John Rawls

Der Philosoph der gerechten Gesellschaft

John Rawls gehört zu den bedeutendsten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts – und er ist Amerikaner. Das mag auf den ersten Blick überraschen. Die Vereinigten Staaten gelten gemeinhin als das Land des Individualismus, des freien Marktes, der Überzeugung, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Ausgerechnet aus diesem geistigen Umfeld kommt ein Denker, der mit großer philosophischer Strenge argumentiert, dass eine gerechte Gesellschaft ihre Schwächsten schützen und für einen strukturellen Ausgleich zwischen Leistungsfähigen und weniger Leistungsfähigen sorgen muss. Rawls hat die politische Philosophie des angloamerikanischen Raums revolutioniert – und sein Einfluss reicht weit über die Grenzen der Akademie hinaus.

John Rawls – Leben und intellektueller Kontext

John Bordley Rawls wurde am 21. Februar 1921 in Baltimore, Maryland, geboren.1 Er studierte an der Princeton University und promovierte dort 1950. Nach einer Lehrtätigkeit in Oxford, wo er unter anderem mit dem britischen Philosophen H. L. A. Hart in Kontakt kam, kehrte er in die USA zurück und lehrte schließlich bis zu seiner Emeritierung an der Harvard University.

Rawls lebte in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Erschütterungen. Die Bürgerrechtsbewegung, der Vietnamkrieg, wachsende wirtschaftliche Ungleichheit – all das bildete den Hintergrund seines Denkens. Er reagierte nicht mit politischem Aktivismus, sondern mit philosophischer Grundlagenarbeit. Sein Ziel war es, eine rationale, nicht auf religiösen oder metaphysischen Überzeugungen beruhende Theorie der Gerechtigkeit zu entwickeln, die für eine pluralistische Gesellschaft taugt.

Rawls starb am 24. November 2002 in Lexington, Massachusetts. Sein Werk hat die politische Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderes geprägt.

Das Ausgangsproblem: Utilitarismus und seine Grenzen

Um Rawls zu verstehen, muss man wissen, wogegen er schreibt. Die dominante ethische Theorie seiner Zeit war der Utilitarismus, wie ihn Jeremy Bentham und John Stuart Mill entwickelt hatten. Die Kernaussage des Utilitarismus lautet: Eine Handlung oder eine gesellschaftliche Ordnung ist dann gerecht, wenn sie den Gesamtnutzen – das Gesamtglück, das Gesamtwohlbefinden – aller Beteiligten maximiert.

Das klingt vernünftig, hat aber eine fatale Konsequenz: Es ist theoretisch zulässig, einer Minderheit erhebliches Leid zuzufügen, solange der Nutzengewinn für die Mehrheit groß genug ist. Der Utilitarismus kann Sklaverei rechtfertigen, wenn die Mehrheitsbevölkerung davon profitiert. Er kann die systematische Benachteiligung einer Gruppe legitimieren, wenn die Gesamtrechnung stimmt.

Rawls hält dem entgegen: Jeder Mensch besitzt eine Würde, die nicht gegen den Nutzen anderer aufgewogen werden darf. Eine Gesellschaft, die Einzelne für das Wohl der Mehrheit opfert, ist keine gerechte Gesellschaft – gleichgültig, wie hoch das Gesamtglück ausfällt.2

Der Urzustand und der Schleier des Unwissens

Das methodische Herzstück von Rawls’ Theorie ist ein Gedankenexperiment: der sogenannte Urzustand (original position) mit dem Schleier des Unwissens (veil of ignorance).

Rawls fragt: Auf welche Grundsätze würden sich vernünftige Menschen einigen, wenn sie nicht wüssten, welche Position sie in der Gesellschaft einnehmen werden? Man stellt sich vor, eine Gruppe von Menschen soll die Grundregeln einer Gesellschaft festlegen – bevor irgendjemand weiß, ob er reich oder arm, klug oder weniger begabt, gesund oder krank, Angehöriger einer Mehrheits- oder Minderheitsgruppe sein wird. Hinter diesem Schleier des Unwissens können keine Partikularinteressen die Entscheidung verzerren.

Das Gedankenexperiment ist bestechend einfach und doch tiefgründig. Es überführt die Frage der Gerechtigkeit in eine Frage rationaler Entscheidung unter Unsicherheit. Wer nicht weiß, welches Los er ziehen wird, hat ein starkes Eigeninteresse daran, dass auch das schlechteste Los noch erträglich ist.3

Rawls ist überzeugt, dass Menschen hinter dem Schleier des Unwissens nicht auf einen utilitaristischen Grundsatz setzen würden – denn das wäre zu riskant. Wer nicht ausschließen kann, zur benachteiligten Minderheit zu gehören, wird keine Ordnung wählen, die diese Minderheit ausbeutet, auch wenn es dem Gesamtnutzen nützte.

Die zwei Gerechtigkeitsprinzipien

Aus dem Urzustand leitet Rawls zwei Grundprinzipien ab, die er in lexikalischer Reihenfolge anordnet – das erste Prinzip hat absoluten Vorrang vor dem zweiten.

Das erste Prinzip lautet: Jede Person soll gleiche Grundfreiheiten haben, und zwar das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten, das mit einem ähnlichen System für alle vereinbar ist. Politische Freiheit, Redefreiheit, Gedankenfreiheit, Versammlungsfreiheit, Eigentumsfreiheit – all das steht für jeden in gleicher Weise zu.4

Das zweite Prinzip regelt soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten und besteht aus zwei Teilen. Erstens sollen Positionen und Ämter unter fairen Bedingungen für alle offen stehen – das Prinzip der fairen Chancengleichheit. Zweitens – und das ist der philosophisch radikalste Teil des gesamten Werkes – gilt das Differenzprinzip: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind nur dann gerecht, wenn sie den am schlechtesten gestellten Mitgliedern der Gesellschaft zum größtmöglichen Vorteil gereichen.

Das Differenzprinzip ist keine Forderung nach vollständiger Gleichheit. Rawls akzeptiert, dass Menschen unterschiedliche Talente haben und unterschiedlich hohe Einkommen erzielen können. Er akzeptiert auch Anreize: Wenn ein Arzt mehr verdient als ein Straßenkehrer, weil sonst niemand die langen Ausbildungsjahre auf sich nähme, dann mag diese Ungleichheit gerechtfertigt sein – aber nur, wenn das daraus entstehende Gesundheitssystem auch den Ärmsten zugute kommt.5

Verteilungsgerechtigkeit: Leistung, Talent und die moralische Willkür des Zufalls

Hier liegt der philosophisch kühnste und provokanteste Gedanke bei Rawls: Er bestreitet, dass natürliche Talente und die soziale Herkunft moralisch verdient sind.

Wer als hochbegabtes Kind wohlhabender Eltern in einer funktionierenden Gesellschaft aufwächst, hat günstige Startbedingungen. Aber hat er diese Startbedingungen verdient? Rawls sagt: Nein. Die natürliche Begabungsverteilung ist moralisch willkürlich – niemand hat sich sein Talent erarbeitet, niemand hat sich seine Herkunft ausgesucht. Wer auf der Gewinnerseite der Geburtslotterie steht, hat kein moralisches Eigentumsrecht auf alle Früchte dieses Glücks.6

Das bedeutet nicht, dass Rawls Leistung für irrelevant hält. Wer arbeitet, wer Risiken eingeht, wer seine Talente entwickelt und einsetzt – der darf dafür belohnt werden. Aber die Höhe dieser Belohnung ist nicht allein dem Individuum geschuldet, weil dieses Individuum seine Grundausstattung der Gesellschaft verdankt: der Erziehung, der Infrastruktur, dem Rechtssystem, den Generationen, die vor ihm gearbeitet haben.

Rawls zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Talente sind in gewissem Sinne kollektive Ressourcen. Eine Gesellschaft darf erwarten, dass die Leistungsfähigeren ihre Fähigkeiten auch zum Wohl der weniger Begünstigten einsetzen. Das ist keine Bestrafung des Erfolgreichen – es ist die Anerkennung, dass Erfolg nie rein individuell ist.

Das Differenzprinzip und sozialer Frieden

Das Differenzprinzip hat eine tiefere gesellschaftliche Funktion, die über reine Umverteilung hinausgeht: Es schafft die Grundlage für sozialen Frieden und gesellschaftliche Stabilität.

Eine Gesellschaft, in der Ungleichheit als willkürlich, als unverdient, als bloßes Glück der Geburt empfunden wird, ist eine Gesellschaft, die zur Spaltung neigt. Die Verlierenden haben keinen rationalen Grund, die bestehende Ordnung als legitim anzuerkennen. Rawls’ Theorie gibt der gesellschaftlichen Ordnung eine Rechtfertigung, der auch die Benachteiligten rational zustimmen könnten – vorausgesetzt, die Institutionen funktionieren tatsächlich so, dass Ungleichheiten nur dort bestehen, wo sie den Ärmsten nützen.

Rawls spricht in diesem Zusammenhang von Fairness als dem Kern der Gerechtigkeit. Seine Theorie trägt nicht umsonst den Untertitel Justice as Fairness. Eine faire Gesellschaft ist keine gleiche Gesellschaft – aber sie ist eine Gesellschaft, in der jeder weiß, dass die Regeln nicht willkürlich zu seinen Ungunsten gesetzt wurden.7

A Theory of Justice – Das Hauptwerk

A Theory of Justice erschien 1971 und schlug in der Philosophie wie eine Bombe ein. Das Buch umfasst über 600 Seiten und ist stilistisch trocken, analytisch präzise und von einer Dichte, die keine schnelle Lektüre erlaubt. Dennoch – oder gerade deshalb – wurde es zum meistzitierten Werk der politischen Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Rawls gliedert sein Werk in drei Teile. Im ersten Teil entwickelt er die Theorie des Urzustandes und leitet die beiden Gerechtigkeitsprinzipien ab. Im zweiten Teil wendet er diese Prinzipien auf gesellschaftliche Institutionen an – auf Verfassung, Gesetzgebung, Wirtschaft, Familie. Im dritten Teil befasst er sich mit der psychologischen und moralphilosophischen Frage, wie eine gerechte Gesellschaft stabil sein kann: Warum sollten Menschen die Gerechtigkeitsprinzipien aus innerer Überzeugung befolgen, nicht nur aus Zwang?

Die Antwort liegt im Begriff des Wohlgeordneten Gemeinwesens (well-ordered society): einer Gesellschaft, in der alle Bürger die Gerechtigkeitsprinzipien kennen und anerkennen, in der die Institutionen diesen Prinzipien entsprechen und in der die Bürger ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl entwickeln.8

Rawls und der amerikanische Kontext

Es ist bemerkenswert, dass Rawls ausgerechnet in den Vereinigten Staaten hervor kam. Die amerikanische Geistesgeschichte ist geprägt vom Lockeschen Eigentumsdenken, von der Überzeugung in die moralische Kraft des Marktes, vom Mythos des Self-made Man. Die Idee, dass Talente kollektive Ressourcen sein könnten, widerspricht dem amerikanischen Selbstverständnis in weiten Teilen fundamental.

Und doch ist Rawls zutiefst amerikanisch in seiner Methode: Er argumentiert nicht mit Klasseninteressen oder historischen Gesetzmäßigkeiten, sondern mit individueller Rationalität. Sein Gerechtigkeitssubjekt ist der freie, vernünftige Einzelne – nicht eine Klasse, nicht ein Volk, nicht die Geschichte. Er sucht Grundsätze, denen jeder vernünftige Mensch rational zustimmen kann. Das ist angloamerikanisches Denken in seiner reinsten Form.

Gerade deshalb hatte er in den USA eine tiefere Wirkung als jeder europäische Sozialphilosoph. Er sprach die Sprache der liberalen Demokratie und zog aus ihr Schlüsse, die weit über das hinausgingen, was die herrschende politische Kultur zu akzeptieren bereit war.

Kritik und Rezeption

Rawls’ Theorie hat von allen Seiten Widerspruch erfahren – was ein Zeichen ihrer Bedeutung ist.

Von libertärer Seite hat Robert Nozick (Anarchy, State, and Utopia, 1974) argumentiert, dass das Differenzprinzip Eigentumsrechte verletzt. Wenn jemand durch freiwilligen Austausch rechtmäßig Reichtum erworben hat, hat der Staat kein Recht zur Umverteilung. Nozick hält Rawls’ Gleichbehandlung von natürlichen Talenten und äußerem Besitz für einen kategorialen Fehler.

Von kommunitaristischer Seite haben Michael Sandel, Charles Taylor und Alasdair MacIntyre eingewendet, dass Rawls’ Vorstellung eines Subjekts hinter dem Schleier des Unwissens eine Fiktion ist. Der Mensch ist kein abstraktes Wesen ohne Geschichte und Gemeinschaft – er ist immer schon in eine konkrete Lebenswelt eingebettet, die seine Überzeugungen formt. Eine Gerechtigkeitstheorie, die davon abstrahiert, baut auf Sand.9

Von feministischer Seite hat Carol Pateman darauf hingewiesen, dass Rawls die Sphäre der Familie weitgehend aus seiner Gerechtigkeitstheorie ausklammert – obwohl gerade dort fundamentale Ungleichheiten reproduziert werden.10

Rawls hat auf diese Kritiken reagiert. In seinem späteren Werk Political Liberalism (1993) hat er seine Theorie weiterentwickelt und dabei den Geltungsanspruch eingeschränkt: Die Theorie der Gerechtigkeit als Fairness beansprucht keine allgemeine moralische Wahrheit, sondern ist eine politische Konzeption, die auf die Bedingungen einer modernen pluralistischen Demokratie zugeschnitten ist.

Das Erbe des John Rawls

John Rawls hat die Grundfragen der politischen Philosophie neu gestellt und in eine Form gebracht, die philosophische Strenge mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet. Wer heute über Steuergerechtigkeit, Bildungschancen, Gesundheitsversorgung oder das Sozialstaatsprinzip nachdenkt, denkt – bewusst oder unbewusst – in Kategorien, die Rawls geprägt hat.

Die zentrale Intuition seines Werkes ist von bestechender Einfachheit: Stell dir vor, du wüsstest nicht, wer du sein wirst. Welche Gesellschaft würdest du dir dann wünschen? Die Antwort auf diese Frage ist, was Rawls unter Gerechtigkeit versteht.

In einer Zeit, in der wirtschaftliche Ungleichheit in vielen westlichen Demokratien wieder historische Ausmaße erreicht, in der Bildungschancen stark von der Herkunft abhängen und in der der Mythos der Leistungsgesellschaft von der Realität der Startchancenungleichheit konterkariert wird, ist Rawls aktueller denn je. Seine Philosophie liefert keine politischen Rezepte – aber sie liefert etwas Wichtigeres: einen rationalen, nicht religiösen, nicht parteiischen Maßstab dafür, wann eine Gesellschaft gerecht ist und wann nicht.

Dass dieser Maßstab aus Amerika kommt, macht ihn nicht weniger universal. Es macht ihn nur umso überraschender.


Justice is the first virtue of social institutions, as truth is of systems of thought.11

— John Rawls


  1. Rawls wuchs in einer wohlhabenden Familie auf; sein Vater war Anwalt, seine Mutter engagierte Feministin. Frühe Erfahrungen mit Armut und sozialer Ungleichheit in Baltimore prägten seine spätere Denkrichtung.
  2. Rawls formuliert dies im Vorwort zu A Theory of Justice prägnant: „Each person possesses an inviolability founded on justice that even the welfare of society as a whole cannot override.” – John Rawls, A Theory of Justice, Harvard University Press, 1971, S. 3.
  3. Das Konzept des Schleiers des Unwissens hat Vorläufer in der Vertragstheorie bei Rousseau und Kant, geht in Rawls’ Fassung aber erheblich weiter, weil er auch natürliche Talente und gesellschaftliche Herkunft als kontingente, „unverschuldete” Faktoren ausklammert.
  4. Rawls spricht hier von „basic liberties”, die nicht gegen wirtschaftliche Vorteile eingetauscht werden dürfen. Der Absolutheitsanspruch dieses Prinzips unterscheidet Rawls von liberalen Denkern, die Freiheiten gegen Wohlfahrt abwägen würden.
  5. Rawls, A Theory of Justice, S. 302: „The difference principle represents, in effect, an agreement to regard the distribution of natural talents as a common asset and to share in the benefits of this distribution whatever it turns out to be.”
  6. Dies ist der Punkt, an dem Rawls von liberalen Libertären wie Robert Nozick am schärfsten angegriffen wird. Nozick hält dagegen, dass Talente untrennbar zur Person gehören und dass Umverteilung Zwang bedeutet. Vgl. Robert Nozick, Anarchy, State, and Utopia, Basic Books, 1974.
  7. Rawls hat Justice as Fairness später noch einmal als eigenständiges, kompakteres Werk veröffentlicht: John Rawls, Justice as Fairness: A Restatement, Harvard University Press, 2001, herausgegeben von Erin Kelly.
  8. Rawls, A Theory of Justice, S. 5: „A society is well-ordered when it is not only designed to advance the good of its members but when it is also effectively regulated by a public conception of justice.”
  9. Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice, Cambridge University Press, 1982. Sandels Kritik lautet im Kern: Rawls’ „unencumbered self” – das bindungslose Ich – ist eine anthropologische Fehlannahme.
  10. Carol Pateman, The Sexual Contract, Stanford University Press, 1988. Susan Moller Okin hat diese Kritik in Justice, Gender, and the Family, Basic Books, 1989, direkt auf Rawls angewandt.
  11. John Rawls, A Theory of Justice, Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts, 1971, S. 3.

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