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AfD

Die Experten, die an ihrer eigenen Expertise scheitern

AfD-Mandatsträger im Faktencheck – wenn der akademische Titel nicht deckt, was er verspricht.

Zahlreiche AfD-Politiker treten mit akademischen Titeln und selbst reklamierter „Kernkompetenz” auf – als Fachleute für Klima, Energie, Inneres, Gesundheit, Wirtschaft oder Bildung. Diese Reihe stellt die Selbstzuschreibung auf die Probe: Pro Person ein dokumentierter, nachprüfbarer Fall – die konkrete Aussage im Originalton, daneben die belegte Faktenlage. Kein Rundumschlag, keine Ferndiagnose. Es geht nicht um die überzeugten Anhänger, sondern um die stillen Mitleser, die sich fragen: Hält das, was da mit Doktortitel behauptet wird, einer Prüfung stand?

Das wiederkehrende Muster: Entweder wird ein Titel aus einem Feld als Autorität in einem ganz anderen ausgegeben – oder, noch bemerkenswerter, jemand bekämpft ausgerechnet das eigene Fach. In einem Fall ersetzt der Titel die Aussage sogar ganz.


1 – Der Ökologe gegen sein eigenes Fach: Prof. Dr. Ingo Hahn

Prof. Dr. Ingo Hahn beansprucht beim Klima die wissenschaftliche Deutungshoheit – und vertritt ausgerechnet den ältesten Fehlschluss der Debatte.

Dass die Erde sich erwärmt und dass der Mensch die entscheidende Ursache ist, gehört zum gesicherten Bestand der Wissenschaft. Der Weltklimarat (IPCC) bezeichnet den menschlichen Einfluss auf das Klima als „eindeutig”.1 Das ist der Ausgangspunkt – und an ihm lässt sich messen, was jemand dazu sagt, der sich selbst als wissenschaftliche Instanz präsentiert.

Prof. Dr. Ingo Hahn ist kein Hinterbänkler. Habilitierter Landschaftsökologe, bis zu seinem Wechsel in den Bundestag Professor für Geographie, Geoökologie und Kartographie an der Hochschule München, in der AfD umwelt-, klima- und wissenschaftspolitischer Sprecher.2 Wer so auftritt, beansprucht die Autorität gerade dort, wo es um Fakten geht.

Umso bemerkenswerter ist, was er mit dieser Autorität vertritt. Im Bundestag begründete seine Fraktion im April 2026, die deutschen CO₂-Emissionen seien „im weltweiten Maßstab zu vernachlässigen” – mit dem Argument, das Weltklima sei ohnehin von Natur aus nicht konstant.3 In einem Fraktionsvideo vom März 2026 kündigte Hahn an, den „Irrsinn des Weltklimarats” aufzuzeigen.4 Im bayerischen Landtag sprach er von einem Klima-Alarmismus, der die Gesellschaft infiziert habe.5

Hier versagt das reklamierte Expertenwissen gleich zweifach.

Erstens ist „das Klima hat sich immer schon natürlich verändert” der älteste Fehlschluss der Klimadebatte. Dass es frühere, natürliche Schwankungen gab, widerlegt nicht, dass die heutige, ungewöhnlich rasche Erwärmung menschengemacht ist – beides schließt sich nicht aus. Genau diese Zuordnung – in der Fachsprache: Attribution – ist der Kern der Klimaforschung, und sie ist belastbar.

Zweitens, und das ist das eigentlich Erstaunliche, trägt diesen Fehlschluss ein Landschaftsökologe vor. Die Landschaftsökologie untersucht, wie Ökosysteme auf Klimaveränderungen reagieren; sie setzt den Klimawandel als Forschungsgegenstand voraus. Ein Fachmann argumentiert hier gegen den Konsens seines eigenen Feldes.

Und das „vernachlässigbar”-Argument? Es blendet aus, dass Deutschland historisch zu den größten Verursachern von CO₂ gehört und pro Kopf deutlich über dem weltweiten Durchschnitt liegt.6 Nach dieser Logik wäre ohnehin nie ein einzelnes Land verantwortlich – ein bequemer Zirkelschluss, der jede Verantwortung ins Nirgendwo verschiebt.

Über Tempo, Kosten und Instrumente der Klimapolitik lässt sich hart streiten – das ist legitim und nötig. Was hier geschieht, ist etwas anderes: Einer wissenschaftlich unhaltbaren Grundthese wird das Gewicht eines Professorentitels geliehen. Genau diesem Muster geht die Reihe nach – der Titel als Requisite, während die Aussage dem eigenen Fach widerspricht.


2 – Der Regelungstechniker und der Blackout, der nicht kam: Prof. Dr.-Ing. Michael Kaufmann

Prof. Dr.-Ing. Michael Kaufmann sagt den Zusammenbruch der Stromversorgung voraus – ausgerechnet die Netzbetreiber in seinem eigenen Fachgebiet widersprechen ihm.

Im Dezember 2024 und Januar 2025 durchlief Deutschland mehrere „Dunkelflauten” – Phasen, in denen kaum Wind wehte und wenig Sonne schien. Die Strompreise an der Börse schossen zeitweise nach oben. Was nicht geschah: ein Blackout. Die zuständige Aufsicht, die Bundesnetzagentur, fasste es nüchtern zusammen – ein Stromausfall drohe nicht.7 Das ist der Ausgangspunkt, an dem sich messen lässt, was ein AfD-Abgeordneter dazu sagt, der sich als technischer Fachmann versteht.

Prof. Dr.-Ing. habil. Michael Kaufmann ist genau das. Habilitierter Ingenieur, seit 2010 Professor für Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, in der AfD energie- und forschungspolitischer Sprecher.8 Seine Partei präsentiert ihn als den „gelernten Energietechniker”, der kopfschüttelnd auf eine „irrationale” Energiepolitik blicke.9 Wer so auftritt, beansprucht die technische Deutungshoheit.

Und die setzt er ein. Auf seiner eigenen Seite erklärt Kaufmann, die Energiewende sei „gescheitert” und gefährde die „sichere Stromversorgung”.10 Als die Bundesnetzagentur einen Netzstresstest vorlegte, dessen Ergebnisse nicht ins Bild passten, warf er ihr im Dezember 2024 vor, unter „Verdacht der Manipulation” zu stehen.11

Hier versagt das reklamierte Expertenwissen – und zwar auf besonders auffällige Weise.

Die Stabilität eines Stromnetzes, das Ausregeln von Last und Erzeugung in Echtzeit, ist Regelungstechnik – Kaufmanns eigenes Lehrgebiet. Genau in diesem Feld sagt die zuständige technische Instanz das Gegenteil dessen, was er behauptet: Die Dunkelflauten wurden ohne Versorgungsausfall überstanden, das Netz blieb stabil. Ein Professor der Regelungstechnik prognostiziert den Kollaps eines Systems, dessen Regler – die Netzbetreiber – ihn nicht kommen sehen.

Und der Umgang mit dem Gegenbeleg ist verräterisch. Als die Zahlen der Bundesnetzagentur nicht zur These vom drohenden Blackout passten, wurde nicht die These korrigiert, sondern die Behörde verdächtigt. Das ist kein wissenschaftliches Vorgehen, sondern dessen Umkehrung: Wenn die Daten stören, wird die Datenquelle diskreditiert.

Fair bleibt festzuhalten: Die Preisausschläge im Dezember 2024 waren real, und über die richtige Reserve- und Kraftwerksstrategie lässt sich seriös streiten – das tun Fachleute auch.12 Aber „reale Preisspitzen an einzelnen Stunden” und „die sichere Versorgung ist gefährdet” sind zwei verschiedene Aussagen. Die erste stimmt. Die zweite, die Kaufmann vertritt, deckt sich nicht mit dem, was in seinem eigenen Fach passiert ist.

Über Kosten, Tempo und Kraftwerksmix der Energiewende kann man hart ringen. Was hier geschieht, ist etwas anderes: Ein Ingenieurtitel wird als Siegel unter eine Prognose gesetzt, die die Praxis widerlegt – und wenn die Praxis widerspricht, gerät sie unter Manipulationsverdacht. Auch das ist das Muster dieser Reihe: der Titel als Requisite, während die Aussage der Realität des eigenen Fachs zuwiderläuft.


3 – Der Physiker, der die Kontrollvariablen vergisst: Dr. Gottfried Curio

Dr. Gottfried Curio führt die Polizeiliche Kriminalstatistik ins Feld, als spräche sie für sich. Ausgerechnet als Naturwissenschaftler müsste er es besser wissen.

Einmal im Jahr veröffentlicht das Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Sie ist ein wertvolles Instrument – aber sie misst nicht, was viele meinen. Sie erfasst Tatverdächtige, nicht Verurteilte, und zählt Fälle auch dann, wenn die Ermittlung später eingestellt wird. Fachleute – bis hin zum ifo-Institut – warnen deshalb: Rohzahlen ohne Kontrolle sozialer und demografischer Faktoren sind irreführend.13 Das ist der Ausgangspunkt, an dem sich messen lässt, wie jemand mit diesen Zahlen umgeht, der sich als nüchterner Analytiker versteht.

Dr. Gottfried Curio bringt dafür beste Voraussetzungen mit – zumindest formal. Er ist promovierter, habilitierter Physiker, war in Forschung und Lehre tätig, bevor er für die AfD in den Bundestag einzog, wo er innenpolitischer Sprecher ist.14 Ein Physiker weiß, wie man mit Daten umgeht: Man kontrolliert Störgrößen, trennt Korrelation von Kausalität, misstraut nackten Zahlen ohne Bezugsgröße.

Umso auffälliger, was er mit der PKS macht. Im Bundestag erklärte er im September 2025, die Statistik weise Ausländer „weit überproportional” als Täter aus, und warf der Politik vor, das Land „zur Sozialplünderung” freigegeben zu haben.15 In einer Mitteilung zur PKS zog er den Schluss, Ausländer seien „noch stärker als bisher überproportional vertreten”.16 Die Zahl steht – die Deutung, die er ihr unterlegt, hält der Prüfung nicht stand.

Und hier versagt das reklamierte Expertenwissen, an genau der Stelle, an der ein Physiker eigentlich hellwach sein müsste.

Erstens die Bezugsgröße. Die zugewanderte Bevölkerung ist im Schnitt deutlich jünger und männlicher als die deutsche – und junge Männer sind in jeder Bevölkerungsgruppe die kriminalitätsbelastetste Gruppe. Rechnet man Alter und Geschlecht heraus, schrumpft der Abstand erheblich. Das ist keine Ausrede, sondern schlicht das Kontrollieren einer Störgröße – Grundhandwerk jeder empirischen Wissenschaft.

Zweitens ein statistischer Kunstfehler im Zähler selbst. Bestimmte Delikte – Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht – können nur von Nichtdeutschen begangen werden. Sie fließen in die „Ausländerkriminalität” ein und heben deren Anteil rein rechnerisch, ohne dass ein Deutscher dieselbe Tat überhaupt begehen könnte. Wer diese Delikte nicht herausrechnet, vergleicht Ungleiches.

Drittens die selektive Lesart. Als AfD-Abgeordnete im November 2025 einen Anstieg bei bestimmten Straftaten allein der Migration zuschrieben, ließen sie aus, dass zwischenzeitliche Änderungen im Strafrecht die Zahlen verzerrt hatten.17 Eine Kennzahl steigt eben nicht nur, wenn mehr passiert – sondern auch, wenn mehr erfasst wird.

All das ist einem Naturwissenschaftler nicht fremd; es ist sein Metier. Die Überrepräsentation in der Rohstatistik zu nennen, ist zulässig. Sie als Beweis einer angeborenen Kriminalität einer Herkunftsgruppe zu präsentieren, ist der klassische Fehlschluss vom unbereinigten Rohwert – der Fehler, gegen den jede naturwissenschaftliche Ausbildung immunisieren soll.

Über Migrations- und Sicherheitspolitik lässt sich hart streiten, mit echten Zahlen und in beide Richtungen. Was Curio tut, ist etwas anderes: Er verleiht einer methodisch unsauberen Deutung das Gewicht des Naturwissenschaftlers. Auch das ist das Muster dieser Reihe – der Titel als Requisite, während die Aussage dem widerspricht, was das eigene Fach an Sorgfalt verlangt.


4 – Die Zahnärztin und der Zweifel als Methode: Dr. Christina Baum

Dr. Christina Baum legt als „Gesundheitsexpertin” Zusammenhänge zwischen Corona-Impfung und Krebs nahe. Was sie betreibt, ist nicht Aufklärung, sondern das Fabrizieren von Zweifel.

Die mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19 durchliefen große klinische Studien, sind von den Zulassungsbehörden weltweit als sicher bewertet und haben nach Schätzungen Millionen Leben gerettet. Für einen Zusammenhang mit Krebs gibt es keine belastbaren Hinweise – im Gegenteil deuten manche Arbeiten sogar auf mögliche günstige Effekte hin.18 Das ist der Stand der Wissenschaft, an dem sich messen lässt, was jemand dazu sagt, der sich als medizinische Instanz präsentiert.

Dr. Christina Baum ist Zahnärztin – Dr. med. dent., Diplom-Stomatologin, viele Jahre in eigener Praxis.19 In der AfD tritt sie als gesundheitspolitische Stimme auf, ihr Umfeld nennt sie „Gesundheitsexpertin”. Ihre klinische Ausbildung liegt allerdings in der Zahnmedizin – nicht in Onkologie, Immunologie oder Hämatologie, den Feldern, in denen sie sich äußert.

Und sie äußert sich weitreichend. In einer Mitteilung vom Juni 2026 verknüpfte sie steigende Krebszahlen bei jüngeren Menschen mit den mRNA-Impfungen und forderte, „den Elefanten im Raum beim Namen zu nennen”.20 Bereits 2023 schürte sie die Sorge, über Blutspenden Geimpfter könnten Spike-Proteine übertragen werden – woraufhin Menschen „gerichtete Spenden” von ungeimpften Verwandten verlangten.21

Hier versagt der reklamierte Sachverstand – und zwar an einem Prinzip, das im Zentrum jeder medizinischen Ausbildung steht.

Der Krebs-Fall zuerst. Dass die Krebsinzidenz bei jungen Menschen steigt und noch nicht vollständig erklärt ist, stimmt – und wird erforscht. Doch die Studie, auf die sich Baum beruft, bringt die Impfung mit keinem Wort ins Spiel. Sie pfropft die Impf-Hypothese von außen auf einen offenen Befund. Das ist der klassische Fehlschluss cum hoc ergo propter hoc: Zwei Dinge treten zeitlich zusammen auf, also müsse das eine das andere verursachen. Genau davor soll evidenzbasierte Medizin schützen.

Der Blut-Fall zeigt dieselbe Technik. Baum entlockte dem Ministerium die Formulierung, eine Übertragung sei „nicht völlig ausgeschlossen” – und machte daraus eine Gefahr. Aber „nicht völlig ausgeschlossen” ist kein Nachweis eines Risikos, sondern die vorsichtige Standardsprache von Behörden, die selten etwas zu hundert Prozent verneinen. Einen dokumentierten Schaden durch Blut geimpfter Spender gibt es nicht; die Transfusionsmedizin hält dieses Blut für sicher. Aus der Abwesenheit eines Beweises einen Verdacht zu bauen, ist die Umkehrung wissenschaftlichen Denkens.

Das ist das eigentlich Bemerkenswerte: Als approbierte Medizinerin müsste Baum wissen, dass zeitliches Zusammentreffen keine Ursache belegt und dass fehlende Widerlegung kein Beleg ist. Sie kehrt beide Grundsätze um – und verleiht dem so erzeugten Zweifel das Gewicht ihres Doktortitels.

Fair bleibt: Steigende Krebszahlen bei Jungen sind ein echtes Thema, und Impfnebenwirkungen gehören seriös erfasst – das tun Pharmakovigilanz-Systeme auch. Aber „offene Forschungsfrage” und „die Impfung verursacht Krebs” sind zwei verschiedene Aussagen. Baum legt die zweite nahe, während die Faktenlage nur die erste hergibt.

Über Impfpolitik, Aufarbeitung und Risikokommunikation lässt sich streiten. Was hier geschieht, ist etwas anderes: Ein medizinischer Titel wird zum Siegel unter eine Andeutung, die der Methode des eigenen Fachs widerspricht. Auch das ist das Muster dieser Reihe – der Titel als Requisite, während die Aussage dem widerspricht, was das eigene Fach an Beweisführung verlangt.


5 – Die Ökonomin gegen die Ökonomie: Dr. Alice Weidel

Dr. Alice Weidel ist die am besten ausgebildete Volkswirtin dieser Reihe. Genau deshalb ist bemerkenswert, dass sie ein Programm vertritt, das ihr eigenes Fach als Selbstschädigung ausweist.

Deutschland ist eine tief in den EU-Binnenmarkt verflochtene Exportnation. Ein Austritt – der von der AfD geforderte „Dexit” – würde nach breiter Einschätzung der Ökonomie erhebliche Schäden verursachen. Das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert sie auf rund 690 Milliarden Euro Wertschöpfung und etwa 2,5 Millionen Arbeitsplätze; Studienleiter Hubertus Bardt nennt den Brexit „kein nachahmenswertes Unterfangen”.22 Das ist der fachliche Ausgangspunkt, an dem sich messen lässt, was eine Ökonomin dazu sagt.

Und Alice Weidel ist eine – und zwar eine mit echten Belegen. Diplom-Volkswirtin und Diplom-Kauffrau, 2011 in Bayreuth magna cum laude zur Dr. rer. pol. promoviert, danach unter anderem bei Goldman Sachs und Allianz Global Investors.23 Anders als bei manchem Parteifreund ist ihr Titel unstrittig; ein Plagiatsverfahren endete 2023 ohne Befund. Wer Wirtschaftskompetenz reklamieren kann, ist sie.

Umso auffälliger, was sie mit dieser Kompetenz vertritt. Im Januar 2024 bezeichnete Weidel den Brexit gegenüber der Financial Times als „Modell für Deutschland” und warb für ein Dexit-Referendum.24 Dem Euro sagte sie zugleich den Untergang voraus – er werde „abgewickelt werden”, die Deutschen zahlten „mit dem gesamten Volksvermögen”.25

Hier versagt das reklamierte Expertenwissen – nicht, weil sie nichts könnte, sondern weil sie die Autorität der Ökonomin gegen die belastbarsten Befunde ihres Fachs stellt.

Dass die Auflösung enger Handelsintegration eine Exportnation teuer zu stehen kommt, gehört zum ökonomischen Grundwissen – Gravitationsmodelle des Handels, die Abhängigkeit deutscher Wertschöpfungsketten vom Binnenmarkt. Eine promovierte Volkswirtin kennt das. Der Dexit ist deshalb keine gewagte, aber vertretbare Außenseiterposition, sondern läuft dem starken Konsens ihres eigenen Fachs zuwider – quantifizierbar.

Und die Widersprüche liegen im eigenen Programm. Weidel räumt selbst ein, ein Euro-Austritt sei heute zu spät, weil der Schaden zu groß wäre25 – bewirbt aber weiter den Ausstieg aus der EU. Das Wirtschaftsprogramm ihrer Partei verspricht zugleich kräftige Steuersenkungen und höhere Ausgaben26 – eine Rechnung, die eine Kauffrau nicht aufgehen sieht. Wer den Schaden des Ausstiegs kennt und ihn dennoch bewirbt, argumentiert nicht als Ökonomin, sondern gegen sie.

Fair bleibt festzuhalten: Nicht alles an Weidels Wirtschaftspositionen ist widerlegbar. Über Steuerlast, Bürokratie, Mindestlohn oder Deregulierung lässt sich ökonomisch seriös streiten, und marktliberale Fachleute teilen manche ihrer Ansichten. Das Dexit-Vorhaben aber gehört nicht in diese Kategorie der offenen Debatte – es steht gegen den quantifizierten Konsens, und Weidel weiß es, wie ihr eigenes Euro-Eingeständnis zeigt.

Das ist das eigentlich Bemerkenswerte an ihr: Sie hat die stärksten fachlichen Referenzen dieser Reihe – und stellt sie in den Dienst einer Politik, die ihr eigenes Fach als schädlich ausweist. Auch das ist das Muster – der Titel als Requisite, nur dass die Requisite hier besonders echt ist und der Widerspruch dadurch umso greller.


6 – Der Geograph, der Grenzen für verhandelbar hält: Dr. Rainer Rothfuß

Dr. Rainer Rothfuß soll den AfD-Nachwuchs staatsbürgerlich bilden und für Menschenrechte sprechen. Als politischer Geograph vertritt er ausgerechnet die Vorstellung, die sein Fach im Kern verneint: dass Grenzen mit Gewalt verschoben werden dürfen.

Die grundlegendste Norm der internationalen Ordnung lautet: Staatsgrenzen dürfen nicht durch Gewalt verändert werden. Russlands Annexion der Krim 2014 und der Überfall auf die Ukraine 2022 brachen sie – die UN-Generalversammlung verurteilte beides mit großer Mehrheit als Verletzung der territorialen Integrität.27 Das ist der Ausgangspunkt, an dem sich messen lässt, was ein promovierter politischer Geograph dazu sagt.

Und Dr. Rainer Rothfuß ist genau das. Diplom-Geograph, von 2009 bis 2015 Juniorprofessor für Politische Geographie und Entwicklungsforschung an der Universität Tübingen, einst Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.28 In der AfD sitzt er im Kuratorium der Desiderius-Erasmus-Stiftung – also jener Parteistiftung, deren Kernanliegen die staatsbürgerliche Bildung ist – und ist menschenrechtspolitischer Sprecher der Fraktion. Er nennt sich „Geopolitik-Analyst”.

Umso bemerkenswerter, was er mit dieser Autorität verbreitet. Kurz nach dem russischen Überfall erklärte Rothfuß im russischen Staatsfernsehen, der Westen müsse verstehen, dass „Russlands geopolitische Interessen ignoriert wurden” und der Staat nun aufstehe, um seine Sicherheit zu schützen; die Annexion der Krim rechtfertigte er.29 Auf einschlägigen Kanälen deutete er den Krieg als jahrzehntelang vorbereiteten Sabotageakt „globalistischer Eliten”, der die EU-Staaten zu „Vasallen” der USA machen solle.30

Hier versagt das reklamierte Expertenwissen an den Grundbegriffen des eigenen Fachs.

Politische Geographie handelt von Territorium, Souveränität und Grenzen. Ihr Kern ist die Einsicht, dass Staaten – auch kleine – eigene Subjekte sind, nicht Verfügungsmasse großer Nachbarn. Genau das kehrt Rothfuß um: Das „Interessen-” und „Einflusssphären”-Denken, mit dem er den Überfall erklärt, spricht der Ukraine das Recht ab, ihre Bündnisse selbst zu wählen – es behandelt sie als Objekt russischer Sicherheit. Diese Denkfigur zu kritisieren gehört zum Handwerk seines Fachs; er macht sie sich zu eigen.

Fair bleibt: Dass die NATO-Osterweiterung zu den Spannungen beitrug, ist eine These, die auch seriöse Realisten in der Politikwissenschaft vertreten – darüber kann man streiten. Aber zwischen „Osterweiterung war ein Faktor” und „die Annexion war gerechtfertigt” liegt eine Welt. Das Erste ist Debatte. Das Zweite ist die Rechtfertigung eines Rechtsbruchs – und die Erzählung vom „jahrzehntelang vorbereiteten” Komplott „globalistischer Eliten” ist keine geopolitische Analyse, sondern Verschwörungsmythos.

Das eigentlich Groteske ist die Rollenkombination. Der Mann, der den Nachwuchs staatsbürgerlich bilden und für Menschenrechte sprechen soll, verbreitet die Deutung eines Angriffskriegs – und tut es bevorzugt auf kremlnahen und verschwörungsideologischen Sendern. Wer so den Begriff der Souveränität aushöhlt, kann schwerlich lehren, was ihn schützt.


7 – Die Philosophie als Kostüm: Dr. Marc Jongen

Dr. Marc Jongen tritt als „Vordenker” der AfD auf. Die Fachwelt hält das, was er liefert, für Parteiprogramm im Philosophen-Gewand.

Dieser Fall liegt anders als die bisherigen. Bei einem Klima- oder Statistikwert lässt sich ein Fehler schwarz auf weiß belegen. Eine philosophische Haltung lässt sich nicht „widerlegen” wie eine Zahl. Prüfen lässt sich aber, ob jemand, der die Autorität des Denkers beansprucht, auch Denken liefert – oder nur dessen Kostüm. Und dafür gibt es Maßstäbe: Argument, Genauigkeit, die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Gegenargument.

Dr. Marc Jongen bringt die Kulisse mit. Promoviert bei Peter Sloterdijk, jahrelang akademischer Mitarbeiter für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, in der AfD als „Parteiphilosoph”, „Chefideologe”, „Vordenker” gehandelt, inzwischen Europaabgeordneter.31 Kein anderer AfD-Politiker reklamiert so explizit die intellektuelle Deutungshoheit.

Umso ernüchternder das Urteil derer, die es beurteilen können. Als Jongen 2017 am Hannah Arendt Center des Bard College über Populismus sprach, nannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung seine Ausführungen „philosophisch dürftig”; die Zeit verglich sie mit einer „Bierzeltrede”, die im Kern nur aus politisch-agitatorischen Behauptungen bestehe, wie sie sich auch im AfD-Programm fänden.32 Nicht linke Gegner, sondern das Feuilleton des eigenen Kulturbetriebs.

Hier zeigt sich, was das reklamierte Expertenwissen wert ist: Es dient als Verpackung, nicht als Methode.

Jongens Markenkern ist die Übertragung eines Sloterdijk-Begriffs – des Thymos, der Zorn-Energie – auf die Politik: Deutschland leide an einem „Zorn-Defizit”, das die AfD zu mobilisieren habe. Was als tiefsinnige Kulturdiagnose auftritt, ist bei Licht besehen eine Bewirtschaftung von Wut mit akademischem Etikett. Der Titel liefert die Aura, das Argument bleibt aus.

Ein konkreter Punkt lässt sich sogar sachlich festmachen. Auf Nachfrage, ob ihm bewusst sei, dass er mit Carl Schmitt einen Nazi-Juristen zitiere, erklärte Jongen, er zitiere ihn „als scharfzüngigen Intellektuellen, nicht als kompromittierten Nazi”.33 Das ist keine Deutungsfrage: Schmitt trat 1933 in die NSDAP ein, wurde zum „Kronjuristen” des Regimes und verfasste antisemitische Schriften.34 Diese Rolle als Randnotiz abzutun, ist für einen Philosophen keine Nonchalance, sondern eine Verharmlosung – und sie ist überprüfbar falsch.

Fair bleibt festzuhalten: Jongens akademische Qualifikation ist echt, und provozierende, auch rechte Philosophie ist völlig legitim – Denken darf unbequem sein. Der Einwand richtet sich nicht gegen seine politische Richtung, sondern gegen die Lücke zwischen Anspruch und Substanz. Wer als „Vordenker” auftritt, muss sich am Maßstab des Denkens messen lassen, nicht an dem der Parteitagsrede.

Damit fügt sich Jongen ins Muster dieser Reihe, nur in einer eigenen Variante. Bei den anderen widersprach die Aussage dem eigenen Fach. Bei ihm ersetzt das Fach-Etikett die Aussage: Der Doktortitel ist da, das Argument, das er tragen soll, fehlt. Auch das ist der Titel als Requisite – hier in Reinform.


8 – Der Ingenieur, der den Wirkungsgrad verschweigt: Dr.-Ing. Dirk Spaniel

Dr.-Ing. Dirk Spaniel sagt, das E-Auto verlagere die Emissionen bloß. Als Antriebsingenieur lässt er dabei die entscheidende Größe seines eigenen Fachs weg.

Über den gesamten Lebensweg – von der Produktion bis zur Verschrottung – stößt ein Elektroauto in Europa deutlich weniger CO₂ aus als ein vergleichbarer Verbrenner. Das Umweltbundesamt errechnete für Neuwagen einen Klimavorteil von rund 40 Prozent, europäische Lebenszyklus-Analysen kommen auf 30 Prozent der Verbrenner-Emissionen, also gut 60 Prozent weniger.35 Das ist der Ausgangspunkt, an dem sich messen lässt, was ein promovierter Ingenieur dazu sagt.

Dr.-Ing. Dirk Spaniel ist genau das: promovierter Ingenieur, jahrelang in der Fahrzeugentwicklung bei Daimler, in der AfD verkehrspolitischer Sprecher.36 Kein anderer in der Fraktion beansprucht die technische Deutungshoheit beim Auto so unmittelbar – er hat es gebaut.

Umso auffälliger, was er mit dieser Autorität vertritt. Die Elektromobilität sei „nichts anderes als die Rückkehr zum Pferd”, erklärte er.37 Und im Kern immer wieder dasselbe Argument: „Die Null-Emission ist eine Illusion, weil der Strommix von fossilen Energien geprägt ist. Die Emissionen verlagern sich nur.”38

Hier versagt das reklamierte Expertenwissen – an der Größe, die ein Antriebsingenieur als Erstes nennen müsste.

Der entscheidende Punkt heißt Wirkungsgrad. Ein Elektroantrieb setzt rund 80 Prozent der zugeführten Energie in Bewegung um, ein Verbrennungsmotor nur etwa 30.39 Selbst wenn der Strom in einem fossilen Kraftwerk erzeugt wird (Wirkungsgrad ca. 37 Prozent), ergibt die Kette Kraftwerk-plus-E-Antrieb ungefähr denselben Wert wie der Verbrenner – und das ist der ungünstigste Fall. Der reale Strommix ist längst nicht rein fossil und wird jedes Jahr sauberer. Genau deshalb „verlagern” sich die Emissionen eben nicht nur, sondern sinken über den Lebensweg deutlich.

Wer das „Emissionen verlagern sich nur” behauptet und dabei den Wirkungsgrad weglässt, macht denselben Fehler, als würde ein Arzt eine Dosis ohne die Menge angeben. Es ist die eine Zahl, um die es geht – und sie fehlt.

Fair bleibt festzuhalten: Ein Kern von Spaniels Kritik stimmt. Ein E-Auto ist auf dem heutigen Netz nicht wörtlich „emissionsfrei”, die Batterieproduktion ist CO₂-intensiv, und die Rohstofffrage – Stichwort Kobalt – ist real und unbequem. Das offen zu benennen, ist berechtigt. Aber zwischen „nicht null” und „kein Vorteil” liegt die gesamte Lebenszyklus-Bilanz – und die fällt klar zugunsten des E-Autos aus. Spaniel springt von der ersten, richtigen Feststellung zur zweiten, falschen.

Über Förderpolitik, Technologieoffenheit und Tempo der Verkehrswende lässt sich seriös streiten. Was hier geschieht, ist etwas anderes: Ein Ingenieurtitel wird unter eine Aussage gesetzt, die eine grundlegende Ingenieursgröße unterschlägt. Auch das ist das Muster dieser Reihe – der Titel als Requisite, während die Aussage dem widerspricht, was das eigene Fach im Kern weiß.


9 – Der Chemiker, der den Treibhauseffekt leugnet: Dr. Rainer Kraft

Dr. Rainer Kraft ist promovierter Chemiker und Klimasprecher der AfD. Er bestreitet die Existenz eines Effekts, den sein eigenes Fach seit über 160 Jahren misst.

Der Treibhauseffekt ist gesicherte physikalische Chemie. CO₂-Moleküle nehmen Infrarotstrahlung auf und geben sie wieder ab – ein Vorgang, den John Tyndall bereits 1859 im Labor maß und Svante Arrhenius 1896 quantifizierte. Ohne diesen Effekt läge die mittlere Temperatur der Erde nicht bei rund 15, sondern bei etwa minus 18 Grad; er ist auch der Grund, warum die Venus mit ihrer CO₂-Atmosphäre glühend heiß ist.40 Das ist der Ausgangspunkt, an dem sich messen lässt, was ein promovierter Chemiker dazu sagt.

Dr. Rainer Kraft bringt die Ausbildung mit. Diplom-Chemiker (LMU München), promoviert in anorganischer Chemie in Münster, danach jahrelang im Chemieanlagenbau tätig, in der AfD klimapolitischer Sprecher und Mitglied im Umwelt- und Klimaausschuss.41 Kaum jemand könnte die Grundlagen besser kennen.

Umso bemerkenswerter, was er sagt. In einem Interview mit dem Magazin Kontraste bestritt Kraft nicht nur die erwärmende Wirkung von CO₂, sondern den Treibhauseffekt überhaupt. Er wisse nicht, „welcher Effekt das sein soll, dass CO₂ zur Erwärmung beiträgt”; auf die Feststellung, CO₂ sei ein Treibhausgas, antwortete er: „Einen Treibhauseffekt gibt es nicht” – und bestätigte das auf Nachfrage erneut.42

Hier versagt das reklamierte Expertenwissen so grundlegend wie in keinem anderen Fall dieser Reihe.

Es geht nämlich nicht um eine strittige Detailfrage. Wie stark CO₂ erwärmt, wie Rückkopplungen wirken, wie empfindlich das Klima reagiert – darüber wird in der Wissenschaft seriös gerungen. Aber ob es den Treibhauseffekt gibt, ist keine Streitfrage. Die Infrarot-Absorption von CO₂ ist Spektroskopie aus dem Grundstudium; ein Chemiker misst so etwas im Praktikum. Die Existenz des Effekts zu leugnen ist, als bestritte ein Chemiker, dass Säuren und Basen miteinander reagieren. Es ist keine gewagte These, sondern das Bestreiten des Lehrbuchs.

Fair bleibt festzuhalten, was tatsächlich zutrifft: CO₂ ist lebensnotwendig, und ein höherer CO₂-Gehalt hat regional zu einem „Ergrünen” beigetragen – das stimmt und wird von der AfD gern zitiert. Nur rettet es die Aussage nicht. Denn aus „CO₂ ist nicht per se schädlich” folgt nicht „es gibt keinen Treibhauseffekt”. Das eine ist richtig, das andere ist physikalisch falsch – und Kraft behauptet das Zweite.

Über Klimapolitik, Kosten und Kernkraft lässt sich hart streiten, und die AfD tut es. Was hier geschieht, ist etwas anderes: Ein Chemie-Doktortitel wird unter die Leugnung eines Effekts gesetzt, den die Chemie seit dem 19. Jahrhundert im Labor vorführt. Das ist die Reinform des Musters dieser Reihe – nicht bloß gegen den Konsens des eigenen Fachs, sondern gegen dessen Lehrbuch.


10 – Der Rechtsexperte und das Titelrecht: Gunnar Beck

Gunnar Beck gilt als der EU-Rechtsexperte der AfD. Beim Führen seiner eigenen Titel scheiterte er an einer denkbar klaren Rechtsfrage – dem deutschen Titelrecht.

In Deutschland ist das Führen akademischer und berufsbezogener Titel rechtlich geregelt. „Professor” darf sich nennen, wer förmlich berufen wurde; „Fachanwalt” ist eine geschützte Bezeichnung, die eine deutsche Fachanwaltszulassung voraussetzt; und falsche Angaben auf der eidesstattlichen Versicherung eines Wahlvorschlags sind kein Kavaliersdelikt. Das ist die rechtliche Grundlage, an der sich messen lässt, was ein Rechtsexperte mit seinen eigenen Titeln macht.

Und Gunnar Beck ist einer. Jurist mit einem in Oxford erworbenen DPhil (also einer echten Promotion), Barrister und seit 2005 „Reader in Law” für EU-Recht an der SOAS in London, jahrelang EU-Rechtsberater der AfD, von 2019 bis 2024 Europaabgeordneter.43 Kaum jemand in der Partei beansprucht die juristische Deutungshoheit in EU-Fragen so nachdrücklich.

Umso bemerkenswerter der Umgang mit den eigenen Bezeichnungen. Zur Europawahl 2019 wurde Beck als „Prof. Dr. Gunnar Beck” und als „Fachanwalt für Europarecht” geführt. Auf die Kritik hin ließ er erklären, er habe „juristisch einwandfrei und inhaltlich richtig” gehandelt – die Übersetzung seiner britischen Funktionen sei zutreffend.44

Hier versagt das reklamierte Expertenwissen – ausgerechnet in einer glasklaren juristischen Frage.

Ein britischer „Reader” berechtigt nach deutschem Recht nicht dazu, sich „Professor” zu nennen; Beck gehört an der SOAS zum akademischen Personal, führt dort aber selbst keinen Professorentitel. Und „Fachanwalt für Europarecht” ist eine in Deutschland geschützte Bezeichnung, die er nicht innehat. Der von einem Juristen betriebene Verfassungsblog und das Fachportal LTO kamen übereinstimmend zu dem Schluss: Beck darf sich nicht Professor nennen, und auch die Fachanwalts-Angabe war unzulässig.45 Das deutlichste Eingeständnis lieferte seine eigene Partei: Die AfD strich „Prof.” und „Dr.” kurz darauf von ihrer Kandidatenseite.46

Fair bleibt festzuhalten: Becks Doktortitel ist echt, und der englische „Reader” hat tatsächlich kein sauberes deutsches Gegenstück – über die genaue Übersetzung lässt sich am Rande streiten. Aber die Fachanwalts-Angabe ist nicht Auslegungssache, und wenn selbst die eigene Partei die Titel zurückzieht, ist das kein Rauschen mehr. Es geht auch nicht um Titel-Snobismus, sondern um den Kern: Der Mann, der als juristische Autorität auftritt, verfehlte eine simple Rechtsfrage – die Regeln zum Führen von Titeln – in eigener Sache.

Über Europarecht, EuGH-Kompetenzen und die Zukunft der EU lässt sich juristisch hart und legitim streiten; Beck hat dazu durchaus beachtete Arbeiten vorgelegt. Was hier geschieht, ist etwas anderes: Ein Jurist, der die Autorität des Rechts für sich reklamiert, wendet das Recht auf den eigenen Namen falsch an. Auch das ist das Muster dieser Reihe – der Titel als Requisite, hier im wörtlichsten Sinn.


Fazit: ein Muster, zehn Mal

Zehn Mandatsträger, ein Muster: Der akademische Titel wird als Requisite eingesetzt – und die vorgetragene Aussage widerspricht dem, was das eigene Fach an Sorgfalt, Methode oder Grundnorm verlangt. Der Ökologe gegen die Klimawissenschaft, der Regelungstechniker gegen die Netzbetreiber, der Physiker gegen die Kontrollvariable, die Zahnärztin gegen die Evidenz, die Ökonomin gegen die Ökonomie, der Geograph gegen die Grenze, der Antriebsingenieur gegen den Wirkungsgrad, der Chemiker gegen das Lehrbuch, der Rechtsexperte gegen das Titelrecht – und der Philosoph, dessen Titel die Aussage gleich ganz ersetzt.

Ein Titel belegt, dass jemand etwas gelernt hat. Er belegt nicht, dass jemand es anwendet. Genau diesen Unterschied sollte man kennen, bevor man „Experte“ auf ein Podium schreibt.


Quellen und Anmerkungen


  1. IPCC, Sechster Sachstandsbericht (AR6), Beitrag der Arbeitsgruppe I, „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger”, 2021. 

  2. Biografie Ingo Hahn, Deutscher Bundestag bzw. Bayerischer Landtag; Übersicht auch bei de.wikipedia.org/wiki/Ingo_Hahn. 

  3. Deutscher Bundestag, Textarchiv, Debatte über die Wirksamkeit der Klimaschutzmaßnahmen, 16.04.2026: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw16-de-klimaschutzmassnahmen-1158204 

  4. AfD-Fraktion im Bundestag, Videobeitrag „Prof. Dr. Ingo Hahn zeigt Irrsinn des Weltklimarats (IPCC) auf!”, 05.03.2026: https://www.youtube.com/watch?v=UyBjLyeB-xE 

  5. Bayerischer Landtag, Plenarprotokoll 18. Wahlperiode, Rede Hahn zum Klimaschutzgesetz. 

  6. Kumulative und Pro-Kopf-Emissionen u. a. beim Global Carbon Project / Our World in Data. Deutschland zählt kumulativ zu den größten CO₂-Verursachern weltweit. 

  7. Bundesnetzagentur, Insight-Blog, „Dunkelflaute? Kein Grund zur Panik”: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Allgemeines/DieBundesnetzagentur/Insight/Texte/Energiewende/Dunkelflaute.html 

  8. Biografie und Ämter: Deutscher Bundestag bzw. abgeordnetenwatch.de; Fachgebiet und Professur an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. 

  9. AfD Kompakt, Porträt „Michael Kaufmann | AfD persönlich”: https://afdkompakt.de/2021/10/25/michael-kaufmann-afd-persoenlich/ 

  10. Eigene Website, kaufmann-michael.de (Startseite, Abschnitt Energie): https://kaufmann-michael.de/ 

  11. AfD-Fraktion im Bundestag, PM „Michael Kaufmann: Bundesnetzagentur unter Verdacht der Manipulation”, 06.12.2024: https://afdbundestag.de/michael-kaufmann-bundesnetzagentur-unter-verdacht-der-manipulation/ 

  12. Zum realen Preisausschlag während der Dezember-Dunkelflaute 2024 u. a. Cleanthinking, „Faktencheck zur Strompreis-Debatte und Blackout-Ängsten”, 18.12.2024. 

  13. Zu den Grenzen der PKS und zur Irreführung durch Rohzahlen u. a. CORRECTIV.Faktencheck, „Polizeiliche Kriminalstatistik: Fünf Behauptungen im Faktencheck”, 2026: https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2026/04/15/polizeiliche-kriminalstatistik-faktencheck/ ; Einordnung des ifo-Instituts referiert bei faktenfackel.de. 

  14. Biografie Gottfried Curio (promovierter/habilitierter Physiker; innenpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion): de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Curio sowie Deutscher Bundestag. 

  15. Deutscher Bundestag, Textarchiv, Aktuelle Stunde zur Migration, 10.09.2025: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw37-de-aktuelle-stunde-migration-1107752 

  16. AfD-Fraktion im Bundestag, PM Gottfried Curio zur PKS 2022, 29.03.2023: https://afdbundestag.de/gottfried-curio-regierung-schaut-zunehmender-erosion-der-inneren-sicherheit-tatenlos-zu/ 

  17. Zur verzerrenden Wirkung von Strafrechtsänderungen auf die Fallzahlen: CORRECTIV.Faktencheck (s. o.), Einordnung zu Behauptungen von November 2025. 

  18. quarks.de, „Krebs durch mRNA-Impfstoff? Keine Hinweise vorhanden”, 11.06.2026: https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/mrna-impfstoff-krebs/ 

  19. Biografie Christina Baum (Dr. med. dent., Zahnärztin, Mitglied im Gesundheitsausschuss): Deutscher Bundestag; de.wikipedia.org/wiki/Christina_Baum. 

  20. Mitteilung vom 06.06.2026, wiedergegeben u. a. bei Deutschland-Kurier, „Christina Baum (AfD) fordert Aufklärung: Krebs durch mRNA-Impfungen?”; Einordnung siehe 1

  21. AfD-Fraktion im Bundestag, PM „Christina Baum: Auch Ungeimpfte können von mRNA-Impfstoffnebenwirkungen betroffen sein”, 18.03.2023: https://afdbundestag.de/christina-baum-auch-ungeimpfte-koennen-von-mrna-impfstoffnebenwirkungen-betroffen-sein/ 

  22. Institut der deutschen Wirtschaft (IW), „Dexit würde 690 Milliarden Euro kosten”, 19.05.2024: https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/hubertus-bardt-lennart-bolwin-berthold-busch-juergen-matthes-dexit-wuerde-690-milliarden-euro-kosten.html – Das IW ist ein arbeitgebernahes, wirtschaftswissenschaftliches Institut; die grundsätzliche Warnung vor einem EU-Austritt teilen Ökonomen breit. 

  23. Biografie Alice Weidel (Diplom-Volkswirtin/-Kauffrau; Dr. rer. pol., Bayreuth 2011, magna cum laude; Goldman Sachs, Allianz Global Investors; Plagiatsverfahren 2023 ohne Ergebnis): Munzinger; de.wikipedia.org/wiki/Alice_Weidel. 

  24. Financial Times / Der Tagesspiegel, Interview Januar 2024: Brexit als „Modell für Deutschland”, Forderung nach Dexit-Referendum. 

  25. t-online, „AfD-Chefin: Für Euro-Austritt von Deutschland ist es zu spät”, 29.01.2024: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_100332310/afd-chefin-weidel-fuer-euro-austritt-von-deutschland-ist-es-zu-spaet.html 

  26. Zur Kombination aus Steuersenkungen und höheren Ausgaben im AfD-Wirtschaftskurs u. a. NBC News, Profil Alice Weidel, 2025. 

  27. UN-Charta, Art. 2 Abs. 4 (Gewaltverbot); UN-Generalversammlung, Resolution 68/262 (2014) zur territorialen Integrität der Ukraine sowie Resolution ES-11/1 (2022) zur Verurteilung der Aggression. 

  28. Biografie Rainer Rothfuß (Diplom-Geograph; W1-Juniorprofessur Politische Geographie, Tübingen 2009–2015; Studienstiftung; Kuratorium Desiderius-Erasmus-Stiftung; menschenrechtspolitischer Sprecher): de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Rothfuß; afdbundestag.de. 

  29. Äußerungen im russischen Staatsfernsehen (u. a. NTW/RT) Anfang 2022, Rechtfertigung von Invasion und Krim-Annexion, dokumentiert und belegt in: de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Rothfuß (mit dortigen Einzelnachweisen). 

  30. Zu Rothfuß’ Auftritten auf kremlnahen bzw. verschwörungsideologischen Kanälen und den dort vertretenen Deutungen: Recherchen des NDR-Medienmagazins ZAPP zu den „Druschba-Friedensfahrten”; weitere Einordnung bei allgaeu-rechtsaussen.de. – Vor Publikation Originalquelle/Sendungsbeleg verifizieren. 

  31. Biografie Marc Jongen (Dr. phil., Promotion bei Peter Sloterdijk; akademischer Mitarbeiter HfG Karlsruhe; „Parteiphilosoph” der AfD; MdB 2017–2024, seit 2024 MdEP): de.wikipedia.org/wiki/Marc_Jongen. 

  32. Presseurteile zum Vortrag am Hannah Arendt Center des Bard College (2017): Frankfurter Allgemeine Zeitung („philosophisch dürftig”) und Die Zeit („Bierzeltrede”), zitiert und nachgewiesen bei de.wikipedia.org/wiki/Marc_Jongen. 

  33. Äußerung zu Carl Schmitt bei einem Vortrag, wiedergegeben in einem zeitgenössischen Bericht (Südkurier, referiert u. a. bei conservo). (Vor Publikation Originalbeleg – Datum/Veranstaltung – verifizieren, da die Fundstelle sekundär ist.) 

  34. Zu Carl Schmitts NSDAP-Mitgliedschaft ab 1933, seiner Rolle als „Kronjurist” und seinen antisemitischen Schriften: einschlägige historische Standardliteratur; Überblick u. a. de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schmitt. 

  35. Umweltbundesamt (Lebenszyklus-Betrachtung, Neuzulassungen 2020, ~40 % Klimavorteil); Lebenszyklus-Rechnung von Transport & Environment (~30 % der Verbrenner-Emissionen). Zusammengefasst u. a. bei virta.global sowie science.lu. 

  36. Biografie Dirk Spaniel (promovierter Ingenieur/Dr.-Ing.; zuvor in der Fahrzeugentwicklung bei Daimler; verkehrspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion): Deutscher Bundestag; de.wikipedia.org/wiki/DirkSpaniel. (Vor Publikation genauen Titel/Promotionsfach verifizieren.)_ 

  37. „Rückkehr zum Pferd”: ecomento.de, „AfD-Politiker: E-Mobilität ‚nichts anderes als die Rückkehr zum Pferd’”, 28.12.2017: https://ecomento.de/2017/12/28/afd-verkehrsexperte-elektromobilitaet-nichts-anderes-als-die-rueckkehr-zum-pferd/ 

  38. AfD-Fraktion im Bundestag, PM „Spaniel: Elektromobilität ist nicht ökologisch”, 15.05.2019: https://afdbundestag.de/spaniel-elektromobilitaet-ist-nicht-oekologisch/ ; ähnlich im COMPACT-Interview 01/2019. 

  39. Zu den Wirkungsgraden (E-Antrieb ~80 %, Verbrenner ~30 %, fossiles Kraftwerk ~37 %) und zur Kettenrechnung: science.lu, „Elektroauto vs. Verbrenner”, 2023: https://www.science.lu/de/science-check/elektroauto-vs-verbrenner-welcher-autotyp-hat-den-besseren-co2-fussabdruck 

  40. Zum Treibhauseffekt als gesicherter Physik/Chemie: Grundlagen bei John Tyndall (1859) und Svante Arrhenius (1896); Standard-Lehrbuchwissen, u. a. dargestellt beim IPCC (AR6) sowie in jeder Einführung in die physikalische Chemie der Atmosphäre. 

  41. Biografie Rainer Kraft (Diplom-Chemiker LMU München; Promotion in anorganischer Chemie, Universität Münster; Chemieanlagenbau; klimapolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, Umwelt-/Klimaausschuss): Deutscher Bundestag; de.wikipedia.org/wiki/RainerKraft(Politiker). 

  42. Interview mit dem rbb-Magazin Kontraste, Leugnung der erwärmenden Wirkung von CO₂ und der Existenz des Treibhauseffekts; dokumentiert und nachgewiesen bei de.wikipedia.org/wiki/RainerKraft(Politiker). (Vor Publikation Original-Sendung/Datum verifizieren.) 

  43. Biografie Gunnar Beck (DPhil Oxford; Barrister; „Reader in Law”, SOAS University of London; EU-Rechtsberater der AfD 2014–2019; MdEP 2019–2024): en.wikipedia.org/wiki/Gunnar_Beck sowie Berichterstattung von LTO (s. u.). 

  44. Zitat und Rechtfertigung wiedergegeben bei t-online, „AfD löscht umstrittenen Professorentitel von Gunnar Beck”, 16.05.2019: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_85756344/afd-loescht-umstrittenen-professorentitel-von-gunnar-beck.html 

  45. LTO (Legal Tribune Online), „Europawahl: AfD-Kandidat Gunnar Beck – kein Professor, kein Fachanwalt”, Mai 2019: https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/europawahl-afd-gunnar-beck-kein-professor-kein-fachanwalt ; zuerst berichtet vom Verfassungsblog (Maximilian Steinbeis). 

  46. Zur Streichung der Titel durch die AfD selbst: t-online (s. 2 ).