Wo der Woid noch schmeckt — das Wirtshaus zur Emerenz in Schiefweg
Eine Würdigung des Wirtshauses zur Emerenz in Schiefweg bei Waldkirchen — ein denkmalgeschütztes Geburtshaus, ein Museum, eine kleine Speisekarte und sehr gute Küche. So geht Gastronomie im Bayerischen Wald.
Es gibt Wirtshäuser, in die man geht, weil man Hunger hat. Und es gibt Wirtshäuser, in die man geht, weil man etwas spüren will — etwas von dem, was dieser Fleck Erde einmal war und irgendwie immer noch ist. Das Wirtshaus zur Emerenz in Schiefweg bei Waldkirchen gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Wer von Waldkirchen aus die paar Kilometer nach Schiefweg fährt, landet am Dorfplatz eines kleinen Ortes, der auf den ersten Blick nicht viel verspricht: Kopfsteinpflaster, ein Rondell, das Schützenhaus, gelegentlich ein Traktor. Mehr bayerischer Wald geht eigentlich kaum. Und genau dort steht dieses Haus.
„Ein Haus mit Geschichte — und Geschichten"
Das Gebäude am Dorfplatz 9 ist kein gewöhnliches altes Gasthaus. Es ist das Geburtshaus von Emerenz Meier, und sein Alter wird auf mindestens 300 Jahre geschätzt. Ein massiver Stein-Holzbau, wie man ihn im Bayerischen Wald kennt: gedrungen, geerdet, unaufgeregt. Lange stand das Haus leer, verfiel zusehends, war zwischenzeitlich einsturzgefährdet. Dann kam der Verein.
1997 schlossen sich engagierte Bürger aus der Gegend zum Förderverein Emerenz-Meier-Haus e.V. zusammen, mit einem klaren Ziel: das Geburtshaus der Dichterin vor dem endgültigen Verfall zu retten und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Was folgte, war ein langer Atem, viel Herzblut und am Ende eine bemerkenswerte Gemeinschaftsleistung. Unter strikten Denkmalschutzauflagen wurde das Haus für rund 700.000 Euro liebevoll saniert — im Original belassen, was sich im Original belassen ließ, behutsam ergänzt, was ergänzt werden musste. Im September 2001 erstrahlte es in neuem Glanz. Für das Museum im Obergeschoss musste der Verein nochmals 300.000 Euro aufbringen, davon rund 100.000 aus privaten Spenden, den Rest aus EU-Fördermitteln. Am 15. Mai 2010 öffnete das Museum „Born in Schiefweg" seine Pforten.
Das Haus ist seitdem beides: Museum und Wirtshaus. Und das auf eine Art, die sich nicht gegenseitig stört, sondern gegenseitig bedingt.
„Die Emerenz — wer war das eigentlich?"
Man muss die Frau kennen, um diesen Ort wirklich zu verstehen. Emerenz Meier wurde am 3. Oktober 1874 in Schiefweg geboren, als Tochter von Wirtsleuten und Bauern, in ärmlichen, aber nicht chancenlosen Verhältnissen. Schon als Kind fiel sie auf: Sie las viel, schrieb früh — Goethe, Schiller, Heine, dazu eigene Gedichte und Geschichten über das Dorfleben, über die Menschen im Woid, über Sehnsucht und Armut. Der Vater hielt das für Zeitverschwendung. „Arbeite lieber was Gescheites", soll er gesagt haben. Die Tochter half trotzdem im Wirtshaus — und schrieb weiter.
1893 erschien in der Passauer Donau-Zeitung ihre erste Erzählung, die sie heimlich eingesandt hatte. Drei Jahre später, 1896, erschien ihr einziges Buch: „Aus dem bayrischen Wald", verlegt im ostpreußischen Königsberg. Der Schriftsteller Hans Carossa las es und wanderte zu Fuß nach Schiefweg, um sie zu besuchen. Sie wurde regional berühmt — ihre Fotografie in Tracht wurde auf Ansichtskarten verkauft, als „Gruß aus Waldkirchen". Das Wirtshaus, wo sie als Bedienung arbeitete, brachte ihr gleichzeitig den Ruf einer Frau ein, die es mit der Gesellschaft nicht so genau nahm. Die Dorfmoral war ungnädig.
Der Ruhm half wenig. Die finanzielle Lage blieb prekär, das Interesse an ihrer Arbeit ließ nach, der Vater hatte den Hof verspielt. 1906 folgte Emerenz der Familie in die Emigration — nach Chicago, ins sogenannte Waldler-Viertel, wo sich viele Auswanderer aus dem Bayerischen Wald niedergelassen hatten. Sie heiratete, verlor ihren ersten Mann, heiratete erneut, arbeitete in einer Wäscherei. Die Heimat fehlte ihr ihr Leben lang. In Briefen und Gedichten schrieb sie über ihren „Zeitlang", das bayerische Wort für ein tiefes, schwer zu beschreibendes Heimweh. Glücklich wurde sie in Amerika nie. Am 28. Februar 1928 starb Emerenz Meier in Chicago — 53 Jahre alt, fern von Schiefweg.
Neben Lena Christ gilt sie heute als bedeutendste bayerische Volksdichterin. Ihr Geburtshaus steht unter Denkmalschutz. Und im Erdgeschoss kann man ein Schnitzel essen.
„Das Museum im Obergeschoss: Born in Schiefweg"
Wer nach dem Essen noch Muße hat, geht nach oben. Das Museum „Born in Schiefweg" ist bayernweit das erste Auswanderermuseum und erzählt in acht Themenräumen die Geschichte von Emerenz Meier und der massenhaften Emigration aus dem Bayer- und Böhmerwald nach Amerika im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Räume heißen: „Die Mühsal", „Die Gabe", „Die Auflehnung", „Die Unruhe", „Die Beziehungen", „Die Projektion", „Die Auswanderung", „Die Neue Welt".
Das Konzept stammt vom Planungsbüro Atelier & Friends aus Grafenau. Es lebt vom Spannungsfeld zwischen Reduktion und inszenierten Räumen — interaktive Installationen, Audioguide mit den Stimmen von Ilse Neubauer und Wolf Euba, in den Boden eingeschlagene Nägel, die Emerenz' Weg von Schiefweg über München bis nach Chicago markieren. Auf einem Laufband kann man einem Ochsenpaar mit Pflug folgen. Und am Ende führt eine Schiffs-Reling symbolisch hinüber in die Neue Welt.
Das Hauptexponat aber ist das Haus selbst.
„Das Wirtshaus: Wenig auf der Karte, viel auf dem Teller"
Im Erdgeschoss ist man zurück in der Gegenwart — oder zumindest in einer Gegenwart, die sich Zeit lässt. Das Wirtshaus zur Emerenz hat drei Gaststuben: die Emerenzstube mit 40 Plätzen, die Marktrichterstube mit 22 Plätzen und einen kleinen Weinkeller für acht Personen. Im Sommer kommt der Bauerngarten hinzu, mit weiteren 50 Plätzen unter freiem Himmel.
Die Speisekarte ist klein. Bewusst klein. Das ist hier Programm, kein Mangel. Keine Frittierwanne, keine Geschmacksverstärker, keine seitenstarken Speisekarten voller Lückenfüller. Was auf dem Teller landet, ist regional und frisch. Der Küchenstil bewegt sich im Spannungsfeld zwischen bayerischer Hausmannskost und österreichischer Küche, was zu diesem Haus am Goldenen Steig eigentlich logisch passt — die kulturelle und geografische Nähe zu Österreich hat die Küche dieser Gegend immer beeinflusst.
Was die Gäste loben, ist bemerkenswert konsistent: das Wiener Schnitzel, die Kaspressknödel, der Quark- oder Topfenstrudel, das Pfeffersteak, frische Risottovariationen, sorgfältig zusammengestellte Salate. Die Weine kommen direkt vom Winzer, überwiegend österreichisch, zu moderaten Preisen. Die Portionen sind großzügig. Der Service ist freundlich und aufmerksam, ohne jede Serviceindustrie-Hektik.
Wer hier isst, merkt schnell: Jemand hat sich Gedanken gemacht. Nicht viel anbieten, aber das Wenige richtig — das ist schwerer als es klingt und wird in der Gastronomie immer seltener.
„Was diesen Ort besonders macht"
Es ist die Summe der Teile. Das dreihundert Jahre alte Gebäude. Die Geschichte, die in den Wänden steckt. Der Verein, der das alles möglich gemacht hat — ohne staatlichen Auftrag, aus bürgerschaftlichem Engagement heraus, über Jahre. Das Museum oben, das nicht museal, sondern lebendig wirkt. Die Küche unten, die es ernst meint. Der Bauerngarten, in dem man im Sommer sitzt und auf den Dorfplatz von Schiefweg schaut, als wäre die Zeit ein Optionalangebot.
Und im Hintergrund immer diese Frau — die Emerenz, die hier aufgewachsen ist, die im Wirtshaus Bier serviert und heimlich Gedichte geschrieben hat, die von Männern, die es besser wussten, belächelt wurde und am Ende doch in die Literaturgeschichte Bayerns eingegangen ist. Die gegangen ist, weil sie musste, und nie aufgehört hat, an diesen Ort zu denken.
Man sitzt im Wirtshaus zur Emerenz und isst gut. Und wenn man weiß, was in diesem Haus steckt, schmeckt es nochmal ein bisschen besser.
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Wirtshaus zur Emerenz Dorfplatz 9, 94065 Waldkirchen / Ortsteil Schiefweg Tel.: 08561 / 989190 Mittwoch bis Sonntag geöffnet, Montag und Dienstag Ruhetag Warme Küche: 11.30–14.00 Uhr und 17.30–21.00 Uhr An Feiertagen immer geöffnet https://www.wirtshaus-zur-emerenz.de/
Museum „Born in Schiefweg": Öffnungszeiten richten sich nach dem Wirtshaus https://born-in-schiefweg.de/
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