Kirby - ein Erfahrungsbericht

Kirby ist ein Flat-File-CMS aus Deutschland, das in der Entwickler-Community einen guten Ruf genießt. Kein Datenbankzwang, saubere Dateistruktur, PHP-basiert – das klingt nach einem schlanken, wartungsarmen System. Und grundsätzlich stimmt das auch. Aber wer Kirby zum ersten Mal produktiv einsetzt, wird feststellen: der Weg vom frischen Starterkit zur alltagstauglichen Redaktionsumgebung ist deutlich länger als erwartet.

Der erste Eindruck täuscht

Die Installation ist tatsächlich unkompliziert. Ein paar Dateien auf den Server, Composer ausgeführt, fertig. Das Panel – Kirbys Adminoberfläche – ist aufgeräumt und modern gestaltet. Wer WordPress gewohnt ist, wird sich zunächst über die Schlichtheit freuen.

Doch schon bei den ersten Schritten in der Redaktion tauchen Fragen auf, die das System nicht intuitiv beantwortet.

Die Toolbar-Falle

Ein scheinbar simples Problem: Der Text-Editor im Panel zeigt keine Formatierungsleiste. Bold, Kursiv, Links – alles unsichtbar. Die Lösung: Die Toolbar erscheint nur, wenn man Text markiert. Sie ist kontextsensitiv und schwebt dann über dem markierten Text. Das ist eine bewusste Designentscheidung, aber nirgends wird der Nutzer darauf hingewiesen. Wer das nicht weiß, sucht stundenlang nach einem Konfigurationsfehler – und findet keinen, weil es keinen gibt.

Markdown oder Writer oder Blocks?

Kirby bietet mehrere Wege, Inhalte zu erfassen: den Writer-Block mit WYSIWYG-Ansatz, den Markdown-Block für direkte Texteingabe, und den Blocks-Editor als übergeordnetes System. Diese drei Konzepte nebeneinander zu verstehen, ihre Vor- und Nachteile abzuwägen und für den eigenen Anwendungsfall das Richtige auszuwählen – das kostet Zeit und erfordert ein gewisses technisches Grundverständnis.

Wer ## für Überschriften tippen möchte wie in jedem anderen Markdown-fähigen System, muss erst herausfinden, dass dafür der Markdown-Block zuständig ist – und nicht der Writer-Block, der trotz Markdown-ähnlicher Syntax anders funktioniert.

Sicherheitseinstellungen sind nicht voreingestellt

Kirby weist im Panel auf eine potenzielle Sicherheitslücke hin: Der Vue 2 Template Compiler ist standardmäßig aktiv und bekanntermaßen verwundbar. Die Empfehlung lautet, ihn in der config.php zu deaktivieren. Das ist mit einer einzigen Konfigurationszeile erledigt – aber nur, wenn man den Hinweis versteht und weiß, wo man ihn umsetzen muss. Out of the box ist diese Einstellung nicht gesetzt.

Plugin-Kompatibilität ist ein Thema

Das Plugin-Ökosystem von Kirby ist überschaubar, aber vorhanden. Allerdings sind nicht alle Plugins auf dem gleichen Stand. Manche laufen problemlos unter Kirby 5, andere stammen aus der Kirby-3-Ära und funktionieren schlicht nicht mehr. Auch Beta-Plugins können unerwartete Nebeneffekte haben – in unserem Fall hat ein SEO-Plugin den Writer-Block beeinflusst, ohne dass das auf den ersten Blick erkennbar war.

Blueprints – mächtig, aber komplex

Kirbys Konfiguration erfolgt über YAML-Blueprints. Das ist ein eleganter Ansatz, der viel Flexibilität bietet. Aber die Dokumentation setzt ein gewisses Vorwissen voraus, und kleine Fehler im Einzug oder in der Struktur führen zu unerwartetem Verhalten – ohne aussagekräftige Fehlermeldung.

Fazit

Kirby ist ein solides, gut durchdachtes CMS für Entwickler und technisch versierte Anwender. Die Qualität des Codes, die Sauberkeit der Architektur und die Flexibilität des Systems sind beeindruckend. Aber wer erwartet, dass Kirby nach der Installation sofort alltagstauglich ist, wird enttäuscht.

Bis das System für den täglichen Redaktionsbetrieb wirklich bereit ist, braucht es Zeit, Einarbeitung und die Bereitschaft, sich durch Dokumentation und Fallstricke zu arbeiten. Für einen erfahrenen Entwickler ist das kein Problem. Für Redakteure, die einfach schreiben wollen, ist Kirby in seiner Grundform noch kein Selbstläufer.

Wer diese Investition scheut, ist mit Ghost oder einem anderen CMS möglicherweise schneller am Ziel. Wer sie bereit ist zu leisten, bekommt dafür ein System, das langfristig wenig Wartungsaufwand verursacht und sich exakt an die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt.

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