Kirby

Kirby 5

Die stille Revolution unter den Content-Management-Systemen

Es gibt CMS, die laut sind. Die mit großen Agenturen, riesigen Marketplaces, hunderttausenden Plugins und einer Geschichte, die fast so alt ist wie das Web selbst. WordPress ist das offensichtliche Beispiel: ein Schwergewicht, das längst mehr Hochzeitseinladungen verwaltet als Blogs und dabei eine eigene Plugin-Ökonomie hervorgebracht hat. Daneben gibt es die Headless-Welt mit Strapi, Sanity, Storyblok – API-zentriert, JavaScript-lastig, gemacht für Teams, die in Komponenten denken.

Und dann gibt es Kirby. Ein CMS aus Deutschland, das seit Jahren weitgehend unaufgeregt seinen Weg geht und mit der jüngst erschienenen Version 5 zu einem Werkzeug gereift ist, das man nicht mehr nur “kleine Schwester von etwas” nennen kann. Kirby ist eigenständig. Es ist anders. Und für eine bestimmte Sorte Mensch ist es das vielleicht eleganteste System, das aktuell auf dem Markt verfügbar ist.

Dieser Artikel ist – ich gebe es offen zu – eine kleine Liebeserklärung. Aber eine ehrliche. Mit Fallstricken, mit einer klaren Warnung, für wen Kirby nicht geeignet ist. Und mit dem Versuch, zu erklären, woher dieser besondere Reiz kommt.

Was Kirby grundlegend anders macht

Der vielleicht wichtigste Satz über Kirby lautet: Es gibt keine Datenbank.

Während WordPress, Drupal, Typo3 und nahezu jedes andere etablierte CMS auf MySQL, MariaDB oder PostgreSQL laufen, speichert Kirby seine Inhalte in ganz normalen Textdateien. Eine Seite ist ein Ordner. In diesem Ordner liegt eine article.txt (oder ähnlich) mit den Feldern und ihren Werten. Bilder, PDFs und andere Assets liegen einfach daneben.

Klingt banal? Ist es nicht. Es ändert alles.

Ein Backup ist plötzlich ein Kopieren des content-Ordners. Migration zwischen Servern? Einfach rsync. Versionierung? git init und fertig – jede Inhaltsänderung lässt sich wie Code historisieren, vergleichen, zurückrollen. Kein Datenbank-Dump, keine Inkonsistenzen zwischen DB-Stand und Mediathek, keine Datenbank-Updates nach Versionssprüngen. Wer einmal um drei Uhr morgens versucht hat, eine kaputte WordPress-Datenbank wiederherzustellen, weiß, wie viel Frieden dieser Ansatz mit sich bringt.

Die Philosophie: Werkzeug, nicht Korsett

Die meisten CMS treffen Entscheidungen für dich. Sie definieren, wie ein Beitrag aussieht, welche Felder er hat, welche URL-Struktur möglich ist. Wenn du etwas anderes möchtest, kämpfst du gegen das System. Du fügst Plugins hinzu, überschreibst Kerndateien, hackst Filter und Hooks zusammen, bis es ungefähr passt.

Kirby dreht die Logik um. Standardmäßig kann es nichts. Du sagst ihm, was du willst – über sogenannte Blueprints. Ein Blueprint ist eine YAML-Datei, in der du beschreibst, welche Felder eine Seite hat, wie sie im Panel aussieht, welche Validierungen gelten, welche Sortierung verwendet wird. Nichts mehr, nichts weniger.

Das bedeutet: Du baust dir das CMS, das du brauchst. Ein Foodblog hat andere Felder als ein Architekturportfolio, und beides ist mit Kirby in einer halben Stunde sauber modelliert. Bei WordPress brauchst du dafür ACF, vielleicht CPT UI, vielleicht noch ein drittes Plugin – und am Ende fühlt sich alles wie ein Patchwork an. In Kirby ist es eine YAML-Datei.

Kirby 5 – was die neue Version mitbringt

Mit Kirby 5 hat das Team rund um Bastian Allgeier den Weg konsequent weitergeführt: weniger Magie, mehr Klarheit, mehr Performance. Die Version legt großen Wert auf das Panel-Erlebnis – das Backend wirkt aufgeräumter, schneller und auf Tastatur und Mobilgeräte besser abgestimmt als je zuvor. Der Block-Editor, eines der Lieblingswerkzeuge vieler Kirby-Nutzer, wurde weiter verfeinert: Inhalte lassen sich noch flexibler komponieren, ohne in den Pagebuilder-Wahnsinn von WordPress-Editoren wie Elementor abzudriften.

Auch unter der Haube hat sich einiges getan: bessere Performance, modernerer PHP-Unterbau (PHP 8.2 als Minimum), saubere UUID-Verwaltung für stabile interne Verweise, Verbesserungen bei der Mehrsprachigkeit und beim Asset-Handling. Wer von Kirby 4 kommt, fühlt sich sofort zu Hause – wer neu einsteigt, bekommt das ausgereifteste Kirby aller Zeiten.

Der Panel-Editor – nüchtern schön

Das Kirby-Panel ist eines der Dinge, die man kaum beschreiben kann, ohne es selbst gesehen zu haben. Es ist nicht überladen mit Dashboards, Werbung für Pro-Versionen oder bunten Onboarding-Wizards. Es ist – einfach. Klar. Auf das reduziert, was Redakteure wirklich tun: Inhalte schreiben, Bilder hochladen, Felder ausfüllen, Vorschau ansehen.

Diese Reduktion ist kein Zufall, sondern ein Statement. Kirbys Panel sagt: Wir gehen davon aus, dass du erwachsen bist. Du brauchst kein Tutorial-Overlay, das dir erklärt, wo der Speichern-Button ist. Wir machen das Werkzeug schön, du machst die Arbeit.

Für Redakteure ist das nach kurzer Eingewöhnung enorm angenehm. Es gibt keine zwölf Wege, dasselbe zu tun. Keine Plugin-Buttons, die plötzlich verschwinden, weil ein Update ausstand. Keine kryptischen Optionsbäume in 14 Untermenüs.

Templates: PHP, ungeschminkt

Kirby-Templates sind PHP. Punkt. Keine eigene Template-Sprache, kein Twig, kein Blade – einfach title() ?>. Das schreckt manche ab und begeistert andere. Wer aus React, Vue oder Symfony kommt, mag den nüchternen Pragmatismus. Wer noch nie eine Zeile PHP geschrieben hat, steht erst einmal vor einer Lernkurve.

Aber: Die API ist so klar gestaltet, dass selbst PHP-Anfänger nach wenigen Tagen produktiv sind. Methoden wie $page->children()->listed()->sortBy('date', 'desc') lesen sich fast wie englische Sätze. Es gibt Field Methods, mit denen sich Inhalte direkt in der Ausgabe transformieren lassen, und ein Tag-System (KirbyTags), das Markdown elegant erweitert, ohne ihn zu ersetzen.

Das Plugin-Ökosystem

Kirby hat keinen Plugin-Marketplace im WordPress-Sinne, und das ist eine bewusste Entscheidung. Es gibt getkirby.com/plugins als kuratierte Sammlung – aber kein One-Click-Install, keine “Premium”-Plugins mit jährlichen Lizenzgebühren, keine Sicherheitslücken-Plugins, die seit fünf Jahren nicht aktualisiert wurden und trotzdem heruntergeladen werden.

Plugins werden meist via Composer oder per Git-Submodul installiert. Das ist technischer, aber transparenter. Du weißt, was du dir holst, du kannst den Quellcode lesen, du behältst die Kontrolle. Beliebte Plugins sind etwa Janitor für Wartungsaufgaben, Retour für SEO-Redirects, Kirby Boost für Performance-Tuning oder Kirby Builder für komplexe Inhaltsstrukturen (in Kirby 5 zunehmend durch Layouts und Blocks ersetzt).

Die Community ist klein, aber außergewöhnlich freundlich. Im offiziellen Forum bekommst du Antworten von Leuten, die das System wirklich verstehen – inklusive der Kirby-Entwickler selbst. Das ist eine Atmosphäre, die du in WordPress-Foren so nicht findest.

Themes und Starterkits

Themes im klassischen Sinn (anklicken, fertige Website) gibt es bei Kirby kaum. Was es gibt, sind Starterkits – Vorlagen, mit denen man eine bestimmte Art von Website schnell zum Laufen bekommt: Portfolios, Blogs, Dokumentations-Seiten, Agentur-Websites. Anbieter wie Zoon oder Tobias Möritz bieten hochwertige, gepflegte Themes an, die nicht nur hübsch sind, sondern auch durchdacht im Sinne der Kirby-Philosophie: aufgeräumter Code, sinnvolle Blueprints, anpassbar statt zugenagelt.

Wer ein Theme kauft, kauft sich Zeit – aber auch eine Lernreise. Denn früher oder später wirst du im Code etwas anpassen wollen, und dann wirst du dankbar sein, wenn das Theme ordentlich gemacht ist.

Performance, die einfach passiert

Weil Kirby keine Datenbank-Queries absetzt und stattdessen direkt aus dem Dateisystem liest, ist es von Haus aus schnell. Auf vernünftiger Hardware liefert eine kleine bis mittlere Kirby-Site Antwortzeiten unter 100 Millisekunden – ohne Caching-Plugin, ohne CDN, ohne Tricks. Mit aktiviertem Page-Cache wird es absurd schnell.

Das ist ein Vorteil, den man in Zeiten von Core Web Vitals nicht unterschätzen sollte. Während WordPress-Seiten mit fünf Performance-Plugins kämpfen, um auf akzeptable Ladezeiten zu kommen, liefert Kirby diese als Nebeneffekt seiner Architektur.

Wo Kirby Schmerzen verursacht

Eine ehrliche Lobeshymne braucht ehrliche Schwächen. Hier sind sie:

Kirby ist kein System für Anfänger. Wer noch nie eine Datei per FTP oder SSH bewegt hat, wer YAML-Syntax-Fehler nicht lesen kann, wer keine Lust hat, gelegentlich eine Zeile PHP zu schreiben – der wird mit Kirby unglücklich. Es gibt keinen Drag-and-Drop-Pagebuilder im Wix-Stil. Du musst die Templates selbst bauen oder ein Theme verwenden, dessen Code du verstehst.

Die Lizenz kostet. Anders als bei WordPress oder Joomla ist Kirby nicht kostenlos. Eine Einzellizenz schlägt mit etwas unter 100 Euro zu Buche. Das ist fair für ein Werkzeug dieser Qualität – aber es ist eine Hürde, die viele Anfänger abschreckt. Auf der Habenseite: keine “Pro”-Version, kein Abo, keine künstliche Verknappung. Du zahlst einmal, du bekommst alles.

Kein klassisches User-Frontend. Kirby ist primär ein redaktionelles CMS. Wer ein Forum, einen Shop oder eine User-generierte Plattform aufbauen will, wird sich anderswo umsehen. Es gibt zwar Plugins für Shops (etwa Shopkit), aber WooCommerce-Klone sind das nicht.

Der Stolperstein “manuelle Sortierung”. Kirby nummeriert Seiten standardmäßig per Ordner-Prefix (1_meine-seite, 2_naechste-seite). Das ist mächtig, aber wer es nicht verstanden hat, wundert sich, warum neue Artikel plötzlich am Ende der Liste auftauchen. Solche kleinen “Kirby-Eigenheiten” gibt es einige – und sie sind der Grund, warum man sich die Dokumentation tatsächlich durchlesen sollte.

Hosting-Anforderungen. Kirby braucht einen Server, auf dem du Dateien schreiben kannst, idealerweise mit SSH-Zugang. Auf billigen Shared-Hostern mit dem WordPress-Klick-Installer wirst du nicht weit kommen. Ein günstiger VPS oder ein hochwertiger Managed-Host (etwa Uberspace oder Mittwald) ist die richtige Umgebung.

Wer profitiert wirklich von Kirby?

Kirby ist das richtige Werkzeug für:

  • Freelancer und kleine Agenturen, die ihren Kunden saubere, wartbare Websites bauen wollen, ohne dafür ein Plugin-Imperium pflegen zu müssen.

  • Designer mit Code-Affinität, die das Aussehen ihrer Seite zu hundert Prozent kontrollieren möchten und nicht gegen vorgefertigte Themes kämpfen wollen.

  • Entwickler, die Inhalte versionieren wollen – die Kombination aus Kirby und Git ist für Dokumentations-Sites und technische Blogs schwer zu schlagen.

  • Menschen, die ihrer Website ein langes Leben wünschen. Kirby-Sites altern erstaunlich gut. Ein Update ist meistens unspektakulär, weil das System so wenig Magie macht.

Es ist nicht das richtige Werkzeug für:

  • Komplette Programmier-Anfänger, die “einfach mal eine Website” wollen.

  • Projekte, die in zwei Stunden online sein müssen, ohne dass jemand Hand anlegt.

  • Stark community- oder commerce-getriebene Plattformen.

Eine kurze Anekdote zum Schluss

Wer einmal eine Kirby-Site aufgesetzt hat und dann zu WordPress zurückkehrt, erlebt einen kleinen kulturellen Schock. Plötzlich fragt man sich, warum man zwölf Plugins braucht, um das zu tun, was bei Kirby in einer Blueprint-Zeile steht. Warum ein einfaches Datumsfeld eine Datenbank-Migration auslöst. Warum man im Backend zwischen drei verschiedenen “What’s New”-Bannern hin und her klickt, bevor man tatsächlich an Inhalte kommt.

Kirby fühlt sich an wie ein gut geschnittener Mantel. Er ist nicht für jeden, er kostet etwas, und du musst wissen, was du willst. Aber wenn er passt, willst du keinen anderen mehr.

Fazit

Kirby 5 ist kein Massenprodukt. Es ist eine Einladung, das CMS-Spiel etwas ernster zu nehmen – ein bisschen mehr lesen, ein bisschen mehr verstehen, ein bisschen mehr selbst gestalten. Wer diese Einladung annimmt, bekommt ein Werkzeug, das schnell, elegant, ehrlich und langlebig ist. Eines, das nicht versucht, alles für jeden zu sein, und dadurch für die richtigen Menschen alles wird, was sie brauchen.

Es ist das CMS für Leute, die das Wort “Eleganz” nicht peinlich finden. Und davon, ehrlich gesagt, gibt es zu wenige im modernen Web.

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