewerber
  • CSU: 59
  • ÖDP: 45
  • Grüne: 42
  • Die Linke: 25
  • AfD: 19

Die AfD stellte die kürzeste Liste aller acht Wahlvorschläge. Kürzer als die Linke, die im Landkreis genau einen Sitz holte. Neunzehn Namen für sechzig Plätze – ausgeschöpft gewesen wäre diese Liste erst bei knapp 32 Prozent der Stimmen. Bei 16,5 Prozent war das kein praktisches Problem. Aufschlussreich ist die Zahl trotzdem, und noch eine zweite: Nach eigener Mitteilung hatte der Verband im Oktober 2025 für diesen Kreistag 20 Bewerber aufgestellt.10 Auf dem Stimmzettel standen 19.7 Warum einer fehlt, geht aus den Quellen nicht hervor.

In Tirschenreuth dasselbe Bild bei 50 Sitzen: CSU, Freie Wähler, Grüne, SPD und Zukunft TIR mit je 50 Bewerbern, die Linke mit 30, die AfD mit 17.8 Nur die FDP hatte weniger, nämlich sieben – und die holte kein einziges Mandat.

Für den 40-köpfigen Weidener Stadtrat stellte der Verband 14 Kandidaten auf.10 Insgesamt kamen bei dieser Wahl 289 Bewerberinnen und Bewerber auf die Weidener Stadtratsstimmzettel.11

Das ist derselbe Befund wie in Cham, wo 17 Kandidaten für 60 Kreistagssitze antraten. Nur ist er hier schwerer zu erklären. Ein Verband, der sich selbst mehr als 245 Mitglieder zuschreibt, bringt in seinem größten Landkreis 19 Menschen auf einen Stimmzettel. Wie viele der Mitglieder im Landkreis Neustadt wohnen, teilt der Verband allerdings nicht mit.

Kein Landrat, nirgends

Und dann fehlt etwas, das noch schwerer wiegt als eine kurze Liste.

Bei der Landratswahl im Landkreis Neustadt an der Waldnaab standen vier Namen auf dem Stimmzettel: Andreas Meier (CSU), Rebekka Fischer (Freie Wähler), Tino Bayer (SPD) und Simon Escher-Herzog (Die Linke).7 Keine AfD.

Bei der Landratswahl im Landkreis Tirschenreuth standen sechs Namen auf dem Stimmzettel: Roland Grillmeier (CSU), Hubert Schicker (Freie Wähler), Muhammet Dal (SPD), Josef Schmidt (Grüne), Stefanie Haaf (Die Linke) und Bernd Withöft (FDP).12 Keine AfD.

Die zweitstärkste Kraft im Kreistag Neustadt hat keinen Anspruch auf das Landratsamt angemeldet. Die drittstärkste in Tirschenreuth auch nicht. Die Linke, die in beiden Kreistagen genau einen Sitz holte, stellte in beiden Landkreisen eine Kandidatin oder einen Kandidaten. Die FDP, die in Tirschenreuth kein Kreistagsmandat erreichte, ebenfalls. Und gerade in Tirschenreuth war das Rennen offen: Es ging in die Stichwahl, und der Amtsinhaber verlor sie knapp.12

Man kann das strategisch nennen: keine sicheren Niederlagen produzieren. Man kann es aber auch schlicht beschreiben – ein Kreisverband, der für sich in Anspruch nimmt, es besser zu können, hat in zwei von drei Gebietskörperschaften niemanden aufgestellt, der den Anspruch auf das Amt erhoben hätte.

Die leere Spalte

Der stärkste Befund steht in den Bekanntmachungen in einer Spalte, die man leicht überliest. Die Wahlleiter drucken zu jedem Bewerber ab, was er beruflich macht – und welche kommunalen Ehrenämter er angegeben hat.

Eine Einschränkung vorweg: Diese Angabe ist freiwillig. Die Wahlordnung führt kommunale Ehrenämter als mögliche weitere Angabe, nicht als Pflicht.13 Eine leere Spalte beweist also nicht, dass jemand kein Amt hat. Sie zeigt, dass niemand eines angegeben hat. Dass Bewerber ihre Ämter angeben, wenn sie welche haben, liegt nahe – sie stehen auf dem Stimmzettel und bringen Stimmen. Die AfD hält es nicht anders: In Neustadt stehen die Kreisratsmandate ihrer Bewerber auf dem Zettel.7

Bei der CSU in Tirschenreuth liest sich die Spalte so: Landrat, Erster Landtagsvizepräsident, Stellvertreter des Landrats, erster Bürgermeister, zweiter Bürgermeister, Kreisrat, Stadtratsmitglied, Kreisrätin, ehrenamtliche erste Bürgermeisterin.8 Bei den Freien Wählern genauso, bei der SPD, bei Zukunft TIR, bei den Grünen.

Und bei der AfD in Tirschenreuth steht dort bei allen siebzehn Bewerbern: nichts. So lesen sich die sieben Gewählten (gekürzt, ohne Geburtsjahre und Stimmenzahlen):

Reger Bernhard, Berufskraftfahrer, Kulmain. Härtl Christian, Krankenpfleger, Waldsassen. Dietz Franz, Werkzeugmachermeister, Friedenfels. Heiden Michael, Projektmanager, Kemnath. Veigl Rüdiger, Rohrleitungsbauer, Kulmain. Hofer Andreas, Industriemechaniker, Wiesau. Guth Gudrun, Pflegefachhelferin, Mitterteich.8

Kein Gemeinderatsmitglied. Kein Ortssprecher. Kein Feuerwehrkommandant. Kein Jugendbeauftragter. Keiner der siebzehn hat vor dem 8. März 2026 ein kommunales Ehrenamt angegeben. Die AfD, die im Landkreis Tirschenreuth zum ersten Mal zur Kreistagswahl antrat, ist dort aus dem Stand mit sieben Personen eingezogen, für die der Stimmzettel kein bisheriges kommunales Amt ausweist.89

In Neustadt ist es kaum anders. Von den zehn Gewählten tragen drei einen Amtsvermerk – Magerl und Löw als Landtagsabgeordnete und Kreisräte, Alexander Zimmermann als Kreisrat. Unter den neun Listennachfolgern findet sich eine Einzige mit kommunalem Ehrenamt: Erika Löw, Marktgemeinderatsmitglied in Floß.7 Vier von neunzehn also.

In Weiden war Schiller der einzige der sechs AfD-Stadträte, der schon vorher im Stadtrat saß. OberpfalzECHO hat nach der ersten Sitzung den Satz geschrieben, der das zusammenfasst: Von den siebzehn neuen Stadträten seien fünf von der AfD, „die schon mangels personalisierter Wahlplakate niemand kennt“.14 Oberpfalz-Medien beschrieb die fünf neuen AfD-Stadträte in seiner Vorstellungsserie als öffentlich kaum bekannt und politisch unerfahren.15

Das ist der Kern. Der Verband hat Mitglieder. Eine kommunale Verankerung weisen die Wahlunterlagen kaum aus. Die 245 Mitglieder sind Parteimitglieder, keine Kommunalpolitiker – und zwischen beidem liegt genau der Unterschied, den die Wahlleiter in ihre Spalten schreiben.

Vier Gemeinden und zwei Nachnamen

Wo die neunzehn Neustädter AfD-Bewerber wohnen, ist der nächste Befund. Der Landkreis hat 38 Städte, Märkte und Gemeinden. Vertreten waren zehn davon. Und dreizehn der neunzehn Bewerber – 68 Prozent – kamen aus vier Orten: Floß, Weiherhammer, Moosbach und Mantel.7

In Tirschenreuth mit seinen 26 Gemeinden dasselbe: neun Gemeinden vertreten, und neun der siebzehn Bewerber kamen allein aus Waldsassen und Kulmain.8

Das deckt sich mit dem, was der Verband selbst über seine Struktur mitteilt. Ortsverbände gibt es in Weiden, Mantel und Floß.1 Gemeinderatslisten stellte er nach eigenen Angaben in Mantel, Weiherhammer, Floß, Waldsassen, Kulmain, Eslarn und Moosbach auf, dazu einen Bürgermeisterkandidaten in Eslarn.16 Sieben Kommunen. Der Verband deckt Weiden plus 38 plus 26 Kommunen ab.

Und dann die Namen. Auf der Neustädter Liste steht dreimal der Nachname Löw – Stefan, Tanja und Erika – und zweimal Magerl, Roland und Theresa.7 Fünf von neunzehn Bewerbern teilen sich zwei Nachnamen, gut ein Viertel der Liste. Theresa Magerl führt der Verband auf seiner Website zudem als Schatzmeisterin des Kreisvorstands.1 Ob die Namensgleichheit Verwandtschaft bedeutet, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Der Mann, der überall ist – und Platz zwei nimmt

Manfred Schiller ist der bekannteste Kopf des Verbands. Er ist Bundestagsabgeordneter, Weidener Stadtrat, Bezirksrat der Oberpfalz, stellvertretender Schatzmeister der AfD Bayern und zweiter stellvertretender Kreisvorsitzender.41 Er sitzt im Petitionsausschuss und ist seit Mai 2025 Sprecher des Arbeitskreises Petitionen seiner Fraktion.17 In den Bundestag kam er im Juli 2024 als Nachrücker für Petr Bystron; 2025 zog er über die Landesliste erneut ein, nachdem er den Wahlkreis Weiden mit 23,0 Prozent der Erststimmen gegen Albert Rupprecht verloren hatte.418

Seit 2020 und bis März 2026 war er außerdem Vorsitzender der AfD-Fraktion im Weidener Stadtrat – einer Fraktion aus zwei Personen.46

Und jetzt kommt die Stelle, an der es interessant wird. Bei der Kommunalwahl 2026 kandidierte Schiller nicht für das Amt des Oberbürgermeisters. Er stand nicht auf Platz eins der Stadtratsliste. Beides übernahm Ferdinand Adam, einstimmig nominiert.10 Schiller trat auf Listenplatz zwei an.19

Er wurde trotzdem Stimmenkönig der Liste: 9.610 Stimmen gegenüber 8.438 für Adam.20 Die Wählerinnen und Wähler haben ihn also nach vorn gezogen. Und danach übernahm nicht er den Fraktionsvorsitz, sondern Adam.21 Schiller ist einfaches Fraktionsmitglied.

Man kann darin die vernünftige Arbeitsteilung eines vielbeschäftigten Abgeordneten sehen. Man kann aber auch feststellen: Der einzige Mann des Verbands mit Berliner Mandat, sechs Jahren Fraktionsführung und dem besten Personenergebnis der Liste macht in der Kommune Platz für einen Neuling. Wer ihn ersetzt hat, ist nach Darstellung des Kreisverbands ein gelernter Einzelhandelskaufmann und Dekorateur, heute Omnibusfahrer im internationalen Reiseverkehr, seit über 25 Jahren in Weiden-Ost zu Hause.22 Auf die Frage nach politischen Vorbildern nannte Adam im Weiden24-Fragebogen die Bundesvorsitzenden Weidel und Chrupalla.23

Bei der konstituierenden Sitzung am 18. Mai 2026 hatte Adam als ältestes Mitglied des Stadtrats die Aufgabe, den neuen Oberbürgermeister Benjamin Zeitler (CSU) zu vereidigen.24 Später in der Sitzung merkte der neue Fraktionsvorsitzende an, dass die Geschäftsordnung künftig ein Ordnungsgeld von 500 Euro für störende Stadträte vorsieht, und fragte, ob man das „wegen uns eingeführt“ habe.14

Wenn der Kandidat schwächer ist als die Partei

In Regen lag Johann Müller trotz Landtagsmandat und Jahrzehnten im örtlichen Vereinsleben nur knapp vor seinem Listenzweiten. In Weiden lässt sich eine Personenwahl direkt neben das Listenergebnis legen.

Bei der Oberbürgermeisterwahl am 8. März holte Ferdinand Adam 11,5 Prozent (2.141 Stimmen) und landete auf Platz drei.25 Die AfD-Liste für den Stadtrat kam am selben Tag auf 15,3 Prozent.6 Der Kandidat lag also 3,8 Punkte unter seiner Partei.

Zum Vergleich, dieselbe Wahl, dieselben Wähler – OB-Ergebnis gegen Stadtratsergebnis der eigenen Liste:256

  • Benjamin Zeitler (CSU): 42,8 zu 31,3 Prozent – plus 11,5 Punkte
  • Jens Meyer (SPD, amtierender Oberbürgermeister): 24,4 zu 18,1 – plus 6,3
  • Jürgen Meyer (Bürgerliste): 10,4 zu 9,9 – plus 0,5
  • Laura Weber (Grüne): 6,6 zu 8,3 – minus 1,7
  • Florian Vogel (FDP): 2,6 zu 4,2 – minus 1,6
  • Robyn Arnold (Die Linke): 1,6 zu 3,3 – minus 1,7
  • Ferdinand Adam (AfD): 11,5 zu 15,3 – minus 3,8

Zwei Dinge muss man dazu sagen. Erstens sind die Werte nicht streng vergleichbar: Beim Stadtrat werden Einzelstimmen gezählt, jeder Wähler hatte vierzig, beim Oberbürgermeister zählt eine Stimme pro Kopf. Zweitens verlieren bei Personenwahlen mit zwei klaren Favoriten fast alle kleineren Bewerber gegenüber ihrer Liste, weil ein Teil ihrer Wähler zu einem der Aussichtsreichen wechselt. Das sieht man hier bei Grünen, FDP und Linken.

Adams Abstand ist aber der größte im Feld, mehr als doppelt so groß wie bei den anderen. Bei einer Personenwahl gewinnt normalerweise, wer bekannt ist. Zeitler und Meyer waren es, Meyer als Amtsinhaber. Adam war es nicht – und ein spürbarer Teil derer, die der AfD ihre Stimmen für den Stadtrat gaben, kreuzte bei der OB-Wahl jemand anderen an. Sie wählten die Partei, nicht den Mann.

Das ist ein Hinweis, kein Beweis. Aber er passt zum Rest: Dieser Verband gewinnt Wahlen eher mit dem Kürzel als mit Personen. Das würde erklären, warum ihm neunzehn Namen für sechzig Sitze genügen. Und warum die leere Ehrenamts-Spalte kein Hindernis war: Wer über die Marke gewählt wird, muss vorher nichts gewesen sein.

Das Kennzeichen

Ein Vorfall gehört noch dazu, weil er zeigt, wie der Verband auf Kritik reagiert.

Im Januar 2025, im Bundestagswahlkampf, stand in Weiden ein Bühnenanhänger mit Wahlwerbung für Manfred Schiller am Straßenrand. Das Zugfahrzeug, ein weißer VW-Bus, trug ein Kennzeichen mit den Buchstaben HH und der Ziffernfolge 45.2627 Das Oberpfälzer Bündnis für Toleranz und Menschenrechte Weiden/Neustadt veröffentlichte ein Foto. Seine Kritik: HH gilt in rechtsextremen Kreisen als Code für den verbotenen Hitlergruß.26 Die 45 lässt sich zudem als Anspielung auf das Jahr 1945 lesen.27

Verboten war das Kennzeichen nicht. Nach den Presseberichten wird HH als Kennzeichen nur in Verbindung mit den Zahlen 18 oder 88 nicht vergeben, und die trug der Wagen nicht.27

Schiller erklärte gegenüber OberpfalzECHO, der Bus gehöre einem Mitglied des Kreisvorstands, einem Unternehmer aus dem Landkreis Neustadt, der seine Initialen H. H. im Kennzeichen führe – bei mehreren Fahrzeugen und seit vielen Jahren.26 Spekulationen und „Fantasiegespinste“, die „mit Absicht falsche Narrative nähren“, verbitte man sich ausdrücklich.26 Gegenüber Oberpfalz-Medien nannte er die Sache „lächerlich“.28

Die Erklärung mit den Initialen ist plausibel, und von außen lässt sie sich nicht widerlegen. Zur Ziffernfolge findet sich in den frei zugänglichen Berichten keine Erklärung. Auffällig ist die Tonlage: Die Antwort richtet sich vollständig gegen die, die hingeschaut haben. Ob der Verband erwogen hat, im Wahlkampf ein anderes Zugfahrzeug zu nehmen, ist nicht berichtet. Das passt zu dem, was ich eingangs beschrieben habe – dem Kreisverband, der nach einem Kommentar sperrt.

Was dieser Verband über die anderen verrät

Ich hatte diesen Text mit einer Frage begonnen: Wie sieht es aus, wenn ein AfD-Kreisverband wirklich funktioniert?

Die Antwort ist unbequemer als erwartet. Der Kreisverband Weiden–Neustadt–Tirschenreuth funktioniert – nach den Maßstäben, die eine Partei an sich selbst anlegt. Er hat die Mitglieder. Er hat drei Parlamentsmandate. Er hat drei Ortsverbände und eine Website. Er hat 23 kommunale Sitze geholt. In der Berichterstattung rund um die Kommunalwahl finden sich keine Rücktritte, keine Ermittlungsverfahren, kein Machtkampf mit der Landespartei. Ganz ohne Vorgeschichte ist er nicht: Magerl trug 2018 bei einer Parteiveranstaltung ein T-Shirt einer rechtsextremen Marke, was er später einen unbedachten Ausrutscher nannte.29 Die Aufstellungsversammlungen für Weiden und Neustadt verliefen nach Darstellung des Verbands „geordnet, sachlich und in harmonischer Atmosphäre“, alle Kandidaten wurden einstimmig gewählt.10

Und trotzdem findet man Lücken, die auch aus Freyung-Grafenau, Cham und Regen bekannt sind:

Die Listen sind zu kurz – hier sogar die kürzesten im Feld. Um die beiden Landratsämter hat sich der Verband nicht beworben – anders als die AfD in Cham. Und es gibt kaum ausgewiesene kommunale Verankerung – kein einziges angegebenes Ehrenamt bei siebzehn Tirschenreuther Bewerbern.

Das ist der eigentliche Befund dieser Serie. In Freyung-Grafenau konnte man die Leere mit der Schwäche des Verbands erklären. In Cham mit dem Chaos. In Regen mit dem Fehlen einer zweiten Reihe. In Weiden trägt keine dieser Erklärungen. Hier ist vorhanden, was einen Verband stark macht – und viele Lücken sind dieselben.

Meine Lesart: Es liegt weniger an den Verbänden als an dem, was die AfD kommunal sein will. Eine Marke, die Stimmen einsammelt, keine Organisation, die Ämter füllt. Für einen Kreistag, in dem man Opposition macht, reicht das. Für ein Landratsamt reicht es nicht – und deshalb bewirbt man sich in den meisten Landkreisen erst gar nicht darum.

Der Weidener Stadtrat hat inzwischen eine Mehrheit aus CSU, Junger Union und Bürgerliste mit 21 von 41 Stimmen.24 Gegen diese Mehrheit werden die sechs AfD-Stadträte absehbar wenig durchsetzen. Opposition ist die bequemere Rolle: Sie kostet nichts, und sie muss nichts beweisen.

Die Frage, die dieser Verband offenlässt, ist die, die alle offenlassen: Was passiert, wenn eine dieser Fraktionen einmal gebraucht wird, um etwas zu tragen statt es abzulehnen? Im Verbandsgebiet gibt es 23 Menschen, die sie beantworten müssten. Neunzehn von ihnen saßen vor dieser Wahl, soweit Stimmzettel und Presse es ausweisen, in keinem Stadtrat und keinem Kreistag.


  1. AfD-Kreisverband Weiden: „Kreisverband“ (Gründung, Mitgliederzahl, Vorstand, Ortsverbände Mantel und Floß), https://afd-weiden.de/gruendung/, Seitenstand 01.02.2026 

  2. Oberpfalz-Medien/Onetz: Bericht zum Neujahrsempfang des AfD-Kreisverbands Weiden-Neustadt-Tirschenreuth mit Angabe von 160 Mitgliedern, https://www.onetz.de/themen/afd-weiden 

  3. Endstation Rechts: „Machtkampf in der bayerischen AfD“, Juni 2026, https://www.endstation-rechts.de/news/machtkampf-der-bayerischen-afd 

  4. Deutscher Bundestag, Biografie Manfred Schiller (21. Wahlperiode), https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/S/schiller_manfred-1047080 

  5. Bayerischer Landtag, Abgeordnetenprofil Roland Magerl, https://www.bayern.landtag.de/abgeordnete/abgeordnete-von-a-z/profil/roland-magerl/ 

  6. Onetz: „Stadtratswahl Weiden 2026: CSU vorn mit 31,3 Prozent und 13 Sitzen“, 09.03.2026 (Schnellmeldung), https://www.onetz.de/oberpfalz/weiden-oberpfalz/stadtratswahl-weiden-2026-csu-vorn-313-prozent-13-sitzen-id5316322.html; amtliches Ergebnis: Stadt Weiden, Stadtratswahl 2026, https://www.wahlen.weiden.de/20260308/106039/; zur bisherigen Fraktionsstärke von zwei Sitzen: OberpfalzECHO, „Das ist der neue Stadtrat Weiden: CSU die stärkste Kraft, SPD knapp vor AfD“, 09.03.2026, https://oberpfalzecho.de/politik/stadtrat-weiden-csu-die-staerkste-kraft-dahinter-afd-spd-verliert-fast-9-prozent 

  7. Landkreis Neustadt a.d.Waldnaab, Amtsblatt Nr. 05 vom 31.03.2026: abschließende Ergebnisse der Kreistagswahl (mit allen Gewählten und Listennachfolgern) und der Landratswahl am 8. März 2026, https://www.neustadt.de/aktuelles/amtsblaetter/amtsblatt-2026/amtsblatt-nr.-05-vom-31.03.2026.pdf 

  8. Der Wahlleiter des Kreises Tirschenreuth: „Bekanntmachung des abschließenden Ergebnisses der Wahl des Kreistags 2026 am 8. März 2026“, festgestellt am 31.03.2026, nebst Anlage, https://www.kreis-tir.de/fileadmin/user_upload/Landkreis/Wahlen/260331_Bekanntmachung_Wahlergebnis_Kreistagswahl.pdf 

  9. OberpfalzECHO: „Klare Verhältnisse im Kreistag, Spannung im Rennen um den Landratssessel“, 09.03.2026, https://oberpfalzecho.de/politik/klare-verhaeltnisse-im-kreistag-spannung-im-rennen-um-den-landratssessel 

  10. AfD-Kreisverband Weiden: „Pressemitteilung – AfD-Kreisverband Weiden–Neustadt–Tirschenreuth stellt Kandidaten für Kommunalwahl 2026 auf“, 11.10.2025, https://afd-weiden.de/pressemitteilung-afd-kreisverband-weiden-neustadt-tirschenreuth-stellt-kandidaten-fuer-kommunalwahl-2026-auf/ 

  11. Stadt Weiden i.d.OPf.: „Wahlen“ – Bekanntmachung des Stadtwahlausschusses vom 20.01.2026 zu den zugelassenen Wahlvorschlägen, https://www.weiden.de/stadt/rathaus/wahlen 

  12. Onetz: „Landratswahl Tirschenreuth 2026: Grillmeier und Schicker in der Stichwahl“, 10.03.2026, https://www.onetz.de/oberpfalz/tirschenreuth/landratswahl-tirschenreuth-2026-grillmeier-schicker-stichwahl-id5315837.html; zum Ausgang: Onetz, „Landkreis Tirschenreuth: Hubert Schicker gewinnt die Landrats-Stichwahl 2026“, https://www.onetz.de/oberpfalz/tirschenreuth/landkreis-tirschenreuth-hubert-schicker-gewinnt-landrats-stichwahl-2026-id5326906.html 

  13. Bayerisches Landesamt für Statistik: Muster Anlage 4 zu §§ 30 bis 32 GLKrWO (Wahlvorschlag), Fußnote zu den Angaben der Bewerber, https://www.statistik.bayern.de/mam/wahlen/kommunalwahlen/glkrwo_anlage_4.pdf 

  14. OberpfalzECHO (Christine Ascherl): „Erste Sitzung des neuen Weidener Stadtrats: jünger, männlicher, rechter“, 19.05.2026, https://oberpfalzecho.de/politik/erste-sitzung-des-neuen-weidener-stadtrats-juenger-maennlicher-rechter-mit-bildergalerie 

  15. Onetz: „Diese fünf AfD-Männer rücken in den Weidener Stadtrat“, 08.05.2026 (Serie „Weidens neue Stadträte“, Teil 2), https://www.onetz.de/oberpfalz/weiden-oberpfalz/diese-fuenf-afd-maenner-ruecken-weidener-stadtrat-id5366121.html 

  16. OberpfalzECHO: „AfD stellt Weichen für Kommunalwahl: Bürgermeisterkandidat für Eslarn, Liste für Moosbach“, Januar 2026, https://oberpfalzecho.de/politik/afd-stellt-weichen-fuer-kommunalwahl-buergermeisterkandidat-fuer-eslarn-liste-fuer-moosbach 

  17. Wikipedia: „Manfred Schiller“ (Ausschüsse, Sprecher Arbeitskreis Petitionen), https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Schiller 

  18. Die Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025, Ergebnisse Wahlkreis 234 Weiden, https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99/land-9/wahlkreis-234.html 

  19. OberpfalzWiki: „Kommunalwahl 2026 in Weiden in der Oberpfalz“ (Wahlvorschlag der AfD mit Listenreihenfolge), https://www.oberpfalzwiki.de/Kommunalwahl_2026_in_Weiden_in_der_Oberpfalz; zur Verschiebung nach Stimmen gegenüber den Listenplätzen siehe auch Fn. 18 

  20. Onetz: „AfD bei Stadtratswahl 2026 in Weiden mit 6 Mandaten – Schiller Stimmenkönig“, 09.03.2026, https://www.onetz.de/oberpfalz/weiden-oberpfalz/afd-stadtratswahl-2026-weiden-6-mandaten-schiller-stimmenkoenig-id5316751.html 

  21. Onetz: „AfD gründet Fraktion im Weidener Stadtrat“, 30.03.2026, https://www.onetz.de/oberpfalz/weiden-oberpfalz/afd-gruendet-fraktion-weidener-stadtrat-id5332784.html; ebenso OberpfalzECHO, „AfD gründet Fraktionen in Weiden und Neustadt“, 30.03.2026 

  22. AfD-Kreisverband Weiden: „Unser Oberbürgermeisterkandidat für Weiden – Ferdinand Adam“, Oktober 2025, https://www.afd-weiden.de/unser-oberbuergermeisterkandidat-fuer-weiden-ferdinand-adam/ 

  23. Weiden24: „OB-Fragenhagel 2026 mit Ferdinand Adam (AfD)“, https://weiden24.de/ob-fragenhagel-2026-mit-ferdinand-adam-afd/ 

  24. OberpfalzECHO: „Erste Sitzung des Stadtrats Weiden: Stephan Gollwitzer, Jürgen Meyer und Saskia Kosmus sind Bürgermeister“, 19.05.2026, https://oberpfalzecho.de/politik/erste-sitzung-des-stadtrats-weiden-stephan-gollwitzer-und-juergen-meyer-sind-stellvertretende-buergermeister 

  25. Onetz: „Oberbürgermeisterwahl Weiden 2026: Zeitler und Jens Meyer gehen in die Stichwahl“, 08.03.2026 (Schnellmeldung), https://www.onetz.de/oberpfalz/weiden-oberpfalz/oberbuergermeisterwahl-weiden-2026-zeitler-jens-meyer-gehen-stichwahl-id5315550.html 

  26. OberpfalzECHO: „‚HH‘ im Kennzeichen am AfD-Wahlkampfmobil: Problematisch oder nicht?“, 24.01.2025, https://www.oberpfalzecho.de/beitrag/hh-im-kennzeichen-des-afd-wahlkampfmobils-erlaubt-oder-nicht 

  27. Amberg24: „Kennzeichen ‚HH-45‘ in Weiden – auf Wahlkampf-Fahrzeug der AfD“, Januar 2025, https://amberg24.de/kennzeichen-hh-45-in-weiden—auf-wahlkampf-fahrzeug-der-afd/cnt-id-ps-fceb21ea-8bc3-4191-9dff-91849ee0a1c1 

  28. Onetz: „‚HH-45‘ in Weiden: Die Hintergründe zum Wahlkampf-Fahrzeug der AfD“, 28.01.2025, https://www.onetz.de/oberpfalz/weiden-oberpfalz/hh-45-weiden-hintergruende-wahlkampf-fahrzeug-afd-id5014931.html 

  29. Bayerische Staatszeitung: „Der Ex-Sozi“, 31.05.2019, https://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/landtag/detailansicht-landtag/artikel/der-ex-sozi.html 

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