AfD
Elf Sitze Routine
Die AfD im Landkreis Regen
Über den AfD-Kreisverband Freyung-Grafenau ließ sich nur eine Geschichte schreiben, und die handelte von nichts. Über den Kreisverband Cham ließen sich gleich mehrere schreiben, und alle handelten von der Partei selbst – Rücktritte, Ermittlungsverfahren, Machtkämpfe. Bleibt der dritte Woid-Landkreis, und der ist der interessanteste von allen.
Denn im Landkreis Regen hat die AfD nichts von beidem. Keine Leere, kein Getöse. Sie hat Struktur, Personal, Ämter, Vereinsmitgliedschaften, einen Landtagsabgeordneten an der Spitze und das beste Bundestagswahlergebnis, das die Partei in Bayern jemals in einem Landkreis geholt hat. Sie hat, kurz gesagt, alles, was ihr die Nachbarverbände voraushaben müssten – und trotzdem geht die Rechnung nicht auf.
Eine Vorbemerkung in eigener Sache: Auch bei diesem Verband schreibe ich von außen. Der Kreisvorsitzende Johann Müller hat mich auf Facebook gesperrt, und was auf den Kanälen des Verbands zu sehen wäre, sind ohnehin Übernahmen aus der Parteizentrale. Das ist bei Kreisverband Nummer drei kein Zufall mehr, sondern ein Muster – aber diesmal ist es auch kein Problem. Denn dieser Kreisverband hinterlässt genug, das sich nicht wegblocken lässt: eine eigene Website mit datierten Beiträgen, ein amtliches Wahlergebnis mit 23 Einzelwerten, zwei Bürgermeisterwahlen und eine Stadtratswahl mit klaren Zahlen, einen dokumentierten Landtagsalltag und ein Interview, das er selbst gegeben hat. Alles, was hier steht, stammt aus diesen Quellen.
Der Sprung, der eine Halbierung ist
Zunächst der Erfolg, und der ist echt. Bei der Kreistagswahl am 8. März 2026 zog die AfD im Landkreis Regen mit elf von 60 Sitzen in den Kreistag ein und ist damit zweitstärkste Liste – vor Freien Wählern (8), SPD (7) und GFW (4), hinter der CSU (18).1 In der abgelaufenen Wahlperiode waren es sechs Sitze.2 Fast eine Verdopplung, und damit erreichte der Verband ziemlich genau das Ziel, das er sich selbst gesetzt hatte.3
23 Kandidaten holten zusammen 371.182 Stimmen. Bei bayerischen Kreistagswahlen hat jede Wählerin und jeder Wähler bis zu 60 Stimmen; das entspricht rechnerisch rund 6.200 Personen, die ihr Kreuz bei dieser Liste gesetzt haben.
Jetzt die Einordnung, die der Verband selbst nicht vornimmt. Ein Jahr zuvor, bei der Bundestagswahl im Februar 2025, holte die AfD im Landkreis Regen 31,3 Prozent der Zweitstimmen – 15.435 Stimmen, ein Zuwachs von 15,4 Prozentpunkten.4 Bayernweit lag die Partei bei 19,0 Prozent. Der Landkreis Regen war damit tatsächlich eine der stärksten AfD-Regionen des Freistaats, und der Kreisverband führt diese Zahl auf seiner eigenen Seite prominent an.3
Nur: Elf von 60 Kreistagssitzen sind 18,3 Prozent. Zwischen Februar 2025 und März 2026 hat sich der Anteil der AfD in ihrer eigenen Hochburg also nicht verdoppelt, sondern beinahe halbiert. Dieselben Menschen, derselbe Landkreis, dreizehn Monate Abstand. Was fehlte, war nicht die Zustimmung zur Marke. Was fehlte, waren die Leute, denen man vor Ort ein Amt zutraut.
Johann Müller, oder: Was Verwurzelung nicht bringt
Wenn irgendjemand in Niederbayern den Gegenbeweis antreten könnte, dann Johann Müller. Der Geiersthaler, Jahrgang 1959, ist seit 2016 in der AfD, seit 2017 Kreisvorsitzender, sitzt seit 2020 im Kreistag, seit 2023 im Bayerischen Landtag und dort im Ausschuss für Staatshaushalt und Finanzfragen. Er ist Mitglied im Bezirksvorstand Niederbayern, Fraktionsführer im Kreistag, seit über 40 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr, seit über 40 Jahren im Fischereiverein Viechtach, seit über 20 Jahren im Männergesangsverein Geiersthal, Inhaber der Goldenen Ehrenamtskarte.5 Das ist keine Fassade, das ist ein Leben im Landkreis.
Genau deshalb ist sein Wahlergebnis so aufschlussreich. Müller holte 25.197 Stimmen und damit das beste Ergebnis seiner Liste – aber nur 10,9 Prozent mehr als sein Zweitplatzierter Martin Lippl mit 22.711.1 Zum Vergleich, dieselbe Wahl, derselbe Stimmzettel:
CSU: Spitzenkandidat Helmut Plenk liegt 34,0 Prozent über Platz zwei.
SPD: Andreas Kroner liegt 30,2 Prozent über Platz zwei.
Freie Wähler: Gaby Wittenzellner liegt 22,8 Prozent über Platz zwei.
AfD: Johann Müller liegt 10,9 Prozent über Platz zwei.
Und der höchste Einzelwert der gesamten Kreistagswahl gehört nicht Müller, sondern Landrat Ronny Raith (CSU), der mit 44.890 Stimmen auf Listenplatz 19 kandidierte und als Landrat gar keinen Kreistagssitz beansprucht – das 1,8-fache des AfD-Vorsitzenden.1
Das ist der eigentliche Befund dieses Textes. In Freyung-Grafenau war das flache Stimmenprofil noch erklärbar: Dort hatte der Spitzenkandidat kein Profil, keine Ämter, keine Sichtbarkeit. In Regen hat der Spitzenkandidat alles davon – und das Ergebnis ist fast dasselbe. Wer 40 Jahre Feuerwehr, 40 Jahre Fischereiverein, ein Landtagsmandat und einen Kreisvorsitz auf die Waage legt und trotzdem nur elf Prozent Vorsprung auf den Nächstbesten herausholt, dem wird nicht die Person gewählt. Dem wird das Parteikürzel gewählt. Wenn nicht einmal Müller gehäufelt wird, dann häufelt niemand.
Wie der Mann mit Öffentlichkeit umgeht, hat er übrigens früh gezeigt. 2017, bei seiner ersten Landratskandidatur, luden die Kollegen von da Hog’n alle vier Kandidaten zum Gespräch in die Redaktion. Stefan Ebner (CSU), Jens Schlüter (Grüne) und Rita Röhrl (SPD) kamen. Müller kam nicht – er verwies auf seinen Terminkalender und auf die „nicht immer ganz faire Berichterstattung von Teilen der Presse gegenüber von AfD-Kandidaten“ und bestand auf einem E-Mail-Interview.6 Er bekam es. Auf die Nachfrage, ob er das AfD-Programm gelesen habe, drehte er die Frage um und fragte die Redaktion, ob sie es gelesen habe. Auf die Nachfrage, wo denn Anlieger von Asylunterkünften diffamiert worden seien, schickte er kommentarlos einen Zeitungsausschnitt. Neun Jahre später ist der Umgang derselbe, nur die Technik hat sich geändert: Damals keine Redaktion, heute keine Kommentarspalte.
Wenn Vorstand und Fraktion dieselben Leute sind
Der im Januar 2026 gewählte Kreisvorstand besteht aus elf Personen: Johann Müller als Vorsitzender, Martin Lippl und Edwin Birnböck als Stellvertreter, Thomas Seidl als Schatzmeister, Markus Zitzelsberger als dessen Stellvertreter, Kornelia Maier als Schriftführerin, Anja Brunnbauer, Helmuth Seidl und Heiko Augustin als Beisitzer sowie Michael Achatz und Ralf Kasparbauer als Rechnungsprüfer.7
Alle elf standen auf der Kreistagsliste. Acht von ihnen wurden gewählt – Müller, Lippl, Thomas Seidl, Zitzelsberger, Birnböck, Kornelia Maier, Kasparbauer und Helmuth Seidl.1 Die verbleibenden drei liegen auf den Nachrückerplätzen 13, 14 und 15. Der Vorstand ist die Fraktion.
Das ist der schärfste Kontrast zu Freyung-Grafenau, wo die halbe Verbandsführung von der eigenen Wählerschaft nicht einmal ins Ehrenamt gewählt wurde. In Regen funktioniert die Maschine: Wer Vorstand ist, kandidiert; wer kandidiert, wird gewählt. Und Delegierter zum Bundesparteitag ist – erneut – Johann Müller.7
Nur folgt daraus eben auch, dass es in diesem Kreisverband keine zweite Reihe gibt. Und das lässt sich beziffern, ohne über die AfD zu spekulieren – man muss nur die Stimmzettel nebeneinanderlegen.
Für die 60 Sitze im Kreistag Regen traten CSU, Freie Wähler, Grüne, GFW, ÖDP und Junge Union mit jeweils genau 60 Bewerberinnen und Bewerbern an. Die SPD stellte 59. Die AfD, zweitstärkste Kraft dieser Wahl, stellte 23.1 Kürzere Listen hatten nur FDP (35), IG Frauen (34) und Linke (14) – Gruppierungen, die zusammen auf drei Sitze kommen.
Das ist der eigentliche Befund, und er hat mit Gesinnung nichts zu tun. Wer eine volle 60er-Liste aufstellen will, muss sechzig Menschen finden, die ihren Namen hergeben – und deshalb kann bei einer solchen Liste der Vorstand niemals mit der Liste identisch sein, rein rechnerisch nicht. Bei einer 23er-Liste geht es. Elf der 23 AfD-Kandidaten sind Vorstandsmitglieder: 48 Prozent. Auf einer vollen Liste wären dieselben elf Personen 18 Prozent gewesen.
Ein Kreisverband, der in seinem Landkreis bei der Bundestagswahl fast jede dritte Zweitstimme geholt hat, bringt für die Kommunalwahl nicht einmal vierzig Prozent der Plätze auf dem eigenen Stimmzettel zusammen. Das ist keine Bewegung. Das ist ein Vorstand mit zwölf zusätzlichen Namen.
Zwei Bürgermeisterwahlen, zwei letzte Plätze
Am selben 8. März wurde in den Städten des Landkreises auch über Bürgermeisterämter abgestimmt – und dort wird eine Person gewählt, nicht eine Liste. Die AfD trat zweimal an.
In der Kreisstadt Regen kandidierte Martin Lippl, ihr 1. stellvertretender Kreisvorsitzender, Kreisrat und laut Eigendarstellung ein Mann, der die Stadt „wie kaum ein anderer“ kennt: seit 36 Jahren gelernter Elektriker im Dienst der Stadt, tätig in Eishalle, Kläranlage, Freibad, Grundschule und Bauhof, Vorsitzender der Personalvertretung.8 Ergebnis: 15,7 Prozent, vierter und letzter Platz. Andreas Kroner (SPD) holte 46,4 Prozent, Wolfgang Stoiber (CSU) 20,4, Sabrina Laschinger (FWG) 17,4.9 In der Stichwahl kam Kroner auf 66,9 Prozent.10
In Viechtach kandidierte Edwin Birnböck, 2. stellvertretender Kreisvorsitzender. Ergebnis: 14,2 Prozent, vierter Platz von fünf, hinter Hans Greil (36,8), Amtsinhaber Franz Wittmann (29,9) und Christine Hagengruber (17,2).9
Man halte das nebeneinander: 31,3 Prozent, wenn es um Berlin geht. 15,7 und 14,2 Prozent, wenn es darum geht, wer das Rathaus führt. Das Onlinemagazin da Hog’n hat daraus schon am Tag nach der Wahl den naheliegenden Schluss gezogen und die AfD zum großen Verlierer der Kommunalwahl 2026 im Bayerischen Wald erklärt – in keiner einzigen Kommune der vielzitierten Hochburg sei sie für die Wähler eine Alternative gewesen.11 Vier Monate später hat der Kreisverband darauf öffentlich nicht reagiert. Womit wir beim nächsten Punkt wären.
Eine Website, die im Februar stehen blieb
Der AfD-Kreisverband Regen betreibt eine eigene Website, und das unterscheidet ihn positiv von manchem Nachbarn. Sie hat eine Rubrik „Aktuelles“. In dieser Rubrik steht genau ein Beitrag. Er stammt vom 16. Januar 2026, ist von Johann Müller und erklärt, warum er als Landtagsabgeordneter wieder für den Kreistag kandidiert. Kommentare: keine.12
Die Rubrik „Termine“ listet fünf Veranstaltungen: einen Stammtisch am 6. Februar, Info-Stände am 7. und 14. Februar, einen Frühschoppen am 15. Februar, eine Kandidatenvorstellung am 21. Februar. Danach nichts.13 Der Wahltermin war der 8. März. Seit der Wahl, die dem Verband fünf zusätzliche Kreistagssitze gebracht hat, ist auf seiner eigenen Website nichts mehr passiert.
Das ist bemerkenswert, weil derselbe Verband auf derselben Website für sich in Anspruch nimmt, im Kreistag mit „klarer Haltung, fachlicher Tiefe und transparenter Kommunikation“ zu arbeiten.3 Und weil die Aussagen, die dort zur Bilanz gemacht werden, exakt so konkret sind wie in Freyung-Grafenau: Die sechs Kreisräte brächten sich „mit klaren Forderungen und durchdachten Vorschlägen“ ein, die Fraktion habe sich „als kritische Stimme etabliert“.7 Welche Forderungen? Welche Vorschläge? Welcher Antrag, welche Sitzung, welches Datum? Steht nirgends.
Zwei Kleinigkeiten noch, die für sich genommen nichts bedeuten und zusammen doch etwas sagen. Die Schwerpunktliste auf der Startseite führt als ersten Punkt ein „Klares NEIN zu Wimdkraftprojekten“ – seit Januar unkorrigiert.8 Und die Kandidatenseite kündigt „24 Kandidatinnen und Kandidaten“ an und listet darunter 23 Namen.3 Das amtliche Endergebnis nennt ebenfalls 23.1 Ein Verband, der Haushaltskontrolle zu seinem Kernthema erklärt, kann seine eigene Kandidatenliste nicht zu Ende zählen.
Der Haushaltspolitiker
Bleibt die Frage, die in Freyung-Grafenau die entscheidende war: Was tun diese Leute eigentlich?
Für den Kreistag lässt sie sich von außen nur begrenzt beantworten. Der Landkreis Regen betreibt zwar ein Ratsinformationssystem mit Sitzungskalender, Tagesordnungen und Beschlüssen, doch Anträge einzelner Fraktionen sind dort nicht als solche recherchierbar.14 Wer wissen will, ob die sechs bisherigen AfD-Kreisräte tatsächlich „klare Forderungen und durchdachte Vorschläge“ eingebracht haben, wie ihr Verband schreibt, muss die Sitzungsniederschriften einzeln durchgehen. Ich lade jede Leserin und jeden Leser ausdrücklich dazu ein – das System ist öffentlich.
Vollständig dokumentiert ist dagegen die Landtagsarbeit des Kreisvorsitzenden. Und die ist deshalb interessant, weil Johann Müller seine Kreistagskandidatur genau damit begründet hat: Er wolle „finanzpolitische Vernunft in den Landkreis bringen“, er habe „als Haushaltspolitiker gelernt“, dass viele Probleme mit unsolider Mittelverwendung beginnen.12
Vier namentliche Abstimmungen aus dem Bayerischen Landtag sind für ihn erfasst.15 Bei dreien hat er mitgestimmt: für die Rücknahme der CO₂-Bepreisung, für eine Neuausrichtung der Klima- und Energiepolitik, gegen die Förderung von Open-Source-Software. Alle drei sind Positionsbekenntnisse, die man von dieser Partei erwartet.
Die vierte betraf die Übertragung des Tarifabschlusses auf Beamtinnen und Beamte – also die Frage, was der Freistaat seinem eigenen Personal zahlt, und damit den größten Einzelposten jedes Landeshaushalts. Sie fand am 19. März 2026 statt, elf Tage nach der Kommunalwahl. Der Vermerk lautet: nicht beteiligt.
Es gibt für so etwas gute Gründe, Krankheit zum Beispiel, und ich unterstelle keinen. Es bleibt trotzdem die einzige der vier dokumentierten Abstimmungen, bei der es um Geld ging statt um Haltung – und ausgerechnet die fehlt beim Mann fürs Haushaltsfach.
Dazu ein Detail, das mir beim Nachschlagen aufgefallen ist. Von drei Bürgerfragen auf abgeordnetenwatch hat Müller zwei beantwortet. Die dritte stammt vom 3. Juni 2024 und kommt von einer Frau, die schreibt, rechtliche Berufsbetreuer leisteten systemrelevante Arbeit, seien unterbezahlt und seit 2019 ohne Anpassung. Sie fragt, was er dagegen zu tun gedenke. Der Vermerk lautet seit über zwei Jahren: Antwort ausstehend.15 Es ist eine Vergütungsfrage, gestellt an ein Mitglied des Haushaltsausschusses, von einer Bürgerin aus dem Bereich, in dem staatliche Sparsamkeit unmittelbar auf Menschen durchschlägt. Die Frage nach den Einwegzigaretten war binnen zweier Tage beantwortet.
Das hat noch eine zweite Ebene. Müllers eigener Lebenslauf, wie er ihn dem Landtag gemeldet hat, führt für die Jahre 1985 bis 1990 eine Tätigkeit als Gruppenleiter in einer Behindertenwerkstatt und von 2019 bis 2023 eine als Hausmeister; der Landtag nennt als Arbeitgeber die Lebenshilfe.516 Fünf Jahre unmittelbar vor dem Mandat also im Dienst einer Einrichtung der Behindertenhilfe, davor fünf Jahre in einer Werkstatt.
Ich schreibe das ohne jede Ironie. Es ist ein anständiger Lebenslauf, und wer ihn hat, weiß aus eigener Anschauung, wovon die Fragestellerin redet – wie knapp die Mittel in diesem Bereich sind, wie sehr es an Menschen hängt, die dafür nicht bezahlt werden. Genau deshalb ist die ausbleibende Antwort so bemerkenswert. Hier fehlte nicht das Fachwissen. Hier fehlte etwas anderes.
Die halbe Landkarte fehlt
Die AfD Regen schreibt, sie wolle „alle Regionen des Landkreises Regen in der Kreispolitik angemessen vertreten“.3 Die Wohnorte der 23 Kandidaten sagen etwas anderes.
Sieben der 23 kommen aus der Kreisstadt Regen, drei aus Prackenbach, drei aus Viechtach, zwei aus Teisnach, zwei aus Kirchberg i. W. Siebzehn von 23 also aus fünf Orten. Aus dem Rest des Landkreises kommen sechs, je einer aus Geiersthal, Zwiesel, Rinchnach, Zachenberg, Böbrach und Kollnburg.
Bleiben zehn Gemeinden ohne einen einzigen Kandidaten: Arnbruck, Bayerisch Eisenstein, Bischofsmais, Bodenmais, Drachselsried, Frauenau, Kirchdorf, Langdorf, Lindberg und Patersdorf. Darunter Bodenmais und Frauenau, also nicht gerade Weiler. Ausgerechnet Patersdorf, der Geburtsort des Kreisvorsitzenden, ist auf der Liste seiner eigenen Partei nicht vertreten.
In fast der Hälfte der Gemeinden dieses Landkreises hat eine Partei, die dort Monate zuvor 31,3 Prozent geholt hatte, niemanden gefunden, der für sie kandidieren wollte. Zustimmung ja, Verantwortung nein. Das ist keine Verankerung, das ist eine Umfrage.
Ein Bürgermeister aus Prackenbach erklärt das Ergebnis
Am aufschlussreichsten wird das in Prackenbach, jener Gemeinde mit gut 2.000 Einwohnern, die auf der Kreistagsliste immerhin drei Kandidaten stellte. Bei der Gemeinderatswahl am 8. März holte die AfD dort 14,3 Prozent und damit zwei der sechzehn Sitze. Beide gingen an Bewerber namens Brunnbauer – Walter Brunnbauer und Anja Brunnbauer.17 Über das Verhältnis der beiden zueinander sage ich nichts, weil ich es nicht belegen kann. Die Zahl steht für sich: zwei Sitze, ein Nachname.
Interessanter ist, was Bürgermeister Andreas Eckl nach der Wahl zum Zustandekommen dieses Ergebnisses sagte. Bei der reinen Urnenwahl hätte die AfD in Prackenbach sogar vier Sitze bekommen; erst durch die Briefwähler sank die Zahl auf zwei. Und es seien diesmal auffällig viele Listenkreuze gesetzt worden – „gerade bei der AfD“.17
Damit bestätigt ein Bürgermeister vor Ort genau das, was sich aus dem Stimmenprofil der Kreistagswahl herauslesen lässt. Es wird die Liste angekreuzt, nicht die Person. Wer so wählt, kennt die Namen darunter nicht und will sie auch nicht kennen. Er will das Kürzel.
Eckl fügte etwas hinzu, das man in dieser Klarheit selten liest: Die Unzufriedenheit der sogenannten Protestwähler könne er im Kommunalgeschehen nicht nachvollziehen. Prackenbach liege bei den Abgaben im landkreisweiten Vergleich im unteren Drittel, habe zwei Kindergärten, eine Schule, bestens ausgestattete Feuerwehren und ein aktives Vereinsleben – und das Thema Migration existiere in der Gemeinde schlicht nicht.17
Man muss das nicht als Beschwerde lesen. Man kann es auch als Diagnose lesen. In einer Gemeinde, in der nachweislich keines der Probleme vorliegt, mit denen die AfD wirbt, holt sie 14,3 Prozent – überwiegend per Listenkreuz. Was dort gewählt wurde, hatte mit Prackenbach nichts zu tun.
Und dann ist da noch Viechtach
Der bekannteste AfD-Mann im Landkreis Regen kommt in alldem gar nicht vor. Martin Fischl, Stadtrat in Viechtach, steht auf der Kreistagsliste seiner Partei nicht. Er hat kein Kreismandat, keinen Vorstandsposten, keine Funktion oberhalb der Stadtratsebene.
Öffentlich präsent ist er trotzdem. Im Juni 2026 rief er unter dem Motto „Kein Platz für Indoktrination“ Eltern dazu auf, Lehrkräfte zu melden, die Kinder „nicht ordnungsgemäß“ behandelten – ohne Schule, ohne Sachverhalt, ohne Prüfung, dafür mit dem Hinweis, die betroffene Lehrkraft wisse ja nun, wer gemeint sei. Landrat Ronny Raith (CSU) nannte den Indoktrinationsvorwurf gegenüber der Tageszeitung einen „indiskutablen Affront“ und stellte sich vor die Schulen; der BLLV-Kreisvorsitzende Tom Wittmann verwies auf Artikel 131 der Bayerischen Verfassung, der Lehrkräfte ausdrücklich zur Erziehung im Geiste der Demokratie verpflichtet.18 Einen Monat später beschrieb ein Leserbrief an da Hog’n, wie Fischl unter seinem Firmenprofil die dritte Bürgermeisterin von Viechtach wegen der Teilnahme an einer genehmigten Demonstration an den Pranger stellte.19
Das ist die interessanteste Arbeitsteilung dieses Kreisverbands. Elf Menschen sitzen im Kreistag und werden öffentlich nicht wahrgenommen. Einer, der dort nicht sitzt, produziert die Schlagzeilen. Wer im Landkreis Regen glaubt, die AfD sei laut, meint Fischl. Wer wissen will, was sie tatsächlich beschließt, muss ins Sitzungsprotokoll schauen – und findet dort elf Namen, über die niemand redet.
Nun könnte man annehmen, die Partei halte Abstand zu ihm. Ein Blick auf den Viechtacher Stimmzettel legt genau das nahe. Die AfD trat mit zehn Bewerbern an, und Martin Fischl stand auf Listenplatz zehn. Auf dem letzten.
Bei bayerischen Kommunalwahlen ist die Listenreihenfolge die einzige Aussage, die eine Partei über ihre eigenen Leute trifft, bevor die Wähler entscheiden. Wer vorne steht, ist gewollt. Wer hinten steht, ist geduldet.
Das Ergebnis lautet: Fischl wurde Zweiter. 1.474 Stimmen, acht Plätze nach vorn, gewählt.20
Und er ist nicht der Einzige. Christian Reisinger, aufgestellt auf Platz sieben, landete auf Platz vier. Manfred Renner-Saller rückte von acht auf sieben. Nach unten durchgereicht wurden dagegen genau jene, die die Partei vorne platziert hatte: Svenja Reuschl von Platz zwei auf fünf, Jutta Reuschl von Platz vier auf acht, Hans-Joachim Haase von sechs auf neun.20
Man muss dazu nichts über Gesinnungen behaupten. Es reicht, die beiden Reihenfolgen nebeneinanderzulegen. Die Führung dieses Kreisverbands hat eine Rangfolge aufgeschrieben, und ihre Wähler haben eine andere zurückgegeben. Die drei Namen, die im erwähnten Leserbrief an da Hog’n vorkommen – Fischl, Hierl, Reisinger –, belegen im Endergebnis die Plätze zwei, drei und vier.
Wer wissen will, wohin sich die AfD im Landkreis Regen entwickelt, sollte deshalb nicht auf den Kreisvorsitzenden schauen, sondern auf diese Differenz. Johann Müller ist das Gesicht, das die Partei zeigt. Martin Fischl ist das, was ihre Wähler daraus machen.
Warum das der beunruhigendste der drei ist
Drei Kreisverbände, drei Befunde. In Freyung-Grafenau neun Sitze und kein dokumentierbarer Beitrag. In Cham acht Sitze und eine Partei, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. In Regen elf Sitze, eine funktionierende Struktur, ein professioneller Auftritt, ein erfahrener Vorsitzender – und trotzdem dasselbe Grundmuster.
Man kann das auf zwei Arten lesen, und beide sind wahr.
Die beruhigende Lesart: Die These von der regionalen Verwurzelung ist widerlegt, und zwar am besten möglichen Testfall. Wenn ein Verband mit Landtagsmandat, Bezirksvorstand, Kreisvorsitz, Feuerwehr, Fischereiverein und Männergesangsverein bei Bürgermeisterwahlen auf 15,7 und 14,2 Prozent kommt, dann trägt das Etikett eben doch nur so weit, wie niemand hinschaut. Bei der Bundestagswahl wählt man ein Gefühl. Bei der Bürgermeisterwahl wählt man jemanden, den man am Montag im Rathaus wiedersieht. Der Unterschied beträgt in diesem Landkreis rund sechzehn Prozentpunkte.
Die beunruhigende Lesart: Elf Sitze sind trotzdem elf Sitze. Sie sind besetzt, sie werden sechs Jahre lang besetzt bleiben, sie zählen bei jeder Abstimmung mit, und sie wurden von einer Partei gewonnen, deren Beobachtung durch den bayerischen Verfassungsschutz der Bayerische Verwaltungsgerichtshof am 16. Juni 2026 endgültig und unanfechtbar bestätigt hat.21 Es hat für diesen Zuwachs keine Sacharbeit gebraucht, keine Öffentlichkeitsarbeit, keine zweite Reihe, nicht einmal eine gepflegte Website. Es hat gereicht, dazusitzen und zu warten.
Ich schreibe diese drei Texte nicht, weil ich glaube, damit AfD-Wähler umzustimmen. Ich schreibe sie, weil in allen drei Landkreisen dieselbe Lücke sichtbar wird, und sie liegt nicht bei der AfD. Sie liegt dort, wo Menschen, die mit vielem unzufrieden sind, niemanden mehr finden, dem sie zutrauen, etwas zu ändern – und dann das Kürzel wählen, das am lautesten dagegen ist. In Regen kann man an Zahlen ablesen, dass sie dieser Partei selbst nicht besonders viel zutrauen. Sie haben ihr nur nichts entgegenzusetzen gewusst.
Die nächste Landratswahl im Landkreis Regen findet erst 2029 statt, weil der Landkreis seit dem Tod von Heinz Wölfl außer der Reihe wählt.9 Bis dahin bleibt viel Zeit, das zu ändern. Und dieselbe Zeit, es nicht zu tun.
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Kreistagswahl im Landkreis Regen am 8. März 2026, Endergebnis mit allen Bewerberinnen und Bewerbern, https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/276000/4/20260308/kreistagswahl_kreis/index.html ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩
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Landkreis Regen, Kreistag der Wahlperiode 2020–2026, Sitzverteilung, https://www.landkreis-regen.de/kreistag-der-wahlperiode-2020-2026/ ↩
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AfD-Kreisverband Regen, Seite „Kreistag“ zur Kommunalwahl 2026, https://afd-kv-regen.de/kommunalwahl-2026/kreistag/ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩
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Bundestagswahl 2025, endgültiges Ergebnis für den Landkreis Regen, https://wahl.straubing.de/bwahl2025/ergebnisse_kreis_09276000.html ↩
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Bayerischer Landtag, Abgeordnetenprofil Johann Müller, https://www.bayern.landtag.de/abgeordnete/abgeordnete-von-a-z/profil/johann-mueller/ ↩ ↩
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da Hog’n: „AfD-Landratskandidat Johann Müller: Ich will kein Medienstar sein“, 12. Juli 2017, https://www.hogn.de/2017/07/12/1-da-hogn-geht-um/nachrichten-im-landkreis-regen/interview-johann-mueller-afd-alternative-fuer-deutschland-landkreis-regen-landrat-landratswahl/97508 ↩
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AfD-Kreisverband Regen, Seite „Kreisvorstand“, Stand Januar 2026, https://afd-kv-regen.de/kreisvorstand/ ↩ ↩ ↩
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AfD-Kreisverband Regen, Startseite sowie Seite „Bürgermeisterkandidat Martin Lippl“, https://afd-kv-regen.de/kommunalwahl-2026/stadtrat-regen/buergermeisterkandidat-martin-lippl/ ↩ ↩
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da Hog’n: „Kommunalwahlen 2026: Ergebnisse im Landkreis Regen“, 8. März 2026, https://www.hogn.de/2026/03/08/1-da-hogn-geht-um/nachrichten-im-landkreis-regen/wahlen-2026-buergermeister-ergebnisse-bayerischer-wald/214419 ↩ ↩ ↩
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da Hog’n: „Stichwahlen 2026: Die Ergebnisse im Bayerischen Wald“, 22. März 2026, https://www.hogn.de/2026/03/22/1-da-hogn-geht-um/wahlen-2026-stichwahl-regen-frg-passau-cham-bayerischer-wald/215068 ↩
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Helmut Weigerstorfer in da Hog’n: „Der große Verlierer der Kommunalwahl 2026 ist…“, 9. März 2026, https://www.hogn.de/2026/03/09/1-da-hogn-geht-um/wahlen-2026-analyse-afd-meinung-kommentar/214718 ↩
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AfD-Kreisverband Regen, Rubrik „Aktuelles“, https://afd-kv-regen.de/category/allgemein/ ↩ ↩
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AfD-Kreisverband Regen, Rubrik „Termine“, https://afd-kv-regen.de/termine/ ↩
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Bürgerinfoportal des Landkreises Regen, https://service.landkreis-regen.de/bi/infobi.asp ↩
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abgeordnetenwatch.de, Profil Johann Müller (AfD), Abstimmverhalten sowie Fragen und Antworten, https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/johann-mueller ↩ ↩
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Haus der Bayerischen Geschichte, Bavariathek, Datenblatt Johann Müller mit vollständigem beruflichem Werdegang, https://www.bavariathek.bayern/medien-themen/portale/geschichte-des-bayerischen-parlaments/person/1306108764.html ↩
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Gemeinde Prackenbach, Bericht zur Gemeinderatswahl 2026 von Lisa Brem, https://www.prackenbach.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=57589Ein ↩ ↩ ↩
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da Hog’n: „Wie die AfD den Pranger ins Klassenzimmer stellen will…“, 19. Juni 2026, https://www.hogn.de/2026/06/19/3-so-schauts-aus/wie-die-afd-den-pranger-ins-klassenzimmer-stellen-will-viechtach-martin-fischl-kommentar/218924 ↩
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Leserbrief Klaus-Dieter Neumann in da Hog’n: „Kritik an AfD-Politik: Den Boden der Demokratie verlassen“, 20. Juli 2026, https://www.hogn.de/2026/07/20/3-so-schauts-aus/kritik-an-afd-politik-den-boden-der-demokratie-verlassen-leserbrief-neumann-viechtach-fischl-hierl-reisinger/220143 ↩
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Stadt Viechtach, Stadtratswahl am 8. März 2026, Endergebnis mit Listenplätzen und erreichten Plätzen aller Bewerberinnen und Bewerber, https://www.viechtach.de/wahlen/09276144/stadtrat/ ↩ ↩
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Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 16. Juni 2026, Az. 10 ZB 24.2079; Pressemitteilung vom 17. Juni 2026, https://www.vgh.bayern.de/mam/gerichte/bayvgh/presse/pm_-_bayvgh_afd_darf_vom_bayerischen_verfassungsschutz_beobachtet_werden.pdf ↩