AfD

Elf Sitze Routine

Die AfD im Landkreis Regen

Im Landkreis Regen hat die AfD Struktur, Personal und einen Landtagsabgeordneten an der Spitze. Trotzdem bringt sie für 60 Kreistagssitze nur 23 Namen zusammen, und in fast der Hälfte der Gemeinden kandidiert niemand für sie.

Über den AfD-Kreisverband Freyung-Grafenau ließ sich nur eine Geschichte schreiben, und die handelte von fast nichts. Über den Kreisverband Cham ließen sich gleich mehrere schreiben, und alle handelten von der Partei selbst – Rücktritte, Ermittlungsverfahren, Machtkämpfe. Bleibt der dritte Woid-Landkreis, und der ist der interessanteste von allen.

Denn im Landkreis Regen hat die AfD nichts von beidem. Keine Leere, kein Getöse. Sie hat Struktur, Personal, Ämter, Vereinsmitgliedschaften, einen Landtagsabgeordneten an der Spitze und eines der besten Bundestagswahlergebnisse, die die Partei in Bayern in einem Landkreis geholt hat. Sie hat, kurz gesagt, alles, was den Nachbarverbänden fehlt – und trotzdem geht die Rechnung nicht auf.

Eine Vorbemerkung in eigener Sache

Auch bei diesem Verband schreibe ich von außen. Der Kreisvorsitzende Johann Müller hat mich auf Facebook gesperrt, und was auf den Kanälen des Verbands zu sehen wäre, sind überwiegend Übernahmen aus der Parteizentrale. Das ist bei Kreisverband Nummer drei kein Zufall mehr, sondern ein Muster – aber diesmal ist es kein Problem. Denn dieser Kreisverband hinterlässt genug, das sich nicht wegblocken lässt: eine eigene Website mit datierten Beiträgen, ein amtliches Wahlergebnis mit 23 Einzelwerten, zwei Bürgermeisterwahlen und eine Stadtratswahl mit klaren Zahlen, einen dokumentierten Landtagsalltag und ein Interview, das er selbst gegeben hat. Alles, was hier steht, stammt aus diesen Quellen.

Der Sprung und der Abstand

Zunächst der Erfolg, und der ist echt. Bei der Kreistagswahl am 8. März 2026 zog die AfD im Landkreis Regen mit elf von 60 Sitzen in den Kreistag ein und ist damit zweitstärkste Liste – vor Freien Wählern (8), SPD (7) und GFW (4), hinter der CSU (18).1 In der abgelaufenen Wahlperiode waren es sechs Sitze.2 Fast eine Verdopplung, und damit erreichte der Verband ziemlich genau das Ziel, das er sich selbst gesetzt hatte.3

23 Kandidaten holten zusammen 371.182 Stimmen. Bei bayerischen Kreistagswahlen hat jede Wählerin und jeder Wähler bis zu 60 Stimmen; das entspricht rechnerisch rund 6.200 Personen, die ihr Stimmenpaket dieser Liste gegeben haben.

Eine Landratswahl fand im Landkreis Regen 2026 nicht statt; der Landkreis wählt seit dem Tod von Heinz Wölfl außer der Reihe, die nächste Landratswahl ist 2029.4

Jetzt die Einordnung, die der Verband selbst nicht vornimmt. Ein Jahr zuvor, bei der Bundestagswahl im Februar 2025, holte die AfD im Landkreis Regen 31,3 Prozent der Zweitstimmen – 15.435 Stimmen, ein Zuwachs von 15,4 Prozentpunkten.5 Bayernweit lag die Partei bei 19,0 Prozent. Der Landkreis Regen war damit eine der stärksten AfD-Regionen des Freistaats, und der Kreisverband führt diese Zahl auf seiner eigenen Seite prominent an.3

Elf von 60 Kreistagssitzen sind dagegen 18,3 Prozent. Beide Wahlen sind nicht direkt vergleichbar – andere Wahl, andere Beteiligung, anderes Wahlsystem. Der Abstand ist trotzdem groß. Meine Lesart: Was fehlte, war nicht die Zustimmung zur Marke. Was fehlte, waren die Leute, denen man vor Ort ein Amt zutraut.

Johann Müller, oder: Was Verwurzelung nicht bringt

Wenn irgendjemand in Niederbayern den Gegenbeweis antreten könnte, dann Johann Müller. Der Geiersthaler, Jahrgang 1959, ist seit 2016 in der AfD, seit 2017 Kreisvorsitzender, sitzt seit 2020 im Kreistag, seit 2023 im Bayerischen Landtag und dort im Ausschuss für Staatshaushalt und Finanzfragen. Er ist Mitglied im Bezirksvorstand Niederbayern, seit über 40 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr, seit über 40 Jahren im Fischereiverein Viechtach, seit über 20 Jahren im Männergesangsverein Geiersthal, Inhaber der Goldenen Ehrenamtskarte.6 Das ist keine Fassade, das ist ein Leben im Landkreis.

Genau deshalb ist sein Wahlergebnis aufschlussreich. Müller holte 25.197 Stimmen und damit das beste Ergebnis seiner Liste – aber nur 10,9 Prozent mehr als sein Zweitplatzierter Martin Lippl mit 22.711.1 Zum Vergleich, dieselbe Wahl, derselbe Stimmzettel:

  • CSU: Spitzenkandidat Helmut Plenk liegt 34,0 Prozent über Platz zwei.
  • SPD: Andreas Kroner liegt 30,2 Prozent über Platz zwei.
  • Freie Wähler: Gaby Wittenzellner liegt 22,8 Prozent über Platz zwei.
  • AfD: Johann Müller liegt 10,9 Prozent über Platz zwei.

Der höchste Einzelwert der gesamten Kreistagswahl gehört Landrat Ronny Raith (CSU), der mit 44.890 Stimmen auf Listenplatz 19 kandidierte und als Landrat keinen Kreistagssitz beansprucht – das 1,8-Fache des AfD-Vorsitzenden.1

Ein Vorbehalt gehört dazu. Mit 23 Namen für 60 Zeilen konnte die AfD Bewerber bis zu dreimal auf den Stimmzettel schreiben, und beim Listenkreuz erhält jede Zeile eine Stimme.7 Wer das AfD-Listenkreuz setzte, gab den mehrfach Genannten automatisch mehrere Stimmen; nach oben sortieren ließ sich innerhalb der Liste kaum noch. Ein Teil des flachen Profils ist also eingebaut. Dass tatsächlich viele Wähler nur das Listenkreuz setzten, bestätigt allerdings ein Bürgermeister vor Ort (siehe unten). Und dass AfD-Wähler sehr wohl sortieren, wenn sie Raum dazu haben, zeigt Viechtach.

Meine Lesart bleibt: Wer 40 Jahre Feuerwehr, 40 Jahre Fischereiverein, ein Landtagsmandat und einen Kreisvorsitz mitbringt und trotzdem nur knapp vor dem Nächstbesten liegt, wird weniger als Person gewählt als über das Parteikürzel.

Wie Müller mit Öffentlichkeit umgeht, hat er früh gezeigt. 2017, bei seiner ersten Landratskandidatur, luden die Kollegen von da Hog’n alle vier Kandidaten zum Gespräch in die Redaktion. Stefan Ebner (CSU), Jens Schlüter (Grüne) und Rita Röhrl (SPD) kamen. Müller kam nicht – er verwies auf seinen Terminkalender und auf die „nicht immer ganz faire Berichterstattung“ von Teilen der Presse und bestand auf einem E-Mail-Interview.8 Er bekam es. Auf die Nachfrage, ob er das AfD-Programm gelesen habe, fragte er die Redaktion, ob sie es gelesen habe. Auf die Nachfrage, wo denn Anlieger von Asylunterkünften diffamiert worden seien, schickte er kommentarlos einen Zeitungsausschnitt. Neun Jahre später ist der Umgang ähnlich: Damals keine Redaktion, heute keine Kommentarspalte.

Wenn Vorstand und Fraktion dieselben Leute sind

Der im Januar 2026 gewählte Kreisvorstand besteht aus elf Personen: Johann Müller als Vorsitzender, Martin Lippl und Edwin Birnböck als Stellvertreter, Thomas Seidl als Schatzmeister, Markus Zitzelsberger als dessen Stellvertreter, Kornelia Maier als Schriftführerin, Anja Brunnbauer, Helmuth Seidl und Heiko Augustin als Beisitzer sowie Michael Achatz und Ralf Kasparbauer als Rechnungsprüfer.9

Alle elf standen auf der Kreistagsliste. Acht von ihnen wurden gewählt – Müller, Lippl, Thomas Seidl, Zitzelsberger, Birnböck, Kornelia Maier, Kasparbauer und Helmuth Seidl.1 Die verbleibenden drei liegen auf den Nachrückerplätzen 13, 14 und 15. Der Vorstand ist die Fraktion.

Das ist der schärfste Kontrast zu Freyung-Grafenau, wo die halbe Verbandsführung nicht in den Kreistag gewählt wurde. In Regen funktioniert die Maschine: Wer Vorstand ist, kandidiert; wer kandidiert, wird gewählt. Und Delegierter zum Bundesparteitag ist erneut Johann Müller.9

Daraus folgt aber auch, dass es in diesem Kreisverband kaum eine zweite Reihe gibt. Das lässt sich beziffern.

Für die 60 Sitze im Kreistag Regen traten CSU, Freie Wähler, Grüne, SPD, GFW, ÖDP und Junge Union mit jeweils 60 Bewerberinnen und Bewerbern an. Die AfD, zweitstärkste Kraft dieser Wahl, stellte 23.1 Kürzere Listen hatten nur FDP (35), IG Frauen (34) und Linke (14) – Gruppierungen, die zusammen auf drei Sitze kommen.

Wer eine volle 60er-Liste aufstellen will, muss sechzig Menschen finden, die ihren Namen hergeben. Bei einer solchen Liste kann der Vorstand nie mit der Liste identisch sein. Bei einer 23er-Liste geht es: Elf der 23 AfD-Kandidaten sind Vorstandsmitglieder, 48 Prozent. Auf einer vollen Liste wären dieselben elf Personen 18 Prozent gewesen.

Ein Kreisverband, der in seinem Landkreis bei der Bundestagswahl fast jede dritte Zweitstimme geholt hat, bringt für die Kommunalwahl nicht einmal vierzig Prozent der Namen auf dem eigenen Stimmzettel zusammen. Das sieht weniger nach einer Bewegung aus als nach einem Vorstand mit zwölf zusätzlichen Namen.

Zwei Bürgermeisterwahlen, zweimal abgeschlagen

Am selben 8. März wurde in den Städten des Landkreises auch über Bürgermeisterämter abgestimmt – und dort wird eine Person gewählt, nicht eine Liste. Die AfD trat zweimal an.

In der Kreisstadt Regen kandidierte Martin Lippl, 1. stellvertretender Kreisvorsitzender, Kreisrat und laut Eigendarstellung ein Mann, der die Stadt „wie kaum ein anderer“ kennt: seit 36 Jahren gelernter Elektriker im Dienst der Stadt, tätig in Eishalle, Kläranlage, Freibad, Grundschule und Bauhof, Vorsitzender der Personalvertretung.10 Ergebnis: 15,7 Prozent, vierter und letzter Platz. Andreas Kroner (SPD) holte 46,4 Prozent, Wolfgang Stoiber (CSU) 20,4, Sabrina Laschinger (FWG) 17,4.4 In der Stichwahl kam Kroner auf 66,9 Prozent.11

In Viechtach kandidierte Edwin Birnböck, 2. stellvertretender Kreisvorsitzender. Ergebnis: 14,2 Prozent, vierter Platz von fünf, hinter Hans Greil (36,8), Amtsinhaber Franz Wittmann (29,9) und Christine Hagengruber (17,2).4

Man halte das nebeneinander: 31,3 Prozent, wenn es um Berlin geht. 15,7 und 14,2 Prozent, wenn es darum geht, wer das Rathaus führt. Das Onlinemagazin da Hog’n hat daraus am Tag nach der Wahl den Schluss gezogen, die AfD sei der große Verlierer der Kommunalwahl 2026 im Bayerischen Wald.12 Öffentlich reagiert hat der Kreisverband darauf nicht.

Eine Website, die im Februar stehen blieb

Der AfD-Kreisverband Regen betreibt eine eigene Website, und das unterscheidet ihn positiv von manchem Nachbarn. Sie hat eine Rubrik „Aktuelles“. In dieser Rubrik steht ein einziger Beitrag. Er stammt vom 16. Januar 2026, ist von Johann Müller und erklärt, warum er als Landtagsabgeordneter wieder für den Kreistag kandidiert.13

Die Rubrik „Termine“ listet fünf Veranstaltungen: einen Stammtisch am 6. Februar, Info-Stände am 7. und 14. Februar, einen Frühschoppen am 15. Februar, eine Kandidatenvorstellung am 21. Februar. Danach nichts.14 Seit der Wahl, die dem Verband fünf zusätzliche Kreistagssitze gebracht hat, ist auf seiner eigenen Website nichts mehr erschienen.

Das ist bemerkenswert, weil derselbe Verband für sich in Anspruch nimmt, im Kreistag mit „klarer Haltung, fachlicher Tiefe und transparenter Kommunikation“ zu arbeiten.3 Die Bilanz dort bleibt allgemein: Die sechs Kreisräte brächten sich „mit klaren Forderungen und durchdachten Vorschlägen“ ein, die Fraktion habe sich „als kritische Stimme etabliert“.9 Welche Forderungen, welche Vorschläge, welcher Antrag, welche Sitzung? Steht dort nicht.

Zwei Kleinigkeiten noch. Die Schwerpunktliste auf der Startseite führt als ersten Punkt ein „Klares NEIN zu Wimdkraftprojekten“ – seit Januar unkorrigiert.10 Und die Kandidatenseite kündigt „24 Kandidatinnen und Kandidaten“ an und listet darunter 23 Namen.3 Das amtliche Endergebnis nennt ebenfalls 23.1

Der Haushaltspolitiker

Bleibt die Frage: Was tun diese Leute eigentlich?

Für den Kreistag lässt sie sich von außen nur begrenzt beantworten. Der Landkreis Regen betreibt ein Ratsinformationssystem mit Sitzungskalender, Tagesordnungen und Beschlüssen, doch Anträge einzelner Fraktionen sind dort nicht als solche recherchierbar.15 Wer wissen will, was die sechs bisherigen AfD-Kreisräte eingebracht haben, muss die Sitzungsniederschriften einzeln durchgehen. Das System ist öffentlich.

Vollständig dokumentiert ist dagegen die Landtagsarbeit des Kreisvorsitzenden. Sie ist interessant, weil Johann Müller seine Kreistagskandidatur genau damit begründet hat: Er wolle „finanzpolitische Vernunft in den Landkreis bringen“, er habe „als Haushaltspolitiker gelernt“, dass viele Probleme mit unsolider Mittelverwendung beginnen.13

Vier namentliche Abstimmungen aus dem Bayerischen Landtag sind für ihn erfasst.16 Bei dreien hat er mitgestimmt: für die Rücknahme der CO₂-Bepreisung, für eine Neuausrichtung der Klima- und Energiepolitik, gegen die Förderung von Open-Source-Software. Alle drei sind Positionsbekenntnisse, die man von dieser Partei erwartet.

Die vierte betraf die Übertragung des Tarifabschlusses auf Beamtinnen und Beamte – die Frage, was der Freistaat seinem eigenen Personal zahlt. Sie fand am 19. März 2026 statt, elf Tage nach der Kommunalwahl. Der Vermerk lautet: nicht beteiligt. Es gibt für so etwas gute Gründe, Krankheit zum Beispiel, und ich unterstelle keinen. Es bleibt trotzdem die einzige der vier dokumentierten Abstimmungen, bei der es um Geld ging statt um Haltung.

Dazu ein Detail. Von drei Bürgerfragen auf abgeordnetenwatch hat Müller zwei beantwortet. Die dritte stammt vom 3. Juni 2024 und kommt von einer Frau, die schreibt, rechtliche Berufsbetreuer leisteten systemrelevante Arbeit, seien unterbezahlt und seit 2019 ohne Anpassung. Sie fragt, was er dagegen zu tun gedenke. Der Vermerk lautet seit über zwei Jahren: Antwort ausstehend.16 Es ist eine Vergütungsfrage, gestellt an ein Mitglied des Haushaltsausschusses.

Müllers eigener Lebenslauf, wie er ihn dem Landtag gemeldet hat, führt für die Jahre 1985 bis 1990 eine Tätigkeit als Gruppenleiter in einer Behindertenwerkstatt und von 2019 bis 2023 eine als Hausmeister; als Arbeitgeber wird die Lebenshilfe genannt.617 Das ist ein anständiger Lebenslauf, und wer ihn hat, weiß aus eigener Anschauung, wie knapp die Mittel in diesem Bereich sind. Gerade deshalb fällt die ausbleibende Antwort auf.

Die halbe Landkarte fehlt

Die AfD Regen schreibt, sie wolle „alle Regionen des Landkreises Regen in der Kreispolitik angemessen vertreten“.3 Die Wohnorte der 23 Kandidaten sagen etwas anderes.

Sieben der 23 kommen aus der Kreisstadt Regen, drei aus Prackenbach, drei aus Viechtach, zwei aus Teisnach, zwei aus Kirchberg i. W. Siebzehn von 23 also aus fünf Orten. Aus dem Rest des Landkreises kommen sechs, je einer aus Geiersthal, Zwiesel, Rinchnach, Zachenberg, Böbrach und Kollnburg.1

Bleiben zehn Gemeinden ohne einen einzigen Kandidaten: Arnbruck, Bayerisch Eisenstein, Bischofsmais, Bodenmais, Drachselsried, Frauenau, Kirchdorf, Langdorf, Lindberg und Patersdorf. Darunter Bodenmais und Frauenau. Und Patersdorf, der Geburtsort des Kreisvorsitzenden.

In fast der Hälfte der Gemeinden dieses Landkreises hat eine Partei, die dort Monate zuvor 31,3 Prozent geholt hatte, niemanden gefunden, der für sie kandidieren wollte. Zustimmung ja, Verantwortung nein. Das ist eher Zustimmung aus der Ferne als Verankerung.

Ein Bürgermeister aus Prackenbach erklärt das Ergebnis

Am aufschlussreichsten wird das in Prackenbach, einer Gemeinde mit gut 2.000 Einwohnern, die auf der Kreistagsliste drei Kandidaten stellte. Bei der Gemeinderatswahl am 8. März holte die AfD dort 14,3 Prozent und damit zwei der sechzehn Sitze. Beide gingen an Bewerber namens Brunnbauer – Walter Brunnbauer und Anja Brunnbauer.18 Über das Verhältnis der beiden zueinander sage ich nichts, weil ich es nicht belegen kann.

Interessanter ist, was Bürgermeister Andreas Eckl nach der Wahl zum Zustandekommen dieses Ergebnisses sagte. Bei der reinen Urnenwahl hätte die AfD in Prackenbach sogar vier Sitze bekommen; erst durch die Briefwähler sank die Zahl auf zwei. Und es seien diesmal auffällig viele Listenkreuze gesetzt worden – „gerade bei der AfD“.18

Damit bestätigt ein Bürgermeister vor Ort, was die Stimmenprofile nahelegen: Angekreuzt wird die Liste, nicht die Person.

Eckl fügte hinzu, die Unzufriedenheit der sogenannten Protestwähler könne er im Kommunalgeschehen nicht nachvollziehen. Prackenbach liege bei den Abgaben im landkreisweiten Vergleich im unteren Drittel, habe zwei Kindergärten, eine Schule, gut ausgestattete Feuerwehren und ein aktives Vereinsleben – und das Thema Migration existiere in der Gemeinde nicht.18

Man kann das als Diagnose lesen. In einer Gemeinde, in der keines der Probleme vorliegt, mit denen die AfD wirbt, holt sie 14,3 Prozent – überwiegend per Listenkreuz. Meine Lesart: Was dort gewählt wurde, hatte mit Prackenbach wenig zu tun.

Und dann ist da noch Viechtach

Der bekannteste AfD-Mann im Landkreis Regen kommt in alldem gar nicht vor. Martin Fischl, Stadtrat in Viechtach, steht nicht auf der Kreistagsliste seiner Partei. Er hat kein Kreismandat, keinen Vorstandsposten, keine Funktion oberhalb der Stadtratsebene.

Öffentlich präsent ist er trotzdem. Im Juni 2026 rief er unter dem Motto „Kein Platz für Indoktrination“ Eltern dazu auf, Lehrkräfte zu melden, die Kinder „nicht ordnungsgemäß“ behandelten. Landrat Ronny Raith (CSU) nannte den Indoktrinationsvorwurf gegenüber der Tageszeitung einen „indiskutablen Affront“ und stellte sich vor die Schulen; der BLLV-Kreisvorsitzende Tom Wittmann verwies auf Artikel 131 der Bayerischen Verfassung, der Lehrkräfte ausdrücklich zur Erziehung im Geiste der Demokratie verpflichtet.19 Einen Monat später beschrieb ein Leserbrief an da Hog’n, wie Fischl unter seinem Firmenprofil die dritte Bürgermeisterin von Viechtach wegen der Teilnahme an einer genehmigten Demonstration angriff.20

Das ist die interessanteste Arbeitsteilung dieses Kreisverbands. Elf Menschen sitzen im Kreistag und werden öffentlich kaum wahrgenommen. Einer, der dort nicht sitzt, produziert die Schlagzeilen.

Ein Blick auf den Viechtacher Stimmzettel legt nahe, dass die Partei Abstand zu ihm hält. Die AfD trat mit zehn Bewerbern an, und Martin Fischl stand auf Listenplatz zehn, dem letzten. Die Listenreihenfolge ist die einzige Aussage, die eine Partei über ihre eigenen Leute trifft, bevor die Wähler entscheiden. Man kann sie so lesen: Wer vorne steht, ist gewollt; wer hinten steht, ist geduldet.

Das Ergebnis: Fischl wurde Zweiter. 1.474 Stimmen, acht Plätze nach vorn, gewählt.21

Und er ist nicht der Einzige. Christian Reisinger, aufgestellt auf Platz sieben, landete auf Platz vier. Manfred Renner-Saller rückte von acht auf sieben. Nach unten gingen dagegen jene, die die Partei vorne platziert hatte: Svenja Reuschl von Platz zwei auf fünf, Jutta Reuschl von Platz vier auf acht, Hans-Joachim Haase von sechs auf neun.21

Die Führung dieses Kreisverbands hat eine Rangfolge aufgeschrieben, und ihre Wähler haben eine andere zurückgegeben. Die drei Namen, die im erwähnten Leserbrief an da Hog’n vorkommen – Fischl, Hierl, Reisinger –, belegen im Endergebnis die Plätze zwei, drei und vier. Viechtach zeigt damit auch: Wo sie Raum dazu haben, sortieren AfD-Wähler sehr wohl.

Meine Lesart: Wer wissen will, wohin sich die AfD im Landkreis Regen entwickelt, sollte weniger auf den Kreisvorsitzenden schauen als auf diese Differenz. Johann Müller ist das Gesicht, das die Partei zeigt. Martin Fischl ist das, was ihre Wähler daraus machen.

Warum das der beunruhigendste der drei ist

Drei Kreisverbände, drei Befunde. In Freyung-Grafenau neun Sitze und kaum ein dokumentierbarer Beitrag. In Cham acht Sitze und eine Partei, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. In Regen elf Sitze, eine funktionierende Struktur, ein professioneller Auftritt, ein erfahrener Vorsitzender – und trotzdem ähnliche Lücken.

Man kann das auf zwei Arten lesen.

Die beruhigende Lesart: Die These von der regionalen Verwurzelung ist am bestmöglichen Testfall geprüft. Wenn ein Verband mit Landtagsmandat, Bezirksvorstand, Kreisvorsitz, Feuerwehr, Fischereiverein und Männergesangsverein bei Bürgermeisterwahlen auf 15,7 und 14,2 Prozent kommt, dann trägt das Etikett nur so weit, wie niemand genauer hinschaut. Bei der Bundestagswahl wählt man ein Gefühl. Bei der Bürgermeisterwahl wählt man jemanden, den man am Montag im Rathaus wiedersieht. Der Unterschied beträgt in diesem Landkreis rund sechzehn Prozentpunkte.

Die beunruhigende Lesart: Elf Sitze sind trotzdem elf Sitze. Sie werden sechs Jahre lang besetzt bleiben, sie zählen bei jeder Abstimmung mit, und sie wurden von einer Partei gewonnen, deren Beobachtung durch den bayerischen Verfassungsschutz der Bayerische Verwaltungsgerichtshof am 16. Juni 2026 unanfechtbar bestätigt hat.22 Für diesen Zuwachs brauchte es keine sichtbare Sacharbeit, keine zweite Reihe, nicht einmal eine gepflegte Website.

Ich schreibe diese Texte nicht, weil ich glaube, damit AfD-Wähler umzustimmen. Ich schreibe sie, weil in allen drei Landkreisen dieselbe Lücke sichtbar wird, und sie liegt nicht nur bei der AfD. Sie liegt dort, wo Menschen, die mit vielem unzufrieden sind, niemanden mehr finden, dem sie zutrauen, etwas zu ändern – und dann das Kürzel wählen, das am lautesten dagegen ist. In Regen kann man an Zahlen ablesen, dass sie dieser Partei vor Ort selbst nicht besonders viel zutrauen.

Die nächste Landratswahl im Landkreis Regen findet 2029 statt.4 Bis dahin bleibt Zeit, das zu ändern. Und dieselbe Zeit, es nicht zu tun.


  1. Kreistagswahl im Landkreis Regen am 8. März 2026, Endergebnis mit allen Bewerberinnen und Bewerbern, https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/276000/4/20260308/kreistagswahl_kreis/index.html ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩

  2. Landkreis Regen, Kreistag der Wahlperiode 2020–2026, Sitzverteilung, https://www.landkreis-regen.de/kreistag-der-wahlperiode-2020-2026/ ↩

  3. AfD-Kreisverband Regen, Seite „Kreistag“ zur Kommunalwahl 2026, https://afd-kv-regen.de/kommunalwahl-2026/kreistag/ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩

  4. da Hog’n: „Kommunalwahlen 2026: Ergebnisse im Landkreis Regen“, 08.03.2026, https://www.hogn.de/2026/03/08/1-da-hogn-geht-um/nachrichten-im-landkreis-regen/wahlen-2026-buergermeister-ergebnisse-bayerischer-wald/214419 ↩ ↩ ↩ ↩

  5. Bundestagswahl 2025, endgültiges Ergebnis für den Landkreis Regen, https://wahl.straubing.de/bwahl2025/ergebnisse_kreis_09276000.html ↩

  6. Bayerischer Landtag, Abgeordnetenprofil Johann Müller, https://www.bayern.landtag.de/abgeordnete/abgeordnete-von-a-z/profil/johann-mueller/ ↩ ↩

  7. Art. 25 Abs. 4 GLKrWG: Bewerber können bis zu dreimal im Wahlvorschlag aufgeführt werden; dazu Landeshauptstadt München, „Kommunalwahl – Wahlvorschlag einreichen“, https://stadt.muenchen.de/infos/kommunalwahl-wahlvorschlag-einreichen.html. Zum Listenkreuz: Bayerisches Staatsministerium des Innern, „Kommunalwahlen in Bayern“, https://www.stmi.bayern.de/wahlen-und-abstimmungen/kommunalwahlen/. Wie oft die AfD ihre Bewerber aufgeführt hat, ist nicht am Stimmzettel geprüft. ↩

  8. da Hog’n: „AfD-Landratskandidat Johann Müller: Ich will kein Medienstar sein“, 12.07.2017, https://www.hogn.de/2017/07/12/1-da-hogn-geht-um/nachrichten-im-landkreis-regen/interview-johann-mueller-afd-alternative-fuer-deutschland-landkreis-regen-landrat-landratswahl/97508 ↩

  9. AfD-Kreisverband Regen, Seite „Kreisvorstand“, Stand Januar 2026, https://afd-kv-regen.de/kreisvorstand/ ↩ ↩ ↩

  10. AfD-Kreisverband Regen, Startseite sowie Seite „Bürgermeisterkandidat Martin Lippl“, https://afd-kv-regen.de/kommunalwahl-2026/stadtrat-regen/buergermeisterkandidat-martin-lippl/ ↩ ↩

  11. da Hog’n: „Stichwahlen 2026: Die Ergebnisse im Bayerischen Wald“, 22.03.2026, https://www.hogn.de/2026/03/22/1-da-hogn-geht-um/wahlen-2026-stichwahl-regen-frg-passau-cham-bayerischer-wald/215068 ↩

  12. Helmut Weigerstorfer in da Hog’n: „Der große Verlierer der Kommunalwahl 2026 ist…“, 09.03.2026, https://www.hogn.de/2026/03/09/1-da-hogn-geht-um/wahlen-2026-analyse-afd-meinung-kommentar/214718 ↩

  13. AfD-Kreisverband Regen, Rubrik „Aktuelles“, https://afd-kv-regen.de/category/allgemein/ ↩ ↩

  14. AfD-Kreisverband Regen, Rubrik „Termine“, https://afd-kv-regen.de/termine/ ↩

  15. Bürgerinfoportal des Landkreises Regen, https://service.landkreis-regen.de/bi/infobi.asp ↩

  16. abgeordnetenwatch.de, Profil Johann Müller (AfD), Abstimmverhalten sowie Fragen und Antworten, https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/johann-mueller ↩ ↩

  17. Haus der Bayerischen Geschichte, Bavariathek, Datenblatt Johann Müller mit beruflichem Werdegang, https://www.bavariathek.bayern/medien-themen/portale/geschichte-des-bayerischen-parlaments/person/1306108764.html ↩

  18. Gemeinde Prackenbach, Bericht zur Gemeinderatswahl 2026 von Lisa Brem, https://www.prackenbach.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=57589Ein ↩ ↩ ↩

  19. da Hog’n: „Wie die AfD den Pranger ins Klassenzimmer stellen will…“, 19.06.2026, https://www.hogn.de/2026/06/19/3-so-schauts-aus/wie-die-afd-den-pranger-ins-klassenzimmer-stellen-will-viechtach-martin-fischl-kommentar/218924 ↩

  20. Leserbrief Klaus-Dieter Neumann in da Hog’n: „Kritik an AfD-Politik: Den Boden der Demokratie verlassen“, 20.07.2026, https://www.hogn.de/2026/07/20/3-so-schauts-aus/kritik-an-afd-politik-den-boden-der-demokratie-verlassen-leserbrief-neumann-viechtach-fischl-hierl-reisinger/220143 ↩

  21. Stadt Viechtach, Stadtratswahl am 8. März 2026, Endergebnis mit Listenplätzen und erreichten Plätzen aller Bewerberinnen und Bewerber, https://www.viechtach.de/wahlen/09276144/stadtrat/ ↩ ↩

  22. Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 16. Juni 2026, Az. 10 ZB 24.2079; Pressemitteilung vom 17. Juni 2026, https://www.vgh.bayern.de/mam/gerichte/bayvgh/presse/pm_-_bayvgh_afd_darf_vom_bayerischen_verfassungsschutz_beobachtet_werden.pdf ↩

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