Der Bayreuther KI-„Ring": Wer spricht hier eigentlich?
Was beim Jubiläums-„Ring” Menschen entschieden haben – und was Werbetexte der Maschine zuschrieben
Zum 150. Jubiläum ließen die Bayreuther Festspiele den „Ring” von KI-Bildern begleiten. Die Kritik fiel überwiegend vernichtend aus, die Technik blieb vage. Ein Blick darauf, wie über die Maschine gesprochen wurde – und wer den Werbetext dazu geschrieben hat.
Im Sommer 2026 feierten die Bayreuther Festspiele ihr 150-jähriges Bestehen. Im August 1876 war dort zum ersten Mal Richard Wagners „Ring des Nibelungen” vollständig aufgeführt worden.1 Zum Jubiläum gab es einen „Ring”, wie ihn der Grüne Hügel noch nicht gesehen hatte: ohne Regisseur, dafür mit Bildern, die ein Team mit Hilfe künstlicher Intelligenz erzeugte. Musikalisch wurde der Zyklus gefeiert, die Bildebene überwiegend verrissen. Mich interessiert hier aber weniger, ob die Bilder gelungen waren. Mich interessiert, wie über die Technik gesprochen wurde – von den Festspielen, von den Machern, von der Presse. Denn da gehen die Beschreibungen weit auseinander.
Ein „Ring” ohne Regie
Das Projekt hieß „Ring 10010110”. Die Binärzahl steht für 150. Es war eine Zusammenarbeit der Festspiele mit der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund. Deren Leiter Marcus Lobbes wurde nicht als Regisseur geführt, sondern als Kurator, zuständig für die „künstlerisch-technische Konzeption”.2 Auf der Mitwirkenden-Seite der Festspiele stand im Mai 2026 ein eigenes „Kreativteam Ring 10010110” mit Lobbes, Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger. Unter „Regie” tauchte der „Ring” gar nicht auf.3
Die Premiere des „Rheingold” war am 27. Juli 2026, am Pult stand Christian Thielemann. Die Sängerinnen und Sänger standen weitgehend unbewegt zwischen zwei Projektionsflächen. Auf die hintere Wand und eine Gaze vor dem Orchestergraben liefen Bilder aus 150 Jahren Bayreuther Inszenierungsgeschichte, gemischt mit Motiven der Zeitgeschichte.4
Wie die Festspiele und die Akademie warben
Die Ankündigungen setzten hoch an. Die Festspiele fragten auf ihrer Produktionsseite, was passiere, wenn die Bühne selbst zu denken beginne. Zum ersten Mal in der Geschichte der Festspiele werde künstliche Intelligenz auf der Bühne mitspielen – „nicht als Figur, sondern als bildgebende Kraft”.5 Die Dortmunder Akademie kündigte eine Mischung aus Live-Coding, künstlicher Intelligenz und Holografie an, ein „Experiment von visionärer Kraft”. Die KI habe „aus unzähligen Bildern, Stimmen, Dokumenten und Inszenierungen gelernt”.6
Unter diesem Projekttext der Akademie steht eine Zeile, die man leicht übersieht: „ChatGPT-4 im Dialog mit Andri Hardmeier”.6 Hardmeier war der Dramaturg der Produktion. Der Text, der die denkende, lernende, holografische Maschine ankündigt, ist also nach eigener Angabe zusammen mit einem Sprachmodell entstanden. Große Teile davon finden sich inhaltlich auch in der Ankündigung der Festspiele wieder. Ob beide Texte vollständig übereinstimmen, habe ich noch nicht Satz für Satz geprüft.
Was der Kurator selbst sagt
Marcus Lobbes klingt deutlich nüchterner. Im Programmheft nennt er die KI nach Wiedergabe des Opernmagazins ein statistisches System, das große Datenmengen mathematisch zueinander in Beziehung setzt.7 Das Opernmagazin hielt ausdrücklich fest, dass Marketing und Produktionsteam sich offenbar nicht einig waren, was die KI eigentlich tut.7
In einem Interview auf der Forschungsplattform seiner Akademie nach der Premiere wird Lobbes noch deutlicher. Die Maschine sei kein autonomer Künstler. Man solle ihr keine Autorität zuschreiben, als enthülle sie eine verborgene Wahrheit über Bayreuth. Archiv, Bildauswahl und ein szenenweise gegliedertes „Prompt-Libretto” habe das Team selbst festgelegt. Auch zur Holografie äußert er sich dort: Man erzeuge einen holografieähnlichen Eindruck, ohne Holografie im technischen Sinn zu beanspruchen.8
Vor der Premiere hatte er es der Deutschen Presse-Agentur noch anders erzählt. Man habe begonnen, verschiedene KI-Modelle zu trainieren – mit Libretto, Musik, Zeitgeschichte, Bildmaterial und dramaturgischer Reflexion. Er sprach davon, „wie die Maschine träumt”, und nannte das Projekt außerhalb der Unterhaltungsindustrie das größte seiner Art weltweit.9 Die Nürnberger Nachrichten kündigten einen „Ring” an, der erstmals „in Gänze von Künstlicher Intelligenz gesteuert” werde.10
Damit gibt es für dasselbe System mindestens vier Beschreibungen: eine Bühne, die zu denken beginnt; eine KI, die gelernt hat und träumt; eine Maschine, die alles steuert; und ein statistisches Werkzeug, dessen Rahmen Menschen setzen.
Was technisch bekannt ist – und was nicht
Am konkretesten ist ein Bericht der Nachrichtenagentur AP. Danach wurden rund ein Dutzend KI-Modelle kombiniert, darunter das verbreitete Bildmodell Stable Diffusion. Gerechnet wurde auf zwei eigens gebauten Rechnern mit Grafikkarten vom Typ NVIDIA RTX 5090. Grundlage waren etwa 1.000 Bilder, der Zyklus war in rund 250 Szenen gegliedert, und jeder Akt begann mit dem Bühnenbild der Uraufführung von 1876.11 Laut dpa griff das System nicht auf das Internet zu, und das Team hatte mit dem Ensemble genau vier Probentage.9
Was live passierte, ist weniger klar. Lobbes sagt, Mikrofone an den Sängern und im Orchester hätten das Tempo der Bildwechsel mitbestimmt. Im ersten „Rheingold” wechselten die Bilder zu schnell, weil die Sänger lauter waren als in den Proben, und das Team habe nachjustiert.8 Das Opernmagazin schreibt dagegen, auch der gesungene Text komme live im System an.7 Ob ein eigenes Modell trainiert wurde oder vorhandene Modelle mit Archivbildern und Stichworten angesteuert wurden, sagt keine Quelle eindeutig. Für Holografie im technischen Sinn habe ich in keiner Beschreibung der Bühne einen Hinweis gefunden. Alles spricht für Projektion auf Gaze.
Die Kritik: Menschen, nicht Maschinen
Die Rezensionen fielen im In- und Ausland ähnlich aus. Thielemann, Orchester und Ensemble wurden gefeiert, die Bilder überwiegend als beliebig beschrieben. Nach der „Götterdämmerung” gab es laut AP 17 Minuten Applaus, in den sich rund 30 Sekunden Buhrufe und Pfiffe für das Produktionsteam mischten.11 Einzelne Stimmen würdigten das Wagnis. Die Deutsche Bühne etwa schrieb, es verdiene Respekt.12
Auffällig ist, wie viele Kritiker bei der Frage nach der Verantwortung ankamen. Georgia Today hielt fest, nicht die künstliche Intelligenz habe diesen „Ring” inszeniert, sondern die namentlich genannten Menschen im Team. Diese Unterscheidung sei aus der öffentlichen Debatte fast verschwunden.13 Denise Wendel-Poray fragte in La Scena, wer eigentlich der Regisseur sei und wer entschieden habe, welches Bild auf welches folgt.14 Sie gibt auch eine Bemerkung von Lobbes wieder, dies sei „the cheapest Ring ever” gewesen, also der billigste „Ring” aller Zeiten. Eine Originalquelle für diesen Satz habe ich nicht gefunden.
Die Neue Zürcher Zeitung machte auf einen Denkfehler aufmerksam, der sich durch viele Beschreibungen zieht. Man könne den Eindruck bekommen, die KI hege eine Vorliebe für bestimmte frühere Inszenierungen. Das sei aber ein anthropomorpher Fehlschluss: Eine KI empfinde nichts, sie betreibe Statistik.15
Auch die Kosten spielten eine Rolle. Die dpa fragte schon vor der Premiere, ob das Projekt ein kostensparendes Beispiel für andere Häuser sei.9 Das französische Fachportal Forum Opéra hält einen Sparzusammenhang für nicht belegt, den Hintergrund gekürzter Budgets aber für nicht zu übersehen.16
Warum die Sprache zählt
Die Vermenschlichung kam nicht nur aus dem Marketing. Dramaturg Andri Hardmeier sprach laut AP davon, was die künstliche Intelligenz „denke” – im Englischen mit „she”, als wäre sie eine Person.11 Im Werbetext hatte die KI „gelernt”, in der dpa „träumte” sie, bei den Nürnberger Nachrichten „steuerte” sie den ganzen „Ring”. Selbst in manchen Verrissen tritt sie als Handelnde auf, der man Unkenntnis der Handlung vorwerfen kann.
Das ist mehr als eine Stilfrage. Wer der Maschine das Denken zuschreibt, schreibt ihr auch die Verantwortung zu – für gelungene Bilder genauso wie für misslungene oder für heikle Montagen. Laut AP tauchte in der „Walküre” ein Bild Hitlers auf, im „Rheingold” Theodor Herzl.11 Solche Entscheidungen haben Menschen getroffen: beim Füllen des Archivs, beim Schreiben der Prompts, bei der Freigabe. Lobbes selbst hat das im Interview seiner Akademie klar gesagt.8 Gegen diese Klarheit steht ein Werbetext, der die denkende Maschine ausruft – und der seinerseits mit einer Maschine geschrieben wurde.
Was offen bleibt
Einige Fragen konnte ich aus öffentlichen Quellen nicht klären. Welches Modell hat welche Aufgabe übernommen? Wurde ein Modell eigens trainiert oder nur angesteuert? Wertet das System den gesungenen Text aus oder nur die Lautstärke? Warum steht im Projekttext „Holografie”, wenn der Kurator selbst sie verneint? Und wie ist der ChatGPT-gestützte Text entstanden? Diese Fragen habe ich der Akademie für Theater und Digitalität gestellt. Wenn eine Antwort kommt, ergänze ich sie hier.
Ausblick
Am 17. Oktober 2026 diskutiert die Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg gemeinsam mit der Humanistischen Akademie in Nürnberg über Wagner – über seine Philosophie, seinen Antisemitismus und die Wirkung seiner Mythen.17 Der KI-„Ring” steht dort nicht auf dem Programm. Er hätte aber gepasst. Die Frage, wie Erzählungen entstehen, die sich der Prüfung entziehen, stellt sich bei Wagners Mythen genauso wie bei der Maschine, die angeblich träumt. Einer der Köpfe hinter dem technischen Konzept, Nils Corte, arbeitet laut Nürnberger Nachrichten übrigens am Staatstheater Nürnberg.10
Zur Entstehung dieses Textes
Bei der Recherche für diesen Beitrag habe ich ein KI-Werkzeug eingesetzt, zum Suchen, Sortieren und Gegenlesen. Geschrieben und verantwortet habe ich ihn selbst. Was ich behaupte, ist in den Fußnoten belegt – und wo ich etwas nicht belegen konnte, steht das im Text.
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Parterre Box, „Avert your AIs”, 23.08.2026. parterre.com ↩
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dpa/Britta Schultejans, „Wie die Maschine träumt – Der Bayreuther KI-Ring”, nmz, 21.07.2026. nmz.de ↩
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Bayreuther Festspiele, „Inszenierungen 2026”, Archivstand 21.05.2026. web.archive.org ↩
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concerti, Kritik „Das Rheingold”, 28.07.2026. concerti.de ↩
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Bayreuther Festspiele, Aufführungsdatenbank „Das Rheingold” 2026, o. D., abgerufen 26.09.2026. bayreuther-festspiele.de ↩
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Akademie für Theater und Digitalität, Projekttext „RING10010110”, Archivstand 26.09.2026. web.archive.org ↩ ↩
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Das Opernmagazin, „Bilderbrühe und Tütensuppe zum Hundertfünfzigsten”, 07.08.2026. opernmagazin.de ↩ ↩ ↩
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Akademie für Theater und Digitalität, Interview mit Marcus Lobbes (englisch, Wiedergabe in eigener Übersetzung), Archivstand 26.09.2026. web.archive.org ↩ ↩ ↩
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Thomas Heinold, „Mit Nürnberger Experten: Bayreuth schmiedet den ersten KI-Ring der Welt”, Nürnberger Nachrichten, 24.07.2026 (Bezahlinhalt, zitiert nach Vorspann). nn.de ↩ ↩
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AP/Ronald Blum, „AI-driven Ring Cycle sparks boos at 150th anniversary Wagner Festival”, 04.08.2026, hier nach Washington Times (eigene Übersetzung). washingtontimes.com ↩ ↩ ↩ ↩
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Die Deutsche Bühne, Kritik „Der Ring des Nibelungen”, 03.08.2026. die-deutsche-buehne.de ↩
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Georgia Today, „The Ring that Broke at Bayreuth”, 09.08.2026 (eigene Übersetzung). georgiatoday.ge ↩
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Denise Wendel-Poray, „The Death of the Director”, La Scena, o. D. (eigene Übersetzung). myscena.org ↩
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NZZ, „Bayreuth mit KI: Wechselnde Bilder von grosser Schönheit – und alles ohne Sinn und Deutung”, o. D. nzz.ch ↩
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Maxime Pierre, „Faut-il avoir peur de l’IA à l’opéra ?”, Forum Opéra, 24.08.2026. forumopera.com ↩
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Richard-Wagner-Forum 2026, Programm, abgerufen 26.09.2026. richard-wagner-forum.de ↩