Social Media

Stets auf der Suche nach Wahrheit – und was passiert, wenn man sie ihr bringt

Eine kleine Tragikomödie in vier Akten über Faktenchecks, Löschknöpfe und den Streisand-Effekt

„Stets auf der Suche nach Wahrheit.” So steht es, in eleganter Schrift über einer wehenden Deutschlandfahne, im Titelbild von Christl Fischer – Buchautorin, Radiomoderatorin, Unternehmerin, AfD-Kreisrätin im Landkreis Cham. Ein schönes Motto. Man sollte es ernst nehmen. Schauen wir also einmal nach, was passiert, wenn die Wahrheit tatsächlich auftaucht.

Akt 1: Der Verbrennungsofen

Es begann mit einem Foto. Im Zusammenhang mit einem Besuch ihres Sohnes in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg postete Frau Fischer das Bild eines Krematoriumofens. Flossenbürg ist jener Ort, an dem die Körper von mehr als 30.000 ermordeten Menschen verbrannt wurden. Dazu, sinngemäß, die Andeutung: Ein gewisser „Hr. Hi…” habe einst alle aus dem Weg geräumt, die nicht seiner Meinung waren, und „ähnlich” mache es heute, ihrer Wortschöpfung nach, „Schwarzrotlinkslilablassgrün”. Garniert mit der Behauptung, die Selbstmordrate sei seit 2020 „um das Zigfache” gestiegen. (Der Beitrag wurde inzwischen gelöscht; ich gebe ihn hier aus meiner Dokumentation sinngemäß wieder.)

Nun ist „zigfach” ein großes Wort. Es bedeutet: ein Vielfaches, das Zehn-, Zwanzigfache. Die Wahrheit, die sie laut Titelbild ja sucht, sieht so aus: 2020 starben in Deutschland rund 9.200 Menschen durch Suizid, 2024 waren es 10.372. Das ist ein Anstieg von etwa 13 Prozent. Und langfristig, seit 1980, hat sich die Suizidrate nahezu halbiert (Quelle: Statistisches Bundesamt). Aus „zigfach” wird also „ein bisschen mehr als ein Achtel”. Die Wahrheit war da. Sie klopfte höflich an, mit Quellenangabe.

Akt 2: Die Wahrheit klopft – die Tür geht zu

Was tut man als Wahrheitssucherin, wenn die gesuchte Wahrheit unerwartet auf der eigenen Pinnwand steht? Man löscht den Post.

Genau das geschah. Der Flossenbürg-Beitrag verschwand. An seiner Stelle erschien ein Live-Video, in dem Frau Fischer den Vorwurf erläuterte, sie dürfe als AfDlerin ja wohl noch sagen, dass ein KZ schlimm war. Bemerkenswert war ein Nebensatz. Auf die widerlegte Suizidzahl angesprochen, räumte sie sinngemäß ein, die 13 Prozent stimmten schon. (Das Video lag mir nur als automatische Transkription vor; bei starkem Dialekt ist der genaue Wortlaut nicht hundertprozentig gesichert, der Sinn dieser Stelle jedoch eindeutig.) Ein historischer Moment – die Wahrheitssuche war von Erfolg gekrönt. Sie hatte die Wahrheit gefunden. Im selben Atemzug ersetzte sie sie durch drei neue Zahlen: 300 Prozent mehr Herzinfarkte, 700 Prozent mehr Schlaganfälle, 70 Prozent der Geimpften mit „schweren Problemen”, alles seit 2020.

Wer sucht, der findet eben immer irgendetwas.

Akt 3: Die undankbare Wahrheit, schon wieder

Auch diese drei Zahlen ließen sich nachschlagen, ganz ohne Geheimwissen. Das Paul-Ehrlich-Institut, die für Impfstoffsicherheit zuständige Behörde, verzeichnet nach über 197 Millionen verabreichten Dosen eine Melderate von 0,32 schwerwiegenden Verdachtsfällen pro 1.000 Dosen. Das sind 0,032 Prozent – und es handelt sich um gemeldete Verdachtsfälle, nicht um belegte Schäden. Von „70 Prozent” ist das ungefähr das Zweitausendfache entfernt. Und die Herzinfarkte und Schlaganfälle? Große Studien aus England (46 Millionen Menschen), den USA und Frankreich zeigen nach der Impfung nicht mehr, sondern weniger solcher Ereignisse. Das erhöhte Risiko stammt von der Infektion selbst.

Als Quelle für ihre Erzählung nannte Frau Fischer am Ende des Videos eine ärztliche Autorität. Die Stelle ist dialektbedingt schwer zu verstehen; nach meinem Verständnis – und gestützt auf die inhaltliche Übereinstimmung – handelt es sich um Sucharit Bhakdi. Das ist jener emeritierte Mikrobiologe, von dessen Aussagen sich seine eigenen früheren Universitäten Mainz und Kiel öffentlich distanziert haben, dessen zentrale Untergangsprognosen nicht eingetreten sind und der die israelische Impfpolitik in Holocaust-Nähe rückte. Er stand deshalb wegen Volksverhetzung vor Gericht – ein Verfahren, das in erster Instanz mit einem heftig kritisierten Freispruch endete und in der Berufung bislang nicht abgeschlossen ist. Die „Wahrheit”, die hier gesucht wurde, hatte also, falls ich richtig höre, eine recht spezielle Adresse.

Akt 4: Der Schlussvorhang fällt – auf den Boten

Ich habe das alles kommentiert. Sachlich, mit Quellen, mit vollem Namen, ohne ein einziges böses Wort. Das Ergebnis: Der Kommentar ist gelöscht, das Video verschwunden, und ich bin gesperrt.

Und hier wird es, zugegeben, ein wenig komisch. Denn das Video hatte über 3.000 Aufrufe, Dutzende Reaktionen, ein gutes Dutzend Kommentare und wurde mehrfach geteilt. Ein erheblicher Teil dieser Sichtbarkeit kam durch die Diskussion zustande – auch durch widersprechende Beiträge. Indem die Suchende nach Wahrheit den Widerspruch löscht und den Widersprechenden aussperrt, kappt sie genau das, was ihren Beitrag nach oben gespült hat. Man nennt das andernorts den Streisand-Effekt; hier könnte man es schlicht „ins eigene Fleisch geschnitten” nennen.

Das eigentliche Muster

Dreimal dasselbe Schema: Behauptung aufstellen, mit Beleg konfrontiert werden, Inhalt löschen, eine neue, größere Behauptung nachschieben – und den Boten sperren. Das ist keine Wahrheitssuche. Das ist Fassadenpflege.

Und genau deshalb steht dieser Text hier und nicht in irgendeinem Kommentarbereich. Wer löscht und sperrt, sobald Belege eintreffen, bestimmt, was stehen bleibt – auf seiner Seite. Auf dieser hier bestimmt das niemand außer mir. Kein Löschknopf, keine Sperre, keine wehende Fahne über einem Verbrennungsofen.

Die Wahrheit, liebe Frau Fischer, ist tatsächlich da draußen. Sie ist nur selten so, wie man sie sich auf das Titelbild schreibt. Und sie verträgt es erstaunlich gut, nachgeschlagen zu werden.


Nachtrag: Wenn ein Abgeordneter den Mund aufmacht

Es blieb nicht bei meiner Beobachtung. Kurz danach meldete sich Julian Preidl zu Wort – Landtagsabgeordneter der Freien Wähler aus Bad Kötzting, also alles andere als ein Linker. In einem Video erklärte er, er habe lange gezögert, um keine zusätzliche Bühne zu bieten – aber diesmal gehe es zu weit.
Er benennt das, worum es geht: Der Vergleich der heutigen politischen Lage mit der NS-Zeit sei keine Meinung, sondern eine Grenzüberschreitung. Die Suizidrate sei seit 2020 tatsächlich gestiegen – das räumt er ein –, aber die Ursachen seien komplex, und einen direkten Bezug zur NS-Zeit herzustellen, sei faktisch falsch und verharmlose, was damals geschehen ist. Sein Fazit: Hier werde systematisch desinformiert und Angst geschürt, und das sei „ein No-Go für unsere Gesellschaft”.
Genau das ist der Punkt dieses ganzen Beitrags. Es ist kein einzelner Ausrutscher, über den man hinwegsehen könnte. Es ist ein Muster – und man muss kein politischer Gegner sein, um es zu erkennen. Ein gewählter Mandatsträger, der für dieselbe Region Verantwortung trägt, sagt es inzwischen offen.

Facebook-Post von Julian Preidl - Freie Wähler


Epilog: Der Vorhang fällt – diesmal wirklich

[Update, 19. Juni 2026] Die Ereignisse überschlagen sich.
Nur Stunden nach Preidls Video meldete sich Christl Fischer noch einmal zu Wort – und kündigte ihren Rücktritt als Kreisrätin an.
Sie betont, das habe nichts mit Preidls Rücktrittsforderung vom selben Tag zu tun; sie habe den Schritt längst, vor rund zwei Wochen, mit Reinhard Mixl besprochen. Das muss man ihr glauben oder nicht – nachprüfen lässt es sich nicht. Die Reihenfolge der Ereignisse schon.
Bemerkenswert ist, was sie nicht zurücknimmt. Nicht den Vergleich mit der NS-Zeit, nicht das Bild aus Flossenbürg, nicht die widerlegten Zahlen. Sie gibt das Amt ab, nicht die Behauptungen. Es ist kein Rücktritt aus Einsicht, sondern einer, weil die Bühne enger wurde.
Und doch ist genau das die Pointe dieser kleinen Tragikomödie. Eine gewählte Kreisrätin, die Geschichte verdrehte und jeden Beleg wegklickte, gibt am Ende ihr Mandat auf – nicht wegen einer Klage, nicht wegen einer Beschimpfung, sondern weil genug Leute hartnäckig, sachlich und mit Quellen widersprochen haben, bis es nicht mehr zu halten war. So sieht wirksame Gegenwehr gegen Unsinn aus: kein Geschrei, nur Belege, die nicht weggehen.
Die Wahrheit, liebe Frau Fischer, war eben doch da draußen. Am Ende hat sie sogar Sie eingeholt.


Alle hier wiedergegebenen Aussagen sind dokumentiert und belegbar.


Hinweis: Dieser Beitrag berührt das Thema Suizid. Wenn es dir nicht gut geht oder du in einer Krise steckst, sprich mit anderen darüber. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Share