Politik
Passau, oder: Wie sich eine Partei selbst entlastet
Abschlussbericht eines kleinen Experiments — „Die AfD inhaltlich stellen”
Über Wochen habe ich an dieser Stelle ein Experiment gefahren: die bayerische AfD nicht beschimpft, nicht ignoriert, sondern inhaltlich gestellt. Posten gegengelesen, Zahlen nachgerechnet, Behauptungen mit Quellen abgeglichen — und das Ergebnis öffentlich dokumentiert, unter meinem Klarnamen, mit einer einfachen Dreistufen-Disziplin: 🟢 belegt, 🟡 Indiz, 🔵 Deutung. Geschrieben nicht für die Überzeugten auf beiden Seiten, sondern für die stillen Mitleser — jene, die mitlesen, sich aber nicht melden.
Der Landesparteitag in Passau am 20./21. Juni 2026 war der Schlusspunkt, den ich mir gesetzt hatte. Er hat geliefert. Dieser Bericht zieht Bilanz — über den Machtkampf selbst und über das Experiment.
Die Ausgangslage: ein Landesverband im Dauerstreit
Wer den Passauer Parteitag verstehen will, muss ein Jahr zurückgehen. Die bayerische AfD gilt als der mitgliederstärkste Landesverband1 — und zugleich als chronisch zerstritten. Lange ließ sich der Streit noch als Lagerfrage erzählen: eine etwas gemäßigtere Linie gegen die Anhängerschaft des rechtsextremen Thüringers Björn Höcke, dessen inzwischen aufgelöstem „Flügel” die bayerische Führungsriege lange mehrheitlich zugerechnet wurde.2 Doch genau diese saubere Linie gibt es nicht mehr. Die Risse laufen quer durch das Rechtsaußen-Lager selbst; dahinter stehen längst auch persönliche Animositäten.2
Der Vorbote war der Parteitag im Herbst 2025 in Greding. Dort fand ein Antrag, acht Vorstandsmitglieder umgehend abzuwählen — Protschka ausdrücklich nicht —, eine Mehrheit von 57,5 Prozent, scheiterte aber an der nötigen Zwei-Drittel-Hürde.2 Der Vorstand blieb im Amt, aber gespalten, und der amtierende Vorsitzende darin sichtbar ohne tragende Mehrheit. Die Beinahe-Abgewählten — darunter die Vizes Böhm und Teich sowie Dierkes und Schmid (zwei von ihnen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes) — sammelten sich fortan hinter dem Mann, der Protschka offen herausfordern sollte.
Über allem schwebt eine juristische Tatsache, die kein parteiinterner Sieg wegwischt: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat die Beobachtung der bayerischen AfD durch den Verfassungsschutz bestätigt.3 Wer immer diesen Landesverband führt, führt einen vom Verfassungsschutz beobachteten Verband.
Die Kampfkandidatur: Mixl gegen Protschka
Ende Mai trat Reinhard Mixl, AfD-Bundestagsabgeordneter, mit der Ankündigung an, Stephan Protschka den Landesvorsitz streitig zu machen.1 Die Pointe lag von Anfang an in der Verpackung: Mixl begründete seinen Angriff auf den Amtsinhaber ausgerechnet mit dem Wunsch nach Geschlossenheit. Sein „zentrales Anliegen” sei es, „die Partei zu einen”. Eine Kampfkandidatur gegen den Vorsitzenden, begründet mit Einigkeit — das war schon für sich genommen die erste Selbstwiderlegung, und sie wurde zum roten Faden meiner Kommentierung.
Denn beide Lager riefen „Geschlossenheit” — und schickten dabei jeweils ein eigenes Team ins Feld. Auf der Bühne der Einheit drängten sich zwei Mannschaften. Wer mit Worten Einigkeit verkündet und mit Taten das Gegenteil tut, liefert die Spitze selbst; ich musste sie nur sichtbar machen. Das war die saubere Linie: nicht erfinden, sondern die Lücke zwischen Wort und Handlung zeigen.
Protschka seinerseits gab sich als Mann der Kontinuität: Er wolle „den erfolgreichen Kurs der vergangenen Jahre fortsetzen”, den „Weg des Wachstums und der Professionalisierung” gehen.2 Hinter den Kulissen tobte derweil ein erbitterter Machtkampf — in internen Chats, mit gegenseitigen Vorwürfen, mit Brandbriefen.2
Die Nebenfiguren des Aufstands
Ein Machtkampf lebt von seinem Personal. Mixl trat mit einem festen Team an: dem Landtagsabgeordneten Dieter Arnold und dem Bundestagsabgeordneten Tobias Teich — Letzterer einer der Vizes, denen schon in Greding der Stuhl wackelte.1 Um sie herum gruppierten sich weitere Figuren des Anti-Protschka-Lagers, René Dierkes unter ihnen.
Eine eigene Rolle spielte Elena Fritz, Juristin aus dem Landkreis Kelheim, als Justitiarin Mitglied des amtierenden Landesvorstands und mit russlanddeutschem Hintergrund — eine Konstellation, die die AfD gezielt für die russischsprachige Wähleransprache nutzt, flankiert von Forderungen nach einem Ende der Russland-Sanktionen. Fritz hatte dem Vorsitzenden öffentlich ausgerichtet, seine Zeit sei vorbei, und sich damit klar im Herausforderer-Lager verortet. Wer dem Chef die Abschiedsformel schreibt und dann verliert, steht hinterher exponiert da — das machte ihre Personalie zum wiederkehrenden Motiv.
Spät kam Ralf Stadler dazu, der sich in einer Serie zunehmend zugespitzter Videos vor dem Parteitag positionierte. Anders als zunächst kolportiert war er kein dritter, unabhängiger Bewerber, sondern unterstützte erkennbar Team Mixl — womit es bei einem Zweikampf blieb. Stadlers Videos enthielten überdies schwere, unbelegte Anschuldigungen gegen namentlich genannte Privatpersonen; die habe ich bewusst aus jeder Dokumentation herausgehalten. Wer fremde Behauptungen weiterträgt, haftet mit — und meine ganze Methode steht und fällt mit dieser Disziplin.
Dass dieses Engagement seinen Preis hatte, ist belegt — und zwar nicht allein durch Stadlers eigene Videobotschaft einen Tag vor dem Parteitag, in der er erklärte, der Vorstand habe ihn kaltgestellt, ihm das Stimmrecht entzogen und weitere Disziplinarmaßnahmen angedroht. Der Vorgang kam im Saal selbst zur Sprache: Ein Teilnehmer beantragte, die Maßnahmen gegen den „verdienten MdL” zurückzunehmen. Die Versammlungsleitung wies das zurück — mit der Begründung, eine solche Rücknahme sei nach der Satzung unzulässig; Stadler bleibe nur der Weg, sich im Nachgang zu beschweren. Für den Parteitag selbst war er damit kaltgestellt — ohne Stimmrecht. (🟢 für den Kern — dass die Maßnahmen bestehen und im Saal verhandelt und aufrechterhalten wurden; ob die Sitzungsleitung die Satzung dabei korrekt auslegte, ist Stadlers Beschwerde vorbehalten und insofern strittig — 🔵.)
Selbst nüchtern betrachtet fügt sich der Vorgang ins Bild: Wer im Herausforderer-Lager sichtbar wurde, geriet schon vor der ersten Abstimmung unter Druck — ein weiterer Beleg dafür, dass der Apparat das Mixl-Umfeld abräumte, ehe der Saal über den Vorsitz entschied.
Dazu kam die Riege jener Funktionäre und Kreisverbände, deren Posten ich im Laufe der Wochen gegengelesen habe — von Ebner-Steiner über Schiller bis in einzelne Kreisverbände hinein. Nicht jeder Fall war ein Skandal; die meisten waren schlicht Beispiele für Muster, die sich wiederholen.
Die Posse von Cham: Christl Fischer
Zwischen die große Machtfrage schob sich eine kleine Tragikomödie, die ich hier nur streife, weil ich sie an anderer Stelle ausführlich dokumentiert habe: der Fall Christl Fischer, AfD-Kreisrätin im Landkreis Cham, die eine Holocaust-Gleichsetzung postete, jeden Beleg wegklickte und am Ende ihr Mandat aufgab — einen Tag, nachdem der FW-Landtagsabgeordnete Julian Preidl die NS-Gleichsetzung öffentlich beim Namen genannt hatte.4 Den Bezug verband eine Pointe mit dem großen Machtkampf: demonstrative Mixl-Treue beim Abgang.
Die ganze Tragikomödie in vier Akten — vom Flossenbürg-Post über die widerlegten Zahlen bis zum Rücktritt — steht im eigenen Beitrag „Stets auf der Suche nach Wahrheit – und was passiert, wenn man sie ihr bringt”. Für diese Bilanz zählt nur die Lehre über die Form: nichts zu Krankheit, Gewicht oder Privatem aufgreifen — das schenkt nur die Opferrolle. Die Sache trägt sich selbst.
Der Brandbrief und die „externen Netzwerke”
Je näher Passau rückte, desto offener wurde der Konflikt. Er gipfelte in einem Brief des Teams Protschka an den Bundesvorstand, in dem „der gezielte Versuch externer Netzwerke, die freie Willensbildung unseres stärksten Landesverbandes zu kapern” beklagt wurde.1 Protschka sah sich nach eigener Darstellung „Druck und Drohungen” ausgesetzt.2
Gemeint war vor allem der Strippenzieher Tom Rohrböck, formal kein Parteimitglied, dem ein langjähriger informeller Einfluss nachgesagt wird. Der Bundesvorstand untersagte die Zusammenarbeit mit ihm. Das war die härteste Vorentscheidung vor dem eigentlichen Parteitag — und ein klares Signal, dass die Bundesebene das Herausforderer-Umfeld nicht decken würde.
Doch die Rohrböck-Erzählung hatte eine Gegenstimme, und sie kam ausgerechnet aus dem unterlegenen Lager. Am Vorabend des Parteitags veröffentlichte Elena Fritz auf ihrem Facebook-Profil einen zweiteiligen „Cui bono?”-Beitrag (🟢, Primärquelle), der die Debatte umdrehte: Nicht die Beschuldigten, sondern die Ankläger trügen die nachweisbaren Rohrböck-Kontakte — und Markus Buchheit sei „der eigentliche Mann von Tom Rohrböck für Bayern”. Ihre Pointe formulierte sie als Prophezeiung: Es wäre an Ironie „kaum zu überbieten”, wenn ausgerechnet die Rohrböck-Warner den größten Landesverband am Ende „in die Hände derjenigen” führten, vor denen sie zu schützen vorgaben.
Einen Tag später wurde Buchheit, soweit ich es im Livestream verfolgen konnte, als 2. Vorsitzender in den siegreichen Protschka-Vorstand gewählt (🟡 — Livestream, presseseitig noch zu bestätigen). Hier ist das Saubere streng vom Strittigen zu trennen: Dass Fritz die Personalie am Vortag öffentlich benannte und sie am Folgetag eintrat, ist als Chronologie belegbar (🟢) — eine dokumentierte Vorhersage, die der Wahlausgang unmittelbar bestätigt. Ob Buchheit aber tatsächlich „Rohrböcks Mann” ist, bleibt ihre Behauptung und unbewiesen (🔵); ich gebe sie als ihre Lesart wieder, nicht als Befund. Genau diese Konstellation ist methodisch lehrreich: Eine „cui bono”-Umkehrung kommentiert sich durch den Wahlausgang ein Stück weit selbst — und zeigt zugleich, dass „die Rohrböck-Linie ist gekappt” eine Lesart unter mehreren ist, nicht die einzig mögliche.
Passau, Tag 1: die Vorentscheidung fiel vor der Wahl
Wer am Samstag in der Dreiländerhalle — sonst Heimat der CSU am Politischen Aschermittwoch1 — auf das Drama der Kampfabstimmung wartete, erlebte etwas Aufschlussreicheres: Die Entscheidung fiel, bevor überhaupt jemand zur Vorsitzendenwahl antrat.
Schon der Beginn war beispiellos. Nicht der Landesvorsitzende, sondern andere Vorstandsmitglieder wollten den Tätigkeitsbericht vorstellen. Der Parteitag aber stimmte mit großer Mehrheit dafür, dass allein Protschka das Wort dazu erhält.5 Spätestens da zeichnete sich ab, dass Protschka mit einer Mehrheit rechnen konnte.1
Dann kam, was für mich das eigentliche Schlüsselsignal war: Mehreren Mitgliedern des bisherigen Vorstands — nach dem, was ich im YouTube-Livestream der AfD mitverfolgte, Dierkes, Böhm und nach meinem Eindruck auch Teich — wurde die Entlastung verweigert (🟡 — aus dem Livestream mitverfolgt, presseseitig zum Redaktionsschluss noch nicht im Detail abgebildet). Die verweigerte Entlastung ist faktisch eine Vertrauensabstimmung: Der Saal sagte damit unmissverständlich, wem er nicht vertraut — und das war erkennbar das Mixl-nahe Personal. Die Entlastungsdebatte war die wahre Kampfabstimmung; die spätere Vorsitzendenwahl nur noch deren Beglaubigung. Genau aus diesem Signal hatte ich noch während der Übertragung geschlossen, dass Mixl scheitern würde — da wusste ich noch nicht einmal, dass er bereits zurückgezogen hatte.
Der Rückzug: ein Feldherr ohne Schlacht
Mixl, der seine Bewerbung Ende Mai groß angekündigt hatte, trat zur Wahl nicht an.1 Wann genau er sich umentschied, blieb offen.1 Sicher ist die Reihenfolge der Tagesordnung: Die Entlastung stand vor der Vorstandswahl. Mixl konnte das Ergebnis also lesen — und zog daraus den Schluss, dass eine Kandidatur nur in eine sichtbare Niederlage führen würde.
Das ist die unbequeme, aber plausibelste Deutung (🔵): Er ist nicht aus Größe zurückgetreten, sondern weil der Saal seine Leute schon vorher abgeräumt hatte. Die offizielle Erzählung der „Geschlossenheit” verdeckt nur, dass die Geschlossenheit hier durch eine klare Mehrheit gegen sein Lager hergestellt wurde. Pikant der Schlussakkord: Mixl war anwesend, verzichtete aber auf die Vorsitzendenkandidatur — und gehörte dann zu den Ersten, die Protschka gratulierten.1 Ein Feldherr, der seine Truppe ins Feld führt, im entscheidenden Moment selbst nicht zum Angriff bläst und dem Sieger als Erster die Hand schüttelt.
Den vollständigen Abstieg besiegelte die Vorstandswahl: Mixl, angetreten mit dem Anspruch auf den Vorsitz, fand am Ende noch als 5. Beisitzer im Vorstand Platz (🟡 — aus dem Livestream mitverfolgt, presseseitig noch zu bestätigen). Vom Thronprätendenten zum Stuhl in der letzten Reihe: Auch das gehört zur Bilanz dieser Kandidatur.
Das Ergebnis: 79 Prozent und vereinzelte Buh-Rufe
Am Ende stimmten nach Angaben des Wahlleiters gut 79 Prozent der anwesenden Mitglieder für Protschka1 — ein Wert, der ohne Gegenkandidat zwar leicht zu relativieren ist, aber doch eine klare Machtansage darstellt.
Bezeichnend war, was neben dem Spitzenergebnis geschah. Vor seiner Wahl spielte Protschka die Querelen herunter: „Die Partei ist nicht zerstritten, meine Damen und Herren”, es gebe nur „Meinungsverschiedenheiten”.5 Doch bei der Wahl der Vizes — darunter Landtagsfraktionschefin Katrin Ebner-Steiner — schallten vereinzelte Buh-Rufe durch den Saal.5 Die Geschlossenheit, die von der Bühne behauptet wurde, widerlegte sich im selben Moment aus dem Publikum. Draußen versammelten sich derweil rund 1.000 Gegendemonstranten in der Innenstadt; angemeldet waren acht Demonstrationen mit insgesamt rund 5.000 Erwarteten, über der Halle eine Flugverbotszone.12
Was aus dem Team Mixl wird — die offene Frage
Die eigentlich interessante Frage stellt sich erst nach dem Triumph: Was geschieht mit den Verlierern?
Mindestens drei Mitglieder des bisherigen Vorstands — Böhm, Teich, Dierkes — wurden nicht entlastet (🟡). Sie stehen jetzt ohne Anführer da, mit verbrannten Brücken zu dem Mann, der gerade die volle Macht hat. Elena Fritz, die dem Vorsitzenden noch ausgerichtet hatte, seine Zeit sei vorbei, muss nun unter genau diesem Vorsitzenden weitermachen — oder gehen. Und Mixl selbst hat ein ganzes Team in die Schlacht geschickt und es am Tag der Wahl im Stich gelassen.
Die Antwort auf diese Personalfragen sagt mehr über den inneren Zustand der bayerischen AfD aus als jedes Wahlergebnis. Eine Partei, die „Geschlossenheit” zum Markenkern erklärt, produziert in Wahrheit Verlierer, die sie selbst geschaffen hat. Ob Protschka sie integriert, kaltstellt oder hinausdrängt, wird zeigen, wie ernst es ihm mit der beschworenen Einheit ist.
Was Protschkas Sieg bedeutet
Drei Lesarten, sauber getrennt:
Erstens, der nüchterne Befund (🟢): Protschka hat die Personalfrage für sich entschieden und kontrolliert den Landesvorstand. Offiziell ist die Zusammenarbeit mit Rohrböck untersagt, das Herausforderer-Lager ohne Posten und ohne Entlastung. Das ist eine echte Machtkonsolidierung — wobei offen bleibt, ob die „externen Netzwerke” damit wirklich verschwunden oder, wie Fritz behauptet, nur an anderer Stelle wieder aufgetaucht sind (🔵).
Zweitens, die Einschränkung (🟡): 79 Prozent ohne Gegenkandidat sind kein Liebesbeweis, sondern das Ergebnis einer Vorentscheidung, die viele im Saal längst getroffen hatten. Die Buh-Rufe bei den Vizes zeigen: Das unterlegene Lager ist nicht verschwunden, nur vorerst überstimmt. Der Konflikt ist entschieden, nicht befriedet.
Drittens, die Deutung (🔵): Dieser Sieg ist kein inhaltlicher. In Passau wurde nicht über Programm, Kurs oder Mäßigung abgestimmt, sondern über Personen und Loyalitäten. Wer gehofft hatte, der Machtkampf trage eine Richtungsentscheidung in sich — gemäßigter gegen radikaler —, wurde enttäuscht: Die alte Flügel-Linie ist längst zu persönlichen Lagern zerfallen.2 Protschka gewinnt als Person, nicht als Programm.
Wohin geht die AfD Bayern?
Für die kommenden Wahlkämpfe heißt das: Die bayerische AfD geht geordneter, aber nicht geeinter aus Passau hervor. Nach außen wird Protschka Stabilität demonstrieren und auf bundesweit gute Umfragewerte verweisen, die mit dem hausgemachten Streit wenig zu tun haben.2 Nach innen bleibt ein Verband, in dem ein knappes Drittel offen unzufrieden ist und in dem die Verlierer von gestern die Unruhestifter von morgen sein können — die Greding-Sequenz hat gezeigt, wie schnell aus innerparteilichem Frust ein nächster Aufstand wird.
Unverändert bleibt der Rahmen, der über jeder Personalie steht: die bestätigte Verfassungsschutz-Beobachtung.3 Kein Parteitagsergebnis ändert daran etwas. Wer diese Partei „inhaltlich stellen” will, hat also auch künftig keinen Mangel an Substanz.
Meine Erwartung, vorsichtig formuliert (🔵): mehr Disziplin nach außen, fortgesetzte Reibung nach innen, und eine Führung, die ihre Einheit dadurch behauptet, dass sie Abweichung als „externe Einflussnahme” umdeutet. Das Vokabular dafür steht schon im Brandbrief.
Der Praxistest: vier Mal inhaltlich gestellt
Damit das nicht abstrakt bleibt, hier die griffigsten Fälle, an denen ich den Versuch konkret unternommen habe — immer nach demselben Dreischritt: Behauptung, Beleg, Befund. (Alle Zahlen 🟢.)
1. Die geschönte Statistik (Protschka). Eine Wahlkampfgrafik verkaufte einen angeblichen Aufstieg „von 4 %” als Führungsleistung. Tatsächlich holte die AfD Bayern schon 2018 — vor Protschkas Amtszeit — 10,2 %, 2023 dann 14,6 % und damit 32 Sitze, exakt gleichauf mit den Grünen (14,4 %, ebenfalls 32 Sitze). Einen „Oppositionsführer” kennt der Bayerische Landtag bei Sitzgleichstand gar nicht. Muster: Statistik-Manipulation. Befund: Wer mit Zahlen wirbt, sollte die echten nehmen.
2. Einheit per Kampfkandidatur (Mixl). „Mein zentrales Anliegen ist es, die Partei zu einen” — so begründete Mixl seinen Angriff auf den amtierenden Vorsitzenden. Mit eigenem Team, Arnold und Teich. Auf der Bühne der Geschlossenheit drängten sich damit zwei Mannschaften. Muster: Selbstwiderlegung. Befund: Den Widerspruch musste ich nicht behaupten, nur sichtbar machen.
3. Die umgedrehte Logistik (Stadler). Ein Post schob die Passauer Verkehrs- und Sicherheitsprobleme den Gegendemonstranten in die Schuhe. Dummerweise hatte der Veranstalter des INN RUN selbst erklärt, dass die Hallenbelegung durch die AfD — nicht die Demos — ihm die Schwierigkeiten bereitete. Muster: Instrumentalisierung/Opfer-Umkehr. Befund: Die beste Quelle gegen die Erzählung war die eigene Seite.
4. Pseudo-Wissenschaft (Infraschall). Gegen Windkraft wurde der angebliche „Infraschall-Beweis” ins Feld geführt. Die zugrunde liegende BGR-Studie hatte jedoch einen Rechenfehler von 36 Dezibel — Faktor rund 4.000 — und wurde 2021 offiziell zurückgezogen, bestätigt durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt. Muster: Pseudo-Beleg. Befund: Eine zurückgezogene Studie ist kein Argument, sondern ein Indiz für Quellenblindheit.
Den Königsfall — die Geschichtsumkehr der Christl Fischer, „Hitler war ein Linker” und das Bild aus Flossenbürg — habe ich oben verlinkt. Er bündelt alle Muster auf einmal: Behauptung, Beleg, Löschknopf, Sperre.
Bilanz des Experiments: „Die AfD inhaltlich stellen”
Bleibt die Frage, die mich am meisten beschäftigt — nicht was in Passau geschah, sondern ob mein Ansatz etwas getaugt hat.
Was funktioniert hat. Die Selbstwiderlegung ist der stärkste Hebel. „Geschlossenheit per Kampfkandidatur”, „Reichweite durch Geschichtsumkehr”, „Einheit mit zwei Teams” — in all diesen Fällen musste ich nichts behaupten, nur die Lücke zwischen Wort und Handlung sichtbar machen. Die Dreistufen-Disziplin (🟢/🟡/🔵) hat sich bewährt: Sie hat mich mehr als einmal davor bewahrt, eine plausible Vermutung als Tatsache zu posten — etwa bei den verweigerten Entlastungen, die ich bis heute korrekt als 🟡 führe. Und der Klarname war kein Risiko, sondern ein Pfund: Wer mit offenem Visier arbeitet, kann nicht so leicht als anonymer Hetzer abgetan werden.
Was nichts gebracht hat. Die direkte Konfrontation mit den Überzeugten. Geblockt zu werden — von Protschka, von mehreren Seiten — war am Ende kein Hindernis, sondern selbst ein Datenpunkt. Die Adressaten waren nie die, die mich blockierten, sondern die stillen Mitleser. Einmal war ich nahe daran, mit einem Fragebogen an den Kreistag Cham über den Fall Fischer hinauszuschießen — das hätte die Zielgruppe verfehlt, der AfD eine Opfererzählung geschenkt und meine eigenen Belegstandards untergraben. Dass ich es gelassen habe, zählt zu den richtigeren Entscheidungen.
Was es gekostet hat. Ehrlich: Kraft. Die schiere Menge an Material — Brandbriefe, Videos, Screenshots, Faktenchecks, Live-Threads — ist auf Dauer zermürbend. Genau deshalb war Passau der gesetzte Schlusspunkt. Ein Experiment braucht ein Ende, sonst wird aus der Methode eine Obsession.
Das Fazit. „Die AfD inhaltlich stellen” funktioniert — aber nicht als Schlagabtausch, sondern als geduldige Beweisführung für ein drittes Publikum. Nicht der Streit überzeugt, sondern die nachvollziehbare Lücke zwischen dem, was gesagt, und dem, was getan wird. Passau hat diese Lücke in Reinform geliefert: eine Partei, die „Geschlossenheit” ruft und sich dabei selbst die Entlastung verweigert.
Der Vorhang fällt — diesmal wirklich. Danke fürs Mitlesen, gerade an die Stillen.
Hinweis zur Methode: 🟢 belegt · 🟡 Indiz/Beobachtung · 🔵 Deutung. Die Parteitags-Vorgänge habe ich nicht vor Ort, sondern über den öffentlichen YouTube-Livestream der AfD verfolgt. Alle mit 🟡 markierten Aussagen — insbesondere die im Livestream mitverfolgten Entlastungsverweigerungen, Mixls Beisitzer-Posten und Buchheits Wahl zum 2. Vorsitzenden — beruhen auf dieser Übertragung und sind presseseitig im Detail noch zu bestätigen.
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dpa-Bericht zum Ausgang des Parteitags, u. a. wiedergegeben bei news.de: „Machtkampf entschieden: Protschka bleibt AfD-Landeschef”, 20./21.6.2026 — Protschka mit gut 79 % bestätigt, Mixl trat nicht an und gratulierte als einer der Ersten; Brandbrief des Teams Protschka an den Bundesvorstand; Dreiländerhalle, rund 1.000 Gegendemonstranten. https://www.news.de/politik/859738402/ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩
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„Zwischen Machtkampf und Demos: Der AfD-Parteitag in Passau”, Onetz/dpa, Juni 2026 — Greding 2025 (Abwahlantrag gegen acht Vorstandsmitglieder, 57,5 %, gescheitert an der Zwei-Drittel-Hürde), Flügel-/Höcke-Kontext, Teams beider Lager, Brandbrief, Protestlage, Protschka-Zitat zum „erfolgreichen Kurs”. https://www.onetz.de/deutschland-welt/muenchen/zwischen-machtkampf-demos-afd-parteitag-passau-id5407618.html ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩
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Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss zur Beobachtung der AfD Bayern durch das Landesamt für Verfassungsschutz, Az. 10 ZB 24.2079 (zu unterscheiden vom separat geführten Bund-Verfahren am VG Köln). ↩ ↩
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„Paukenschlag nach Hitler-Vergleich: Chamer AfD-Kreisrätin Christl Fischer tritt zurück”, Mittelbayerische Zeitung, 19.6.2026 (D. Salimi / C. Hainzinger-Feigl) — Rücktritt einen Tag nach der Debatte um die Holocaust-Gleichsetzung; deutliche Kritik aus den eigenen Reihen (Artikel teilweise hinter Paywall). https://www.mittelbayerische.de/lokales/landkreis-cham/ (Artikel-ID 21377603) ↩
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„AfD-Parteitag startet mit Streit und Gegendemonstrationen”, Bayerische Staatszeitung, Juni 2026 — beispielloser Auftakt (Mehrheitsbeschluss, dass allein Protschka den Tätigkeitsbericht hält); Protschka-Zitat „Die Partei ist nicht zerstritten”; vereinzelte Buh-Rufe bei der Wahl der Vizes, darunter Ebner-Steiner. https://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/politik/ ↩ ↩ ↩