Brauchtum im Bayerwald

Das Wasservogelsingen im südlichen Bayerischen Wald

Das Wasservoglsingen: Wenn der Pfingstsonntag feuchtfröhlich wird

Ein uralter Brauch hält sich in einigen Teilen des unteren Bayerischen Waldes hartnäckig: Das Wasservoglsingen. Wo früher junge Burschen in der tiefen Pfingstnacht um Eier und Schmalz baten, zieht heute oft das ganze Dorf – samt Feuerwehr und Sportverein – von Haus zu Haus. Ein Heischebrauch zwischen Tradition, Wasserschlachten und bayerischer Gstanzl-Kultur.

Heischegang mit Gstanzln und kalten Güssen

Wer im unteren Bayerischen Wald, genauer gesagt im Landkreis Freyung-Grafenau oder im nördlichen Landkreis Passau, am Pfingstsonntag vor die Tür tritt, sollte auf alles gefasst sein. Besonders auf fliegendes Wasser. Das „Wasservoglsingen“ ist hier kein sanftes Brauchtumschor-Ereignis, sondern ein handfester Heischegang, der oft in ausufernden Wasserschlachten endet.

Früher, so bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, war die Sache streng reglementiert: Nur die ledigen Burschen des Dorfes durften in der Nacht von Pfingstsonntag auf Pfingstmontag losziehen. Bewaffnet mit Stöcken und Eimern gingen sie von Hof zu Hof. Heute hat sich das Bild gewandelt. Die tiefschwarze Nacht ist meist dem späten Sonntagnachmittag gewichen, und neben den Burschen sind längst auch die Dirndln mit von der Partie. Oft wird die Organisation direkt von der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, dem Burschenverein oder dem Sportverein übernommen.

Die Rollen: Vorsänger, Chor und der „Oakoda“

Der Ablauf folgt einem festen Muster. Vorneweg marschiert der Vorsänger. Er muss stimmgewaltig sein und im besten Fall improvisieren können. Er stimmt das traditionelle Wasservogllied an. Das Lied ist von Dorf zu Dorf leicht verschieden, aber der Kern bleibt gleich: Es wird der Frühling besungen, der Heilige Geist angerufen und – ganz wichtig – um Gaben gebettelt.

Hinter dem Vorsänger steht der Chor der Wasservögel, der den Refrain schmettert. Und dann gibt es noch eine ganz entscheidende Figur: den „Oakoda“ (Eierkater) oder Korbträger. Er sammelt die Beute ein. Ursprünglich ging es bei diesem Heischebrauch um Naturalien. Die Burschen sammelten Eier, Schmalz, Speck und Brot, um sich am Pfingstmontag ein ordentliches Festmahl, das sogenannte „Wasservoglessen“, zuzubereiten. Heute wandern neben Eiern vor allem Euro-Scheine und Münzen in die Sammelbüchse, und nicht selten wird die Truppe an den Höfen mit einem Schnaps oder Bier bewirtet.

Wasser als Lohn und Strafe

Der Name „Wasservogl“ kommt nicht von ungefähr. Das Element Wasser spielt die Hauptrolle. Nachdem die Truppe ihr Lied gesungen und ihre Gaben erhalten hat, wird sie vom Hausherrn oder der Hausherrin mit Wasser übergossen. Früher war das oft nur ein symbolischer Spritzer aus dem Weihwasserkessel oder ein kleiner Guss aus dem Fenster. Heute packen die Hausbesitzer gerne mal den Gartenschlauch aus oder stehen mit vollen Eimern auf dem Balkon.

Gibt es keine Gaben oder bleibt die Tür verschlossen, rächt sich der Vorsänger mit bissigen Spott-Gstanzln. Dann wird aus dem Segen schnell eine gesungene Beschwerde über den Geiz der Hausbewohner. Aber auch die Wasservögel selbst teilen aus: Wehe dem, der sich zu nah an die Truppe heranwagt, ohne aufzupassen. Wasserschlachten zwischen den Sängern und der Dorfjugend, die sie begleitet, gehören fest zum Programm.

Vom Fruchtbarkeitsritus zur Vereinsgaudi

Die historischen Wurzeln des Wasservoglsingens sind, wie bei vielen alten Bräuchen, nicht restlos geklärt. Volkskundler gehen davon aus, dass es sich um einen alten Fruchtbarkeits- und Wachstumsbrauch handelt. Das Begießen mit Wasser in der Zeit um Pfingsten (also im späten Frühjahr) sollte vermutlich Regen für die Felder und damit eine gute Ernte heraufbeschwören. Der erste urkundliche Nachweis des Brauchs stammt aus dem Jahr 1899, doch die Tradition dürfte wesentlich älter sein.

Dass sich der Brauch heute eher in den Nachmittag verlagert hat, hat pragmatische Gründe. Die nächtlichen Touren eskalierten früher oft. Es gab Schlägereien zwischen konkurrierenden Gruppen aus Nachbardörfern, und nicht selten wurde im Schutz der Dunkelheit mehr Unfug getrieben, als den Dorfbewohnern lieb war. Durch die Verlegung auf den Tag und die Einbindung in die Vereinsstrukturen hat das Wasservoglsingen seinen wilden, anarchischen Charakter zwar ein wenig eingebüßt, dafür ist der Fortbestand des Brauchs gesichert. Es ist heute ein Stück gelebte Dorfgemeinschaft – laut, nass und tief verwurzelt in der Waidler-Kultur.

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