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Die Werkstatt der Empörung

Eine kleine Typologie rechter Online-Rhetorik

Wer eine Weile in den Kommentarspalten rechter und rechtsextremer Seiten unterwegs ist, macht eine ernüchternde Entdeckung: Das, was wie spontane Bauchwut aussieht, ist Handwerk. Die Empörung ist nicht chaotisch, sondern bemerkenswert gleichförmig gebaut.

Es sind immer dieselben Griffe, in immer neuen Anlässen. Die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak hat für diese Politik der Angst die wiederkehrenden Argumentationsmuster – sie nennt sie Topoi – systematisch beschrieben.1 Wer die Muster einmal kennt, liest solche Beiträge anders: nicht mehr als Meinung, über die man sich aufregt, sondern als Konstruktion, die man auseinandernehmen kann.

Ich habe das in den letzten Wochen an gut einem Dutzend konkreter Fälle getan – die meisten aus Bayern, einige direkt aus meiner Region. Aus dieser Sammlung lässt sich eine kleine Typologie destillieren. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber die wichtigsten Werkzeuge sind dabei.

Eine kleine Typologie der Mechanismen

Das Weglassen: Lügen mit wahren Fakten

Die wirksamste Manipulation kommt ohne eine einzige falsche Tatsache aus. Sie besteht im Weglassen. In der Ethik des Sprechens heißt das paltering: die Irreführung durch selektiv wahre Aussagen.

Ein Lehrstück lieferte ein AfD-Bundestagsabgeordneter zum Urteil nach einem Messerangriff auf einem Volksfest. Die Tat war real, das Opfer hat schwer gelitten – das stimmt alles. Verschwiegen wurde nur, was das milde Urteil erklärt: dass der Täter seit über zehn Jahren fest arbeitet, Steuern zahlt und nicht vorbestraft ist; dass die verspottete „gute Sozialprognose” nicht das Gericht erfunden hatte, sondern der Staatsanwalt, der selbst eine höhere Bewährungsstrafe forderte; und dass hinter der knappen Floskel „traumatische Erfahrungen mit der Taliban” die Ermordung zweier Brüder vor den Augen des Mannes stand. Wer all das streicht, muss nichts erfinden. Er muss nur die Hälfte zeigen. Aus einem juristisch unauffälligen Ersttäter-Urteil wird so der Beweis, „der Rechtsstaat versagt” – und aus einem Menschen wird eine Nationalität.

Eng verwandt ist der Schritt vom Einzelfall zum Systembeweis, das pars pro toto: Ein konkreter Vorfall wird zum Beleg für eine angebliche Regel aufgeblasen. Die Tat wird nicht erzählt, weil sie geschehen ist, sondern weil sie ein vorgefertigtes Weltbild bedient.

Die Andeutung: hetzen, ohne es gesagt zu haben

Die zweite Technik ist die strategische Unvollständigkeit. Ein Kreisverband in meiner Nähe teilte einen seriösen Zeitungsartikel kommentarlos – und überließ die Schlussfolgerung dem Leser. Andernorts steht unter einem Bild der angefangene Satz „Zigaretten sind NICHT das Problem im Schwimmbad…”, die drei Punkte erledigen den Rest. Der Betrachter setzt selbst ein, wer gemeint ist; das Bild liefert die Antwort, ohne dass ein Wort fällt.

Das ist der klassische Dog-Whistle: eine Botschaft, die die Zielgruppe versteht, während sie nach außen bestreitbar bleibt. Fragt jemand nach, war es „doch nur ein geteilter Artikel” oder „doch nur ein Bild”. Diese plausible deniability ist kein Nebeneffekt, sie ist der Zweck der Konstruktion.

Das synthetische Bild: wenn die KI die Beweise liefert

Neu – und besonders perfide – ist die synthetische Evidenz. Ein per KI erzeugtes Bild zeigte eine verängstigte, hell gezeichnete junge Frau, dahinter eine Gruppe dunkelhaariger, halbnackter Männer. Oben rechts der kleine Hinweis „KI-generierter Inhalt”. Es gibt also keinen Vorfall, kein Opfer, keine Szene – nur ein am Computer erzeugtes Gefühl, das als Wirklichkeit verkauft wird.

Die Bildsprache ist dabei das eigentliche Argument. „Die fremde Männerhorde bedroht die einheimische Frau” ist eines der ältesten Hetzmotive überhaupt, mit einer Linie von der NS-Propaganda bis zur Rechtfertigung von Lynchjustiz. Victor Klemperer hat in LTI gezeigt, wie sehr Propaganda über Bilder und Vokabeln wirkt, nicht über Argumente.2 Dieselbe Logik trägt die makellos gestaltete Wahlkampf-Kachel: ein Politiker im Anzug, ernst, im Hintergrund ein nächtlicher Rummelplatz, darüber in Blutrot „MESSER-ANGREIFER”. Die Farbe und der vertraute Ort transportieren die Botschaft, bevor irgendjemand den Text liest – euer Volksfest ist jetzt ein Tatort.

Die Umdeutung: aus Aufklärung wird Anschlag

Eine Kinderzeitung erklärte altersgerecht, dass es Menschen gibt, die sich im falschen Körper geboren fühlen – ein Mensch übrigens, der als Erwachsener für sich selbst entschieden hat. In der Lesart einer AfD-Kreisrätin werden Kinder dadurch „gezielt manövriert”. Aus Aufklärung wird Indoktrination, aus Toleranz ein Anschlag auf die Kinder. Das ist die Erzeugung einer moral panic: Ein begrenztes Phänomen wird zur Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung schlechthin überhöht.

Das eigentlich Übergriffige stand dabei nicht im Beitrag selbst, sondern darunter, in den Kommentaren – von „Sodom und Gomorrha” bis zur widerlichen Nähe zu „Phäd…”. Die Seite hat das nicht geschrieben, nur stehen lassen und mit einem Herzchen quittiert. So entsteht ein Raum, in dem das Unsägliche normal wird, ohne dass der Verantwortliche es je selbst aussprechen muss.

Die Suggestivfrage: die Antwort steckt schon in der Frage

In einer parlamentarischen Anfrage zum Schutz eines AfD-Parteitags wurde der Innenminister gefragt, wie er sicherstelle, dass „aus Bündnissen für Vielfalt kein rechtswidriger Druck, keine Nötigung oder gar Gewalt umschlägt”. Das ist keine Frage, das ist eine Behauptung im Frageformat – die Loaded Question. Wer antwortet, hat die Prämisse („von den Gegendemonstranten droht Gewalt”) bereits akzeptiert. Das Format der sachlichen Anfrage dient hier nur als Bühne für eine Unterstellung.

Die umgekehrte Hitler-Keule: Täter-Opfer-Umkehr und Geschichtsrevisionismus

Dieselbe Anfrage zog zweimal die Parallele zur NS-Zeit: zivilgesellschaftlicher Protest gegen die AfD wurde mit „Ausgrenzungsmethoden aus der NS-Zeit” und „organisierter Existenzvernichtung” gleichgesetzt. Das ist die Täter-Opfer-Umkehr: Die mächtige, regierungsfähige Partei mit Mandaten, Anwälten und vollem Grundrechtsschutz inszeniert sich als verfolgte Minderheit – und verharmlost im selben Atemzug die realen NS-Verbrechen, auf die sie sich beruft. Der Begriff für die Verwandte dieser Figur, die reductio ad Hitlerum, stammt von Leo Strauss; hier erscheint sie spiegelverkehrt, als Selbstmitleids-Rhetorik.3

Die radikalste Variante ist der offene Geschichtsrevisionismus. Alice Weidel erklärte im Januar 2025 im Gespräch mit Elon Musk, Hitler sei „ein Kommunist” und Sozialist gewesen.4 Das ist historisch das Gegenteil der Wahrheit: Der NS-Staat verfolgte und ermordete Kommunisten und Sozialisten zu Zehntausenden. Das einzige „Argument” – das Wort „sozialistisch” im Parteinamen – ist ein Etikettenschwindel; nach derselben Logik wäre die DDR demokratisch gewesen. Der Konsens der Geschichtswissenschaft von Kershaw bis Evans ist eindeutig: Der Nationalsozialismus gehört ins rechtsextreme Spektrum.5 Sogar AfD-Ehrenvorsitzender Gauland widersprach Weidel. Der politische Zweck ist die doppelte Entlastung: Das NS-Erbe wird der Linken zugeschoben, die eigene Tradition reingewaschen. Der Philosoph Jason Stanley hat beschrieben, wie das Umschreiben der Vergangenheit zum Kernrepertoire autoritärer Propaganda gehört.6

Die falsche Symmetrie: „egal von welcher Seite”

Ein AfD-Europaabgeordneter beklagte 26 „linksextreme Anschläge” auf ein Leipziger Kirchencafé und fragte rhetorisch, wo „der große Aufschrei” bleibe. Der Kern stimmt: Die Angriffe auf das Café der Zeal Church waren real, bis hin zu einem Buttersäureanschlag.7 Falsch ist die Rahmung der „großen Stille” – über den Fall berichteten überregionale Medien sehr wohl. Hier arbeiten zwei Figuren zusammen: der Whataboutism, der von eigenen Problemen ablenkt, indem er auf andere zeigt, und eine falsche Symmetrie, die unter dem Deckmantel der Ausgewogenheit („egal von welcher Seite”) die ganz unterschiedlichen Größenordnungen rechter und linker Gewalt einebnet.

Geliehene Glaubwürdigkeit

Schließlich die Anleihe bei Autoritäten. Eine Aussage des BAMF-Präsidenten wird so zugeschnitten, dass sie das eigene „Wir hatten immer recht” stützt; eine Bundestagsabgeordnete deutet Pandemievorsorge-Verträge zu „Horten auf Steuerzahlerkosten” um. Das Muster ist stets dasselbe: Man borgt sich die Seriosität einer offiziellen Quelle oder eines Leitmediums und entfernt den Kontext, der die eigene Schlussfolgerung verbieten würde.

Der gemeinsame Nenner: das Fenster verschieben

So verschieden die Werkzeuge sind, sie dienen einem Ziel. Jeder einzelne Beitrag verschiebt das Overton-Fenster – den Bereich des öffentlich Sagbaren – ein kleines Stück.8 Was gestern Tabu war, ist heute ein Kommentar mit dreißig zustimmenden Daumen. Die Methode lebt nicht vom einzelnen Treffer, sondern von der Masse und der Wiederholung. Die RAND Corporation hat dieses Prinzip am russischen Staatsfernsehen als „firehose of falsehood” beschrieben: hohes Tempo, viele Kanäle, keine Rücksicht auf Konsistenz oder Wahrheit – wirksam, weil das schiere Volumen überfordert.9 Die dem Trump-Strategen Steve Bannon zugeschriebene Devise, „die Zone mit Mist zu fluten”, meint dasselbe.

Der Treibstoff dieser Maschine ist die Empörung selbst. Sie ist die Währung der Plattformen: Was wütend macht, wird geteilt. Manufactured outrage – industriell erzeugte Empörung – ist deshalb kein Ausrutscher, sondern Geschäftsmodell.

Warum das gefährlich ist

Gefährlich ist nicht der einzelne Post. Gefährlich ist die Gewöhnung. Wenn die Bedrohungsfantasie zur Tapete wird, verschiebt sich der Maßstab dessen, was als normal, als sagbar, als wählbar gilt. Die Erzählung heftet sich dabei bevorzugt an reale Anlässe – eine echte Tat, ein echter Artikel, ein echtes Urteil – und baut daraus eine Geschichte über „die da”. Sie wirkt am stärksten dort, wo die Leute sich auskennen: auf dem eigenen Volksfest, in der eigenen Kinderzeitung, im eigenen Schwimmbad. Hier bei uns im Bayerischen Wald, wo die AfD ohnehin stark ist, fällt dieser Same auf besonders fruchtbaren Boden.

Lohnt der Widerspruch überhaupt?

Die ehrliche Antwort: Den Verfasser eines solchen Beitrags überzeugt man fast nie. Wer ein Urteil bewusst halbiert, will nicht informieren. Mit ihm zu diskutieren, ist tatsächlich vergebene Liebesmüh.

Nur schreibt man auch gar nicht für ihn. Man schreibt für die vielen stillen Mitleser, die kurz nicken und weiterscrollen würden – wenn da nicht ein einziger sachlicher Kommentar stünde, der zeigt, dass die Geschichte eine andere ist. Dieser Widerspruch hält den Beitrag davon ab, unwidersprochen als Wahrheit durchzugehen. Er ist Protokoll: Hier hat jemand gesehen, was gespielt wird, und es benannt. Das ist kein Sieg, aber es ist nicht nichts.

Drei Regeln haben sich dabei bewährt. Erstens: bei den Fakten bleiben, immer – wer die weggelassene Hälfte nachliefert, ist unangreifbar; wer beleidigt, liefert der Gegenseite das „die hetzen doch auch”-Argument frei Haus. Zweitens: den Mechanismus benennen, nicht die Person. „Sie lassen das Wichtigste weg” trifft härter als jedes Schimpfwort. Drittens: ruhig bleiben. Empörung ist ihre Währung – wer sachlich bleibt, entzieht ihnen den Treibstoff.

Erfahrung aus der Region

Wie unterschiedlich die Kreisverbände mit Widerspruch umgehen, habe ich selbst erlebt. Nachdem ich gut ein Dutzend Beiträge des Kreisverbands Freyung-Grafenau rein sachlich zerlegt hatte, war ich gesperrt. Beim Abgeordneten Protschka dasselbe. Bei anderen – Ralf Stadler, Reinhard Mixl – stehen meine Kommentare bis heute. Diese Spreizung ist aufschlussreich. Eine Partei, die täglich „Zensur” und „Meinungsfreiheit” ruft, erträgt an manchen Stellen keine einzige belegte Gegenrede. Wer Widerspruch löscht, verrät, dass er ihn fürchtet. Wer ihn stehen lässt, hat wenigstens verstanden, dass eine offene Seite Widerspruch aushalten muss.

Gelegentlich liefert die Werkstatt ihren eigenen Beweis. Als eine AfD-Kreisrätin aus dem Landkreis Cham dieser Tage stolz die Reichweitenstatistik ihres Profils teilte – „Ihr macht mich sprachlos” –, war es ausgerechnet ein geteiltes Video mit der Behauptung, Hitler sei ein Linker gewesen, das die Zahlen nach oben getrieben hatte. Die Empörung als Produkt, die Falschbehauptung als Treibstoff, die Reichweite als gefeierter Ertrag. Selten lässt sich der Mechanismus so unverstellt von innen besichtigen.

Schluss

Man muss sich mit diesem ganzen Spuk nicht jeden Tag herumschlagen – das hält niemand aus. Aber man sollte ihn auch nicht laufen lassen. Die Demokratie stirbt nicht an einer blutroten Wahlkachel. Sie stirbt daran, dass niemand mehr widerspricht, weil es ja ohnehin nichts bringe. Genau deshalb bringt es etwas.


  1. Ruth Wodak: The Politics of Fear. The Shameless Normalization of Far-Right Discourse, 2. Aufl., London 2021. Wodak und Martin Reisigl entwickelten den „diskurshistorischen Ansatz” und das Konzept wiederkehrender argumentativer Topoi

  2. Victor Klemperer: LTI – Notizbuch eines Philologen, Berlin 1947. Klemperers Analyse der „Sprache des Dritten Reiches” zeigt die Wirkung von Vokabeln und Bildern gegenüber dem Argument. 

  3. Der Begriff reductio ad Hitlerum geht auf Leo Strauss zurück: Natural Right and History, Chicago 1953. 

  4. Alice Weidel im Live-Gespräch mit Elon Musk auf X, Januar 2025. Die Aussage wurde breit dokumentiert und u. a. von AfD-Ehrenvorsitzendem Alexander Gauland öffentlich zurückgewiesen. 

  5. Vgl. Ian Kershaw: Hitler 1889–1936: Hubris, New York 1999; Richard J. Evans: The Coming of the Third Reich, London 2003; sowie die Einordnung des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), München. 

  6. Jason Stanley: How Fascism Works. The Politics of Us and Them, New York 2018, sowie ders.: How Propaganda Works, Princeton 2015. 

  7. Café „Stay” der Zeal Church in Leipzig-Reudnitz; rund 26 mutmaßlich linksextremistische Angriffe in gut zwei Jahren, darunter ein Buttersäureanschlag mit etwa 20.000 Euro Schaden. Über den Fall berichteten auch überregionale Medien – die behauptete „große Stille” trifft nicht zu. 

  8. Das Overton-Fenster (nach Joseph P. Overton, Mackinac Center for Public Policy, 1990er Jahre) bezeichnet das Spektrum politischer Positionen, das zu einem Zeitpunkt als gesellschaftlich akzeptabel gilt. 

  9. Christopher Paul / Miriam Matthews: The Russian „Firehose of Falsehood” Propaganda Model, RAND Corporation, 2016. 

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