AfD FRG

Neun Sitze Leere

Die AfD im Landkreis Freyung-Grafenau

Neun Sitze im Kreistag, zweitstärkste Kraft hinter der CSU – und kaum ein dokumentierbarer Beitrag zum Leben im Landkreis. Eine Bestandsaufnahme des AfD-Kreisverbands Freyung-Grafenau aus Wahlunterlagen und öffentlichen Quellen.

Es gibt Kreisverbände der AfD, über die man Skandalgeschichten schreiben kann. Über zurückgetretene Kreisrätinnen, über interne Machtkämpfe, über Ermittlungsverfahren. Der Kreisverband Freyung-Grafenau gehört nicht dazu. Über ihn kann man nur eine einzige Geschichte schreiben – und die handelt von fast nichts. Das ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern das Ergebnis einer Recherche: Einen dokumentierbaren politischen Beitrag dieses Verbands zum Leben im Landkreis habe ich kaum gefunden, genau genommen einen einzigen Antrag.

Eine Vorbemerkung in eigener Sache

Ich schreibe diesen Text als jemand, der auf sämtlichen Social-Media-Kanälen dieser Partei im Landkreis gesperrt ist – auf der Kreisverbandsseite ebenso wie beim Spitzenkandidaten Freudenstein. Nicht wegen Beleidigungen, nicht wegen Regelverstößen, sondern wegen unbequemer Fragen mit Quellenangabe. Was hier steht, stammt deshalb aus amtlichen Bekanntmachungen, Wahlunterlagen und öffentlichen Quellen – also aus Material, das sich nicht wegblocken lässt.

Das Wahlergebnis: fremde Federn

Zunächst das, was die AfD als Erfolg verbuchen wird. Bei der Kreistagswahl am 8. März 2026 holte sie 353.582 Stimmen und damit 9 von 60 Sitzen – zweitstärkste Kraft hinter der CSU.1

Zur Einordnung: Bei bayerischen Kreistagswahlen hat jede Wählerin und jeder Wähler bis zu 60 Stimmen. Die 353.582 AfD-Stimmen entsprechen also rechnerisch etwa 6.000 Personen, die ihr Stimmenpaket dieser Liste gegeben haben – von rund 44.000, die insgesamt gewählt haben.

Die vollständige Sitzverteilung im neuen Kreistag: CSU 20, AfD 9, Freie Wähler 7, CWG-FW 6, Grüne 4, SPD 4, Junge Wähler Union 4, Bayernpartei 3, ÖDP/Familienbündnis 2, FDP 1.1

Zur Landratswahl trat die AfD nicht an. Landrat Sebastian Gruber (CSU) wurde mit 89,1 Prozent gegen Sigrid Bartl (Grüne) bestätigt. Einen Bürgermeisterkandidaten stellte die AfD in Neuschönau: Norbert Wurm kam dort auf 25,1 Prozent.2

Neun Sitze im Kreistag. Das klingt nach Aufstieg. Wer aber in die Stimmenlisten schaut, sieht etwas anderes: Die AfD-Kandidaten auf den Plätzen 2 bis 20 liegen alle im schmalen Band zwischen rund 14.600 und 20.700 Stimmen. Bei den anderen Listen fächern die Ergebnisse weit auf, weil Wählerinnen und Wähler gezielt Personen häufeln, die sie kennen und denen sie etwas zutrauen.

Ein Teil dieses flachen Profils ist allerdings eingebaut. Die AfD hatte nur 20 Namen für 60 Zeilen, und eine Partei darf jeden Bewerber bis zu dreimal auf den Stimmzettel schreiben.3 Wer das AfD-Listenkreuz setzte, gab dann jedem Bewerber bereits das Maximum von drei Stimmen; nach oben sortieren ließ sich innerhalb der Liste kaum noch. Dass trotzdem nur wenige Wähler einzelne Namen hervorgehoben haben, passt zum Rest dieses Textes. Meine Lesart: Gewählt wurde AfD, nicht Menschen. Das Ergebnis haben die neun Kreisräte vor Ort nicht erarbeitet; es kam mit der Bundespartei – mit Talkshows, Bundestagsclips und einer Empörungsmaschinerie, die in Berlin läuft.

Am deutlichsten zeigt das der Spitzenkandidat selbst. Stefan Freudenstein, seit 2020 Kreisrat und seit Gründung des Verbands dessen Vorsitzender, holte 22.171 Stimmen – sieben Prozent mehr als seine eigene Nummer zwei.1 Zum Vergleich: Der CSU-Spitzenkandidat Olaf Heinrich erreichte mit 44.508 Stimmen das Doppelte seines Zweitplatzierten. Ein großer persönlicher Bonus ist das nicht – auch wenn ein Teil des Abstands zur CSU an der Mechanik der kurzen AfD-Liste liegt.

Die handelnden Personen

Die neun AfD-Kreisräte laut amtlicher Bekanntmachung:1

  • Stefan Freudenstein, Referent, Jahrgang 1986, Waldkirchen – Kreisvorsitzender
  • Markus Putz, Kraftverkehrsmeister, Freyung – 2020 bis 2026 Fraktionsvorsitzender im Kreistag
  • Janina Putz, Krankenschwester, Jahrgang 1993, Freyung
  • Norbert Höhenberger, Schreiner, Jahrgang 1979, Freyung
  • Marcel Weber, Finanzwirt, Schönberg – zugleich Schatzmeister des Kreisverbands
  • Uwe Henkel, Logistiker, Jahrgang 1970, Röhrnbach – zugleich Bezirksrat in Niederbayern
  • Helga Riedl, Büroangestellte, Perlesreut
  • Norbert Wurm, Verwaltungsangestellter i. R., Jahrgang 1960, Neuschönau
  • Franz Schröder, Kfz-Mechaniker, Jahrgang 1960, Spiegelau

Dazu der Kreisvorstand: Freudenstein als Vorsitzender, Reinhard Menzel und Jürgen Limbach als Stellvertreter, Marcel Weber als Schatzmeister, Wilma Schwab, Franz-Dieter Schröder und Michael Madl als Beisitzer.4 Die beiden stellvertretenden Vorsitzenden Menzel und Limbach haben den Sprung in den Kreistag nicht geschafft – sie landeten nach Stimmen auf den Rängen 15 und 18 und sind Listennachfolger. Ein Verband, dessen halbe Führung von der eigenen Wählerschaft nicht in den Kreistag gewählt wird, sagt damit einiges über sich.

Und nun die entscheidende Frage: Was haben diese Personen in sechs Jahren Kreistagszugehörigkeit (2020–2026) politisch bewegt? Ich habe gesucht. Nach Anträgen, die eine Debatte ausgelöst hätten. Nach Wortmeldungen, die es in die Berichterstattung geschafft hätten. Nach einer kommunalpolitischen Initiative – ÖPNV, Kreiskrankenhaus, Kreisstraßen, Schulen, irgendetwas. Gefunden habe ich keine Anträge von Gewicht, keine Redebeiträge, über die berichtet worden wäre, keine Pressemitteilungen zu Landkreisthemen. Sechs Jahre Mandat, dokumentierter Output: ein Antrag für einen Gleitschirm-Landeplatz, der es nicht auf die Tagesordnung schaffte. Die Arbeit dieser Fraktion im Kreistag ist von außen nicht erkennbar.

Social Media: Blocken und Durchreichen

Nun könnte man einwenden: Vielleicht findet die politische Arbeit ja online statt, wo diese Partei angeblich so stark ist. Der Social-Media-Auftritt des Kreisverbands besteht aus zwei Tätigkeiten.

Erstens: dem Teilen zentral produzierter Kacheln. Wer die Facebook-Auftritte niederbayerischer AfD-Kreisverbände nebeneinanderlegt, sieht identische Grafiken, identische Formulierungen, identische Empörungsanlässe – Bundesthemen, aufbereitet von Partei- und Fraktionszentralen, durchgereicht bis ins letzte Dorf. Einen eigenen Gedanken zum Landkreis Freyung-Grafenau habe ich dort nicht gefunden. Der Kreisverband ist kein Absender, er ist ein Verteilerknoten.

Zweitens: dem Blocken. Wer kritisch kommentiert, wer Quellen verlinkt, wer beharrlich nachfragt, wird gesperrt. Ich spreche aus dokumentierter eigener Erfahrung. Das ist bemerkenswert für eine Partei, die „Meinungsfreiheit“ bei jeder Gelegenheit für sich reklamiert und rasch „Zensur“ wittert. Die Diskussionskultur dieses Kreisverbands ist geschlossen: Innen wird das Material der Zentrale verbreitet, außen bleibt die Tür zu.

Wer hier wirklich steuert

Womit wir bei der Frage wären: Wer steht eigentlich über diesem Verband? Die Antwort führt nach Deggendorf und Osterhofen, nicht nach Freyung.

Direkt übergeordnet ist der AfD-Bezirksverband Niederbayern mit Geschäftsstelle in Osterhofen.5 Dessen Vorsitzende ist seit 2022 Katrin Ebner-Steiner – zugleich Fraktionsvorsitzende der AfD im Bayerischen Landtag und seit 2026 stellvertretende Landesvorsitzende sowie stellvertretende Bundessprecherin der Partei.6 Darüber der Landesverband Bayern, dessen Vorsitzender Stephan Protschka beim Landesparteitag im Juni 2026 in Passau im Amt bestätigt wurde – mit Ebner-Steiner als seiner Stellvertreterin.7 Die niederbayerische Achse Protschka–Ebner-Steiner steht damit an der Spitze von Bezirks- und Landesebene. Für einen Kreisverband wie Freyung-Grafenau heißt das: Wahlkampfmaterial und Themensetzung kommen aus diesem Zentrum. Das personelle Scharnier vor Ort ist Uwe Henkel, der als einziger FRG-Vertreter mit Doppelmandat (Kreisrat und Bezirksrat) an beiden Ebenen hängt.

Meine Lesart: Ein Vorsitzender ohne erkennbares eigenes Profil ist in dieser Konstruktion kein Betriebsunfall, sondern bequem. Niemand, der widerspricht; ein Verband, der durchreicht, was von oben kommt. Dass dieselbe Bezirksebene sich intern den Vorwurf satzungswidriger Vorstandsbesetzung gefallen lassen musste – erhoben vom Passauer AfD-Landtagsabgeordneten Ralf Stadler, es ging um das Verbot, dass Abgeordnete gemeinsam mit ihren eigenen Beschäftigten im Bezirks- oder Landesvorstand sitzen8 –, zeigt, dass die Partei die Abhängigkeitsstrukturen, die sie anderen vorwirft, selbst kennt.

Warum das kein Erfolgsmodell ist

Man muss am Ende beides festhalten, und das Unbequemere zuerst: Die AfD ist im Kreistag Freyung-Grafenau zweitstärkste Kraft geworden, ohne dass eine Arbeit vor Ort dafür erkennbar wäre. Kein sichtbares Personal, keine erkennbaren Initiativen, kaum Präsenz – und trotzdem neun Sitze. Das ist die eigentlich beunruhigende Nachricht dieses Textes, und sie richtet sich nicht an die AfD, sondern an alle anderen: Das Label funktioniert auch dann, wenn dahinter wenig steht.

Ein Erfolgsmodell ist das trotzdem nicht. Meine Lesart: Es ist ein Schneeballsystem der Repräsentation. Die Wählerinnen und Wähler, die im März ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben, weil sie „denen da oben“ einen Denkzettel verpassen wollten, haben neun Menschen in den Kreistag geschickt, deren Arbeit dort von außen nicht erkennbar ist. Wer sich vom Kreisverband Freyung-Grafenau eine Vertretung seiner Interessen erhofft, bekommt bisher vor allem einen Weiterleitungsdienst für Berliner Kacheln. Sechs Jahre lang konnte man das beobachten. Sechs weitere Jahre liegen vor uns. Ich werde sie dokumentieren – von außen, denn drinnen bin ich gesperrt. Aber Amtsblätter, Sitzungsprotokolle und Wahlergebnisse kann man nicht blocken.


  1. Die Wahlleiterin des Kreises Freyung-Grafenau: Bekanntmachung des abschließenden Ergebnisses der Wahl des Kreistags am 8. März 2026, festgestellt am 24.03.2026; ebenso Amtsblatt für den Landkreis Freyung-Grafenau Nr. 4 vom 25.03.2026, https://www.freyung-grafenau.de/fileadmin/user_upload/Bekanntmachung_des_abschliessenden_Ergebnisses_Kreistag_FRG.pdf ↩ ↩ ↩ ↩

  2. MuW-Nachrichten: „Kommunalwahlen 2026“, 09.03.2026, https://www.muw-nachrichten.de/dahoam/kommunalwahlen-2026/; amtlich: Bayerisches Landesamt für Statistik, „272 Freyung-Grafenau, Lkr. – Wahl zum Landrat“, https://kommunalwahl2026.bayern.de/personenwahl/272.html ↩

  3. Art. 25 Abs. 4 GLKrWG: Bewerber können bis zu dreimal im Wahlvorschlag aufgeführt werden; dazu Landeshauptstadt München, „Kommunalwahl – Wahlvorschlag einreichen“, https://stadt.muenchen.de/infos/kommunalwahl-wahlvorschlag-einreichen.html. Beim Listenkreuz erhält jede aufgeführte Zeile eine Stimme: Bayerisches Staatsministerium des Innern, „Kommunalwahlen in Bayern“, https://www.stmi.bayern.de/wahlen-und-abstimmungen/kommunalwahlen/. Wie oft die AfD ihre Bewerber aufgeführt hat, ist nicht am Stimmzettel geprüft. ↩

  4. AfD Bayern, Seite des Kreisverbands Freyung-Grafenau, Stand April 2026, https://afdbayern.de/kreis-ortsverbaende/niederbayern/freyung-grafenau/ ↩

  5. AfD Bayern, Seite des Bezirksverbands Niederbayern, https://afdbayern.de/kreis-ortsverbaende/niederbayern/ ↩

  6. Bayerischer Landtag, Abgeordnetenprofil Katrin Ebner-Steiner, https://www.bayern.landtag.de/abgeordnete/abgeordnete-von-a-z/profil/katrin-ebner-steiner/ ↩

  7. Eigene Berichterstattung: „Passau, oder: Wie sich eine Partei selbst entlastet“, graffiti.bayerwald.social, Juni 2026, https://graffiti.bayerwald.social/my-blog/passau-oder-wie-sich-eine-partei-selbst-entlastet ↩

  8. Bayerische Staatszeitung: „Anspruch und Wirklichkeit: Ein Passus der Parteisatzung sorgt in der AfD für Wirbel“, https://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/politik/detailansicht-politik/artikel/anspruch-und-wirklichkeit-3.html ↩

Share

↑