Politik

Fragen an die »Vernünftigen« in der AfD

Ein Katalog zum Innehalten – für die, die noch glauben, sie täten etwas Gutes. Und für alle, die im Alltag mit ihnen ins Gespräch kommen.

Kein Wutkatalog, sondern eine Rechnung: 35 Gewissensfragen an die »Vernünftigen« in der AfD – über Schäden, die keine Wahl je wieder repariert.

Angenommen, es gibt Sie wirklich – die, die nicht aus Hass wählen, sondern aus Enttäuschung. Die noch an positive Veränderung glauben. Dann ist dieser Text keine Beschimpfung. Er ist eine Rechnung. Eine, die am Ende auch für Sie aufgemacht wird.

Denn das Entscheidende an dem, was gerade passiert, ist nicht, ob man das Rad eines Tages zurückdreht. Das Entscheidende ist: Vieles lässt sich nicht zurückdrehen. Zerstörtes Vertrauen, vergraulte Fachleute, eine umgebaute Justiz, ein vergiftetes Klima zwischen Nachbarn – das repariert kein Wahlsieg. Das kostet Milliarden, Jahre und die Kraft einer ganzen Generation, die dann aufräumt, statt Zukunft zu bauen. Und diese Generation sind Ihre Kinder und Enkel.

Die folgenden Fragen sind so gestellt, dass Sie von der Antwort selbst betroffen sind. Nehmen Sie sich Zeit. Es sind Gewissensfragen.

Der Ton macht die Musik – wie man diese Fragen stellt

Eine Vorbemerkung, bevor der Katalog beginnt. Denn der beste Fragenkatalog läuft ins Leere, wenn die innere Schublade zuknallt. Das Material auf dieser Seite ist Munition fürs eigene Nachdenken – nicht fürs Niederreden anderer.

Wie es wirklich funktioniert, hat ein Mastodon-Nutzer beschrieben, nachdem er auf einem Sommerfest neben einem Fremden saß, bei dem sofort die politische Schublade aufsprang:

Das Gespräch war schlussendlich ein voller Erfolg, weil:

  1. ich auf meine Schublade verzichtet und all meinen Langmut & Respekt zusammengenommen habe
  2. klar, aber freundlich meinen völlig anderen Standpunkt vertreten habe
  3. immer wieder auf Gemeinsamkeiten gelenkt habe
  4. er gaaaanz zum Schluss gesagt hat: Du bist die erste 🌻, die mich nicht verurteilt. Freudestrahlend.

Anschließend hat er seine Sorge vor dem Rechtsruck beschrieben & die Demokratie gelobt. Er wollte Wertschätzung als Mensch.

Punkt 4 ist der ganze Schlüssel: »Du bist die erste, die mich nicht verurteilt.« Genau das. Klar in der Sache, warm zum Menschen. Wer so ins Gespräch geht, öffnet eine Tür. Wer mit dem Zeigefinger kommt, verriegelt sie. Die Fragen unten liefern nur das Material – wie Sie es einsetzen, entscheidet, ob es ankommt.

Ihr Geld und Ihre Arbeit

Ihr Geldbeutel

Die AfD wirbt mit einem radikal vereinfachten Steuersystem: einem einheitlichen Ertragsteuersatz und der Abschaffung von Erbschaft- und Grundsteuer.1 Das klingt nach »gleiche Regeln für alle« – ist aber das Gegenteil. Heute steigt der Steuersatz mit dem Einkommen: Wer wenig verdient, zahlt anteilig wenig, wer viel verdient, zahlt anteilig mehr. Ein Pauschalsatz entlastet vor allem die, deren Satz heute schon darüber liegt. Analysen des DIW zeigen, dass ein Großteil der versprochenen Entlastung den einkommensstärksten Haushalten zugutekäme.1 Und die Abschaffung der Erbschaftsteuer nützt erst bei großen Vermögen. Die Lücke im Haushalt zahlen am Ende die Vielen, nicht die Wenigen.

Gehören Sie zu diesen Wenigen? Oder subventionieren Sie die Reichen – und tragen die Folgen selbst?

Ihr Arbeitsplatz

Kein Konzern investiert langfristig in ein Land, das nach rechtsaußen driftet und international zum Risiko wird. Investitionsentscheidungen laufen über Jahre, oft Jahrzehnte – und Kapital ist scheu. Es zieht ab, lange bevor Gesetze in Kraft treten, allein aus Sorge vor dem, was kommt. Was das für strukturschwache Regionen wie unsere bedeutet, ist keine Theorie: verlorene Aufträge, geschrumpfte Industrie, Betriebe, die abwandern. Das baut man nicht in einer Legislaturperiode wieder auf.

Wollen Sie Ihren Arbeitsplatz für einen Schaden riskieren, dessen Reparatur Jahrzehnte dauert?

Die Rente, die niemand mehr trägt

»Remigration« und sichere Rente zugleich – das geht mathematisch nicht auf.2 Unser Rentensystem lebt davon, dass viele einzahlen, damit viele etwas herausbekommen. Weniger Menschen, die arbeiten und einzahlen, heißt: ein System, das kippt. Und ein einmal ausgehöhltes Rentensystem repariert man nicht mit dem nächsten Wahlergebnis – die fehlenden Beitragsjahre sind dann einfach weg.

Wer zahlt ein, wenn die Arbeitskräfte fehlen – und wie lange dauert es, das je aufzufangen?

Das AfD-Paradox

Die AfD ist besonders stark bei Arbeitern, Geringverdienern und Menschen ohne Arbeit – also bei genau denen, die auf einen funktionierenden Sozialstaat angewiesen sind. Und genau dessen Absicherung will sie schwächen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat dafür einen Namen geprägt: das »AfD-Paradox«. Die Hauptleidtragenden ihrer Politik wären ihre eigenen Wähler.3

Können Sie mir erklären, warum Sie gegen Ihr eigenes Interesse stimmen?

Ihre Miete

Bezahlbares Wohnen ist die Alltagssorge Nummer eins für Millionen. Die AfD hat darauf keine Antwort – sie hat einen Schuldigen: »die Migranten« nähmen den Wohnraum weg. Nur baut diese Erzählung keine einzige Wohnung. Der Mangel entsteht dort, wo zu wenig gebaut wird und Bodenpreise und Zinsen alles verteuern. Ein Sündenbock heizt, kühlt und schützt niemanden vor der nächsten Mieterhöhung.

Wohnen Sie nach vier Jahren AfD besser – oder haben Sie nur einen neuen Feind und dieselbe Nebenkostenabrechnung?

Der Rechtsstaat und Ihre Rechte

Der Umbau der Justiz

Einmal mit Getreuen besetzte Gerichte lassen sich nicht per Wahl zurücksetzen. Richter werden auf Jahre ernannt, oft bis zur Pensionierung. Wer die Justiz umfärbt, prägt sie weit über die eigene Amtszeit hinaus. Eine unabhängige Justiz wiederherzustellen kostet danach eine halbe Richtergeneration – und in der Zwischenzeit urteilt sie nach anderen Maßstäben. Auch über Sie.

Wollen Sie mitverantworten, dass man den Rechtsstaat Stelle für Stelle neu aufbauen muss?

Die durchsetzte Verwaltung

Ein Staat funktioniert durch Menschen, die ihr Handwerk verstehen – in Ministerien, Ämtern, Behörden. Werden die Fachleute durch Linientreue ersetzt und die Erfahrenen vergrault, ist der Apparat auf Jahre beschädigt. Erfahrung, die man rausgeekelt hat, kommt nicht zurück, nur weil man später wieder ruft. Was übrig bleibt, arbeitet langsamer, schlechter, unzuverlässiger – bei genau den Diensten, auf die Sie im Alltag angewiesen sind.

Wer soll den Staat wieder zum Laufen bringen, nachdem man die Fähigen durch die Loyalen ersetzt hat?

Wenn die Kontrolleure zu Feinden erklärt werden

Verfassungsschutz, Gerichte, freie Presse – wer die Mächtigen kontrolliert, wird von der AfD zum »Feind« erklärt. Dabei hat das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD im Mai 2025 selbst als »gesichert rechtsextremistisch« eingestuft; die Einstufung wird derzeit gerichtlich überprüft, mehrere Landesverbände sind bereits so bewertet.4 Es sind genau diese Institutionen, die Ihre Rechte schützen: vor Willkür, vor Machtmissbrauch. Ein Rechtsstaat ist wie eine Versicherung. Man merkt erst, wie viel er wert war, wenn man ihn braucht und er nicht mehr da ist.

Wollen Sie in einem Land leben, in dem niemand mehr die Mächtigen kontrolliert – auch nicht zu Ihrem Schutz?

Ihre Meinungsfreiheit

Dieselbe Partei, die am lautesten »Zensur!« und »Lügenpresse« ruft, kritisiert im Programm Maßnahmen gegen Desinformation und will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk umbauen.5 Meinungsfreiheit heißt dort: ihre Meinung. Und Bewegungen, die so denken, fressen die Abweichler zuerst in den eigenen Reihen. Alles, was Sie heute frei posten – Kritik, Spott, Widerspruch – steht dann zur Disposition, sobald andere definieren, was »das Volk« zu denken hat. Zerstörtes Vertrauen in freie Medien baut man zudem nicht per Gesetz wieder auf. Das dauert eine Generation.

Wollen Sie den Käfig mitbauen, in dem Sie später selbst sitzen?

Die Polizei als Werkzeug

Eine Partei, die Andersdenkende zu »Volksfeinden« erklärt, und dann das Innenministerium und die Polizei kontrolliert – das ist eine gefährliche Kombination. Aus dem Beschützer, der für alle da ist, kann ein Instrument werden, das gegen Missliebige eingesetzt wird. Wer heute klatscht, weil es die »Richtigen« trifft, sollte wissen: Die Definition, wer richtig und wer missliebig ist, liegt dann nicht mehr bei Ihnen.

Sind Sie sicher, dass Sie immer auf der Seite bleiben, die man in Ruhe lässt?

Mehr Waffen, weniger Sicherheit

Die AfD will das Waffenrecht lockern: keine weiteren Verschärfungen, Rücknahme bestehender Beschränkungen für »legale« Waffenbesitzer.6 Das klingt nach Freiheit, heißt aber: mehr Schusswaffen im Umlauf. Und wo mehr Waffen griffbereit liegen, ist die Gefahr tödlicher Zwischenfälle höher – bei Streit, im Affekt, in der eigenen Wohnung. Der Blick in Länder mit laxem Waffenrecht ist eindeutig: Nicht weniger Menschen sterben dort, sondern mehr.

Fühlt sich Ihre Familie sicherer, wenn im Ort mehr Waffen griffbereit liegen?

Deutschland in der Welt

Verlorene Bündnisse

Vertrauen unter Partnern wächst über Jahrzehnte und ist in Monaten zerstörbar. NATO und EU sind kein Selbstlauf – sie beruhen darauf, dass man sich aufeinander verlassen kann. Ist dieses Vertrauen einmal verspielt, gewinnt man es, wenn überhaupt, nur über Jahre zurück, und zu schlechteren Bedingungen. Während Deutschland sich das Zutrauen seiner Partner zurückbetteln müsste, schauen Russland und China zu – und freuen sich.

Wollen Sie, dass Deutschland dahin kommt – und wem genau nützt das?

Der »Dexit«

Der Traum vom EU- und Euro-Austritt bedeutet in der Realität: Grenzkontrollen statt Freizügigkeit, Zölle statt Binnenmarkt, Währungsexperiment statt Euro.7 Für eine Exportnation, deren halber Wohlstand am gemeinsamen Markt hängt, ist das ökonomischer Selbstschaden. Und die EU war siebzig Jahre lang mehr als ein Markt – sie war die Garantie dafür, dass sich Europa nicht wieder selbst zerlegt.

Wollen Sie Ihren Job und Ihren Frieden für eine Fahnen-Fantasie riskieren?

Wer schützt Sie vor Putin?

Während Russland Europa offen bedroht, sucht die AfD die Nähe zum Kreml: Sie will Sanktionen aufheben und Nord Stream instand setzen, lehnt US-Mittelstreckenraketen in Deutschland ab; auf dem Parteitag scheiterte sogar der Versuch, Russland klar für den Angriff auf die Ukraine zu kritisieren.8 Eine Partei, die sich »deutsch« nennt und sich an die Seite des Aggressors stellt. Wenn es ernst wird, zählt jeder Freund – und man macht sich seine Verbündeten nicht in dem Moment, in dem man sie braucht.

Wenn es ernst wird – wer steht dann noch an Deutschlands Seite, nachdem man alle Freunde verprellt hat?

Wovon wir hier oben z. B. im Bayerwald leben

Abgewanderte Fachkräfte

Ärzte, Pflegekräfte, Ingenieure, Forscher – die gehen zuerst, wenn ein Land unattraktiv und feindselig wird. Sie haben Angebote in aller Welt und brauchen sich das nicht anzutun. Und sie kommen zuletzt zurück, viele nie. Jeden Einzelnen zurückzuholen kostet Jahre, Geld und Überzeugungsarbeit. Der Mangel trifft Sie an der empfindlichsten Stelle: wenn Sie krank sind, wenn Sie alt sind, wenn Sie Hilfe brauchen.

Wer versorgt Sie im Alter, während man die Vertriebenen zurückzuwerben versucht?

Die Höfe z. B. im Bayerwald

Ein großer Teil des bäuerlichen Einkommens hängt an der EU-Agrarförderung. Die AfD lehnt die gemeinsame europäische Agrarpolitik ab9 – und mit einem EU-Austritt fiele diese Förderung ganz weg. Ausgerechnet die Partei, die sich als Stimme des Landes inszeniert, sägt am Ast, auf dem unsere Höfe sitzen. Für viele kleine Betriebe hier oben ist das keine abstrakte Zahl, sondern die Grenze zwischen Weitermachen und Aufgeben.

Wer hält die Landwirtschaft hier am Leben, wenn die EU-Mittel gestrichen sind?

Der teuerste Irrweg bei der Energie

Wind und Sonne liefern längst den billigsten Strom. Die AfD will zurück zu Kohle und Atom und alle CO₂-Abgaben abschaffen.10 Das Ergebnis wäre nicht billiger Strom aus alten Zeiten, sondern verlorene Zukunftsindustrien und ein Standort, an dem niemand mehr investiert. Den Umbau zahlt am Ende, wer zu spät umsteigt.

Wollen Sie teuer für gestern zahlen, während andere die Zukunft bauen?

Der Tourismus, der uns trägt

Der Bayerische Wald lebt zu großen Teilen vom Tourismus – von Gästen, die kommen, weil die Landschaft schön und das Land weltoffen ist. Ein Deutschland, das international zum Sorgenfall wird und Gäste, Saisonkräfte und Investoren abschreckt, spürt das zuerst in den Regionen, die von Besuchern leben. Ein einmal beschädigter Ruf zieht Gäste nicht über Nacht zurück.

Wer füllt die Gästebetten, wenn das Land, in dem sie stehen, als abweisend gilt?

Wissen, Gesundheit, Klima

Ihre Kinder im Klassenzimmer

Bildung ist Ländersache – die AfD braucht keine Bundesmehrheit, ein Bundesland genügt. Führende Vertreter nennen Inklusion ein »Ideologieprojekt« und Kinder mit Förderbedarf »Belastungsfaktoren«.11 Wo eine solche Haltung Schule gestaltet, drohen Lehrpläne, aus denen die unbequeme Geschichte verschwindet, und eine Erziehung zum Wegschauen statt zum Denken.

Wollen Sie, dass Ihre Kinder lernen, was wahr ist – oder was erlaubt ist?

Aufstieg durch Bildung – für wen noch?

Bildung war das Versprechen, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben. Die AfD will zurück zu einem streng getrennten Schulsystem mit verbindlicher, früher Grundschulempfehlung und beklagt, zu viele gingen aufs Gymnasium; führende Vertreter träumen offen von »Eliteschulen« und einer »völkischen Elite«.12 Wer aber früh sortiert und die Durchlässigkeit kappt, entscheidet über die Zukunft eines Kindes nach Herkunft, nicht nach Talent. Und wen trifft das zuerst? Die Kinder aus Familien ohne Geld für Nachhilfe – oft die der eigenen Wähler.

Wollen Sie, dass über den Weg Ihres Kindes das Elternhaus entscheidet – und nicht sein Kopf?

Wissenschaft per Beschluss abschaffen

Die AfD hat im Bundestag Gesetzentwürfe eingebracht, die den menschengemachten Klimawandel schlicht für nicht nachgewiesen erklären. Ein Abgeordneter der Union nannte das im Plenum »Desinformation in Gesetzesform«.13 Aber Naturgesetze kümmert kein Parlamentsbeschluss. Man kann die Realität eine Weile leugnen; sie klopft trotzdem an die Tür – als Flut, als Dürre, als Ernteausfall.

Wollen Sie mitverantworten, dass ein Land die Wirklichkeit leugnet, bis sie an die Tür klopft?

Ihre Gesundheit als Spielball

Die AfD lehnt jede Impfpflicht ab – auch die Masernpflicht für Kita und Schule – und stellt die WHO-Mitgliedschaft grundsätzlich in Frage.14 Das Ergebnis wären zurückkehrende Krankheiten, die längst besiegt schienen, und ausgerechnet die Kleinsten wären die Ungeschützten. Impfschutz wirkt nur gemeinsam: Er schützt gerade jene, die sich selbst nicht schützen können.

Wollen Sie, dass am Krankenbett Ideologie entscheidet – und nicht die Medizin?

Die Hitze vor Ihrer Haustür

Sommer für Sommer neue Rekorde, vertrocknete Wälder auch bei uns. Und die AfD? Leugnet den menschengemachten Klimawandel und relativiert die Wirkung von CO₂ als bloßes »Spurengas«.13 Man kann die Physik wegwählen – wegwählen lässt sie sich nicht. Was wir heute zulassen oder verhindern, entscheidet über die Sommer, in denen unsere Enkel leben müssen.

Wollen Sie Ihren Enkeln erklären, dass Sie wussten, was kommt – und trotzdem mitgemacht haben?

Wer dazugehört – und wer nicht

Wer entscheidet, ob Sie »deutsch genug« sind?

Offiziell bestreitet die AfD, deutsche Staatsbürger abschieben zu wollen. In der Praxis reden führende Köpfe anders: Sie sprechen von »Passdeutschen«, definieren das Volk als »Abstammungsgemeinschaft« und wollen Einbürgerungen der vergangenen Jahre pauschal »überprüfen«. Das dahinterliegende »Remigrations«-Konzept, das auch nicht »assimilierte« Staatsbürger einschließt, haben Gerichte bis hin zum Bundesverwaltungsgericht als menschenwürdewidrig eingestuft: Es läuft auf Ausbürgerung und Vertreibung hinaus.15 Der springende Punkt: Wenn nicht mehr der Pass zählt, sondern die »richtige« Abstammung, dann entscheidet irgendwann jemand anderes, ob Ihre Familie dazugehört – Ihre Schwiegertochter, Ihr Enkel, vielleicht Sie selbst.

Sind Sie sicher, dass Ihr Stammbaum jeder Prüfung standhält, die eine Partei ansetzt, für die ein deutscher Pass nicht genügt?

AfD und Frauen

Zurück zum alten Rollenbild: Die AfD schrieb das Familienbild »Vater, Mutter, Kind« ausdrücklich ins Programm und wendet sich gegen einen angeblichen »Trans-Gender-Hype«.16 Zugleich propagiert sie ein Modell, in dem eine Familie »idealerweise von einem Gehalt« lebt, und schafft mit Betreuungs- und Erziehungsgeld Anreize, dass vor allem Frauen länger aus dem Beruf aussteigen.17 Der Preis dafür kommt später: weniger eigene Beitragsjahre, weniger eigene Rente, mehr Abhängigkeit – und ein höheres Risiko der Altersarmut. Rechte und Selbstständigkeit, die heute selbstverständlich wirken, sind erkämpft worden. Was erkämpft wurde, kann auch wieder genommen werden.

Wollen Sie, dass Ihre Tochter weniger Selbstbestimmung und eine unsicherere eigene Rente hat, als Sie es heute für selbstverständlich halten?

Wer »stört«, wird aussortiert

Ein AfD-Fraktionschef verglich im Landtag Kinder mit Behinderung mit Menschen mit »schweren, ansteckenden Krankheiten«, die von den »gesunden« getrennt gehörten.18 Die Logik dahinter – wer »nützt« und wer »kostet« – hatten wir in Deutschland schon einmal, mit bekanntem Ende. Sie trifft nicht abstrakte »Andere«. Sie trifft irgendwann jede Familie, in der jemand krank, alt oder schwach wird.

Was, wenn Ihr Kind, Ihr Enkel, Ihre Eltern zu den »Störenden« zählen?

Queere Menschen sind Ihre Familie

Der Kampf gegen »Gender-Ideologie« klingt nach abstrakter Debatte. Er trifft aber echte Menschen – und die sitzen längst mit am Familientisch.16 In jeder größeren Familie gibt es sie: den schwulen Neffen, die Tochter, die sich später outet, das Enkelkind, das anders ist. Eine Politik, die queere Menschen zurück an den Rand drängt, richtet sich nicht gegen Fremde. Sie richtet sich gegen Ihre eigenen Leute.

Und wenn es Ihr Kind ist – wollen Sie dann, dass es in einem Land aufwächst, das ihm sagt, es gehöre nicht dazu?

Die Kirchen, Caritas und Diakonie

Viele wählen AfD und verstehen sich zugleich als gute Christen. Doch beide großen Kirchen haben sich unmissverständlich distanziert: Völkischer Nationalismus sei mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar, die Partei für Christen nicht wählbar.19 Und praktisch: Caritas und Diakonie sind das Rückgrat der sozialen Versorgung – in der Pflege, in Kindergärten, in der Betreuung. Eine Politik der Ausgrenzung sägt an genau der Nächstenliebe, die diese Einrichtungen tragen.

Passt eine Partei, von der sich Ihre Kirche abwendet, wirklich zu dem, was Sie sonntags glauben?

Kunst, die genehm sein muss

Wer Kulturförderung nur noch danach beurteilt, ob sie ins Weltbild passt, öffnet eine gefährliche Tür. Es gab schon einmal eine Zeit, in der der Staat entschied, welche Kunst »entartet« sei. Die Freiheit der Kunst steht nicht zufällig im Grundgesetz. Sie ist ein Frühwarnsystem: Wo sie fällt, fällt bald mehr.

Wollen Sie in einem Land leben, in dem der Staat wieder entscheidet, was ein Bild sein darf?

Die Fragen ans Gewissen

Die verschobene Grenze des Sagbaren

Jede Stimme normalisiert ein Stück weit das, was gestern noch undenkbar war – bis hin zu Wortführern, die der Verfassungsschutz in mehreren Ländern als gesichert rechtsextremistisch einstuft.4 Diese Grenze rückt nicht von selbst zurück. Man muss sie mühsam neu verteidigen, gegen alle, die sich inzwischen daran gewöhnt haben. Und Gewöhnung ist gefährlich, weil man sie an sich selbst kaum bemerkt.

Wollen Sie der sein, durch den das Unsägliche wieder salonfähig wurde?

Das vergiftete Klima zwischen Nachbarn

»Wer nicht für uns ist, ist gegen das Volk« – dieser Satz macht aus Nachbarn Verdächtige, aus Freunden Gegner, aus dem Dorf ein Lager. Diesen Schaden kann kein Gesetz und kein Geld reparieren. Zerstörtes Vertrauen zwischen Menschen bleibt zerstört, auch lange nachdem die Partei, die es gesät hat, wieder verschwunden ist. Sie leben danach weiter in diesem Dorf, an dieser Straße, in dieser Familie.

Wollen Sie das Misstrauen säen, das auch dann noch bleibt, wenn die AfD längst weg ist?

Die »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad«

Das sind nicht meine Worte, das sind Björn Höckes eigene. Vom »Denkmal der Schande« im Herzen Berlins zu sprechen – gemeint ist das Holocaust-Mahnmal – heißt, Deutschlands Aufarbeitung seiner dunkelsten Zeit für beendet erklären zu wollen.20 Wer aber die Lehren aus der Geschichte tilgt, macht den Weg frei, sie zu wiederholen. Das »Nie wieder« ist kein Denkmal aus Stein. Es ist eine Entscheidung, die jede Generation neu treffen muss.

Wollen Sie der sein, unter dessen Stimme das »Nie wieder« zur Disposition stand?

Ihre Rolle als Feigenblatt

Das ist vielleicht die unbequemste Frage. Die »Vernünftigen« werden nicht trotz der Extremisten gebraucht, sondern für sie. Ihre Anständigkeit ist es, die die Menschenverachtung der anderen wählbar macht. Ohne die respektablen Gesichter in der ersten Reihe bliebe die AfD das, was ihr Kern ist. Mit ihnen wird sie mehrheitsfähig.

Wollen Sie damit leben, dass ohne Ihre Stimme die Leute mit dem braunen Wortschatz nie in die Nähe der Macht gekommen wären?

Die Frage Ihrer Kinder

Irgendwann fragen Ihre Kinder oder Enkel: »Und du – was hast du gemacht, als es kippte?« Diese Frage kommt. Und Ihre Antwort ist keine Frage der Erinnerung, sondern des Protokolls: Wahlen, Posts, Mitgliedschaften – nachweisbar, datiert, nicht abstreitbar. Sie werden nicht erzählen können, wie es war. Sie werden erklären müssen, was Sie getan haben.

Welche Antwort wollen Sie geben, ohne den Blick zu senken?

Der Punkt ohne Rückwärtsgang

Manches lässt sich nie zurückwählen. Und selbst das Reparierbare kostet Milliarden, Jahre und die Kraft einer ganzen Generation, die dann aufräumt, statt Zukunft zu bauen. Wut ist keine Schuld – Enttäuschung erst recht nicht. Aber was man aus Wut ermöglicht, das schon. Und diese Rechnung zahlen am Ende alle, auch Sie. Diese Schuld verjährt nicht.

Wenn Sie all das gelesen haben – sind Sie sicher, dass es das wert ist?

Nachwort

Diese Liste erreicht die Überzeugten nicht. Das ist auch nicht ihr Ziel. Sie ist gedacht für die stillen Mitleser – die Unentschiedenen, die noch zweifeln, die noch eine Tür offen haben. Und sie ist ein Werkzeug für alle, die im Alltag mit AfD-Anhängern zusammensitzen: am Stammtisch, auf dem Sommerfest, am Familientisch.

Vergessen Sie dabei den 🌻-Moment nicht. Der Mann auf dem Sommerfest hat sich nicht geöffnet, weil ihm jemand seine Widersprüche vorgerechnet hat. Er hat sich geöffnet, weil ihn jemand nicht verurteilt hat. Klar in der Sache, warm zum Menschen. So geht die Tür auf – und nur so.

Anmerkungen und Quellen


  1. Zur Steuerplanung der AfD (einheitlicher Ertragsteuersatz, Abschaffung von Erbschaft- und Grundsteuer) und zur Verteilungswirkung: DIW Berlin, DIW aktuell Nr. 106 (10.2.2025), diw.de (PDF). Zum Antrag auf Abschaffung der Erbschaft- und Schenkungsteuer: Deutscher Bundestag, Textarchiv (30.1.2026), bundestag.de

  2. Der Begriff »Remigration« wurde per Änderungsantrag ins Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 aufgenommen. ZDFheute, Bericht vom AfD-Parteitag in Riesa (12.1.2025), zdfheute.de

  3. DIW Berlin: Das AfD-Paradox: Die Hauptleidtragenden der AfD-Politik wären ihre eigenen Wähler (2023), diw.de

  4. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte die Bundes-AfD am 2.5.2025 als »gesichert rechtsextremistisch« ein; die Einstufung wird gerichtlich überprüft, mehrere Landesverbände (u.a. Sachsen, Thüringen) sind ebenfalls so eingestuft. Übersicht: Correctiv (17.6.2026), correctiv.org; Einordnung: Amadeu Antonio Stiftung (6.5.2025), amadeu-antonio-stiftung.de

  5. Zur Kritik der AfD an Maßnahmen gegen Desinformation und zum Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Wahlprogramm 2025: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Analyse des AfD-Wahlprogramms, bundestagswahl-bw.de

  6. Zur Ablehnung weiterer Verschärfungen und zur geforderten Rücknahme bestehender Beschränkungen im Waffenrecht: AfD-Fraktion, Antrag »Keine weiteren Verschärfungen des Waffenrechts« (Drs. 20/13908), Deutscher Bundestag (hib), bundestag.de; zum liberalen Waffenrecht im Wahlprogramm 2025: LpB BW, bundestagswahl-bw.de

  7. Zum geforderten Austritt aus Euro und EU: ZDFheute (12.1.2025), zdfheute.de

  8. Zur Russland-Nähe (Aufhebung der Sanktionen, Nord Stream, Ablehnung von US-Mittelstreckenraketen, gescheiterter Antrag zur Kritik am russischen Angriff): ZDFheute (12.1.2025), zdfheute.de; ergänzend LpB BW, bundestagswahl-bw.de

  9. Zur Ablehnung der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik: LpB BW, Analyse des AfD-Wahlprogramms, bundestagswahl-bw.de

  10. Zur Rückkehr zu Kohle und Atom und zur Abschaffung der CO₂-Abgaben: Das Parlament, AfD will zurück zur Atomkraft (27.6.2025), das-parlament.de; LpB BW, bundestagswahl-bw.de

  11. Zu Höckes Bildungspolitik (Inklusion als »Ideologieprojekt«, Kinder mit Förderbedarf als »Belastungsfaktoren«): taz, Behindertenfeindlichkeit der AfD (14.5.2026), taz.de

  12. Zum streng gegliederten Schulsystem, zur verbindlichen Grundschulempfehlung und zur Beschränkung des Gymnasialzugangs: LpB BW, Analyse des AfD-Wahlprogramms, bundestagswahl-bw.de. Zu »Eliteschulen« (Tommy Tabor, Berliner Abgeordnetenhaus): GEW Berlin, gew-berlin.de

  13. Zur Leugnung des menschengemachten Klimawandels und dem Zitat »Desinformation in Gesetzesform« (Abg. Nicklas Kappe): Deutscher Bundestag, Debatte über die AfD-Entwürfe zum »Klimaschutzfolgenbereinigungsgesetz«, Textarchiv (26.6.2025), bundestag.de

  14. Zur Ablehnung jeglicher Impfpflicht und zur geplanten Aufhebung der Masernimpfpflicht: AfD-Bundestagsfraktion, Pressemitteilung (7.7.2026), afdbundestag.de. Zur WHO (»Reform oder Austritt«) siehe AfD-Bundestagswahlprogramm 2025. 

  15. Die AfD bestreitet offiziell die Abschiebung deutscher Staatsbürger (Positionspapier vom Januar 2024). Führende Vertreter verwenden jedoch den Begriff »Passdeutsche« und ein ethnisch-abstammungsmäßiges Volksverständnis; das Bundesamt für Verfassungsschutz und mehrere Gerichte werten dies als mit der Menschenwürde unvereinbar. Das Bundesverwaltungsgericht stufte im Juni 2025 (Compact-Verfahren) das auch Staatsbürger einbeziehende »Remigrations«-Konzept als menschenwürdewidrig ein; es laufe auf »Ausbürgerung« hinaus. Übersicht: Correctiv (10.1.2026), correctiv.org; zum OVG Münster (»Passdeutsche«, »Abstammungsgemeinschaft«): Anwaltsblatt, anwaltverein.de

  16. Zum Familienbild »Vater, Mutter, Kind« und zur Ablehnung eines »Trans-Gender-Hype«: ZDFheute (12.1.2025), zdfheute.de

  17. Zum Ein-Einkommens-Familienmodell und zu Betreuungs-/Erziehungsgeld als Anreiz für einen längeren Berufsausstieg (v.a. von Frauen): LpB BW, Analyse des AfD-Wahlprogramms 2025, bundestagswahl-bw.de

  18. Der saarländische AfD-Fraktionsvorsitzende Josef Dörr verglich 2018 im Landtag Kinder mit Behinderung mit Menschen mit »schweren, ansteckenden Krankheiten«: News4teachers (24.4.2018), news4teachers.de; apabiz, apabiz.de

  19. Deutsche Bischofskonferenz, Erklärung Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar (22.2.2024), begrüßt von der EKD; die AfD sei für Christen nicht wählbar: ekd.de; katholisch.de

  20. Björn Höcke, Rede in Dresden am 17.1.2017 (»Denkmal der Schande«, »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad«), Wortlaut-Dokumentation: Der Tagesspiegel, tagesspiegel.de

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